Wo die Langlebigkeit wohnt

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung hat sich die Lebenserwartung in Ost- und Westdeutschland weitgehend angeglichen. Die Unterschiede zwischen neuen und alten Bundesländern wurden abgelöst durch ein Süd-Nord-Gefälle. Zu den Regionen mit der niedrigsten Lebenserwartung zählen inzwischen das Ruhrgebiet und das Saarland. Am längsten leben die Menschen im Süden Deutschlands.

„Damit haben sich die Verhältnisse innerhalb eines Jahrhunderts umgekehrt“, sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Denn um 1910 wurden die Menschen im Norden des Landes merklich älter als in Bayern und anderen südlichen Regionen. Das ergab eine Studie, die Klüsener jetzt zusammen mit seinen Kollegen Rembrandt Scholz und Eva Kibele in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlichte.

Die Forscher legen damit die erste deutschlandweite Analyse regionaler Trends in der Lebenserwartung von 1910 bis 2010 vor. Sie beruht auf historischen Daten des Statistischen Reichsamtes, der Zentralverwaltung für Statistik der DDR und den Geburtsstatistiken der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Herausgekommen ist ein differenziertes Bild der Entwicklung in Hunderten von Gebieten.

Insgesamt sei die Lebenserwartung im Untersuchungszeitraum um gut dreißig Jahre angestiegen, sagt Sebastian Klüsener. Neugeborene Jungen hatten im Jahr 1910 durchschnittlich rund 47 Jahre vor sich, bei den Mädchen waren es 51 Jahre. Im Jahr 2010 hingegen konnten neugeborene Jungen mit 78 Jahren und Mädchen mit 83 Jahren rechnen. Abgeschlossen ist diese Entwicklung nach übereinstimmender Expertenmeinung keineswegs. Doch während die Zugewinne in früheren Jahrzehnten vor allem die erste Lebenshälfte betrafen – die Kindersterblichkeit sank, Infektionen und Seuchen wurden zurückgedrängt – sind sie inzwischen vor allem in der zweiten Lebenshälfte zu verzeichnen.

Folgen der kardiovaskulären Revolution

Begonnen hat dieser Trend im Westen Deutschlands Anfang der 1970er-Jahre mit der sogenannten kardiovaskulären Revolution. Durch Medikamente und operative Eingriffe können Herz-Kreislauf-Erkrankungen seither besser behandelt werden. Bis zu dieser Zeit war die Lebenserwartung in Ost und West annähernd parallel verlaufen. Doch nun entwickelte sich eine Ost-West-Kluft, die bis zur Wende immer markanter wurde. Im Jahr 1989 konnten Frauen in der Bundesrepublik im Schnitt mit 2,6 mehr Lebensjahren rechnen als Frauen in der DDR; bei den Männern machte der Unterschied 2,4 Jahre aus.  

„Die DDR investierte vor allem in die Gesundheit ihrer jungen Bevölkerung“, sagt Sebastian Klüsener. Die kostenlose medizinische Versorgung mit flächendeckenden Impfprogrammen und Früherkennungsuntersuchungen sei auf den Erhalt der Arbeitskraft ausgerichtet gewesen. Klüsener: „Die Bevölkerung im Rentenalter stand weniger im Fokus.“ Außerdem habe die DDR sich die teure medizinische Infrastruktur, die nötig ist, um die Lebenserwartung älterer Menschen zu erhöhen, nur bedingt leisten können.

Mit der Wiedervereinigung begann eine Trendwende. Zwar lebten die Frauen in den alten Bundesländern im Jahr 1996 noch durchschnittlich ein Jahr länger als Frauen in den neuen Ländern. Doch inzwischen ist der Vorsprung auf wenige Monate zusammengeschmolzen (West: 82,8 Jahre; Ost: 82,6 Jahre). Bei den Männern liegt der Westen noch mehr als ein Jahr vor dem Osten (West: 78 Jahre; Ost: 76,6 Jahre). Allerdings haben die neuen Bundesländer enorm aufgeholt – vor allem in der männlichen Bevölkerung im Nordosten: Spitzenreiter ist hier der Landkreis Rostock mit einem Plus von sechseinhalb Jahren zwischen 1996 und 2010.

Schlusslicht Saarland

Während sich die Ost-West-Kluft zunehmend schließt, vergrößern sich die Unterschiede zwischen dem Norden und Süden Deutschlands. Nicht zu übersehen ist der Wandel beim Blick auf die Lebenserwartung von Frauen (siehe Karten). Mit knapp 84 Jahren liegt diese am höchsten in Baden-Württemberg, gefolgt von Sachsen, Bayern und Hessen. Nach Norden hin sinkt die Lebenserwartung für Frauen. Am niedrigsten ist sie in einigen Gegenden des Ruhrgebiets und im Saarland, wo sie bei 81 Jahren liegt. „Die betroffenen Teile des Ruhrgebiets sehen auf der Karte zwar klein aus, aber dort wohnen ähnlich viele Menschen wie in manchen ostdeutschen Bundesländern“, erläutert Rembrandt Scholz, Demograf und Mit-Autor der Studie.  

Insgesamt betrachtet gleicht der Atlas der Lebenserwartung heute  einem Flickenteppich mit Süd-Nord-Gefälle. „Wie eine Region hier abschneidet, hängt inzwischen primär von ihrer Wirtschaftskraft ab“, sagt Sebastian Klüsener. Dieser Effekt werde durch Wanderungsströme weiter verstärkt, ergänzt Rembrandt Scholz: „Hoch entwickelte Regionen ziehen Menschen mit hohem Bildungsgrad an, die deutlich länger leben.“

Mehlbrei statt Muttermilch

Zunehmend weniger Einfluss auf die Lebenserwartung haben Umweltbelastungen: Sie konnten durch den technischen Fortschritt eingedämmt werden. Aber auch kulturelle Faktoren sind nicht mehr so bedeutsam wie früher. Um 1910 war es zum Beispiel in Bayern üblich, Säuglinge mit Mehlbrei zu füttern, statt sie wie andernorts zu stillen. Weil das Wasser oft mit Keimen verunreinigt war, starben viele Babys an Durchfall. Klüsener: „In Nordwestdeutschland betrug die Säuglingssterblichkeit damals 10 Prozent, in Bayern lag sie bei bis zu 30 Prozent.“

Dass sich innerhalb eines Jahrhunderts die Verhältnisse derart umfassend ändern können, ist für die Rostocker Demografen ein ermutigendes Ergebnis ihrer Studie. Sebastian Klüsener: „Heute benachteiligte Regionen müssen nicht im Abseits bleiben, sie können ihr Schicksal zum Guten wenden.“

 

Von Lilo Berg

 

Literatur:

Eva U. B. Kibele, Sebastian Klüsener, Rembrandt D. Scholz (2015): Regional Mortality Disparities in Germany – Long-Term Dynamics and Possible Determinants, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. DOI 10.1007/s11577-015-0329-2

Grafiken: Max-Planck-Institut für Demografische Forschung