Wenn die Gene das Kommando übernehmen

Wie alt wir werden, hängt zu drei Vierteln von unserem Lebensstil ab und zu einem Viertel von unseren Genen – so lautet ein wichtiger Befund der modernen Gerontologie. Dass sich im sehr hohen Alter die Anteile offenbar umkehren und die Genetik zum entscheidenden Faktor wird, berichten jetzt Wissenschaftler von der Boston University School of Medicine in der Zeitschrift Journal of Gerontology: Biological Sciences.

Geschwister von 90-Jährigen werden nur in seltenen Fällen ebenso alt, wie die Studie zeigt: Im Vergleich zu anderen Personen ihres Geburtsjahrgangs ist ihre Chance lediglich um das 1,7fache größer. Doch dann übernehmen die Gene allmählich das Kommando: Wird ein Geschwister 95 Jahre alt, erreichen die anderen mit einer 3,5fach erhöhten Wahrscheinlichkeit das gleiche Alter; bei 100-Jährigen liegt die Chance sogar um das Neunfache höher. Und wird ein Mensch 105 Jahre alt, schreiben die Forscher um die Biostatistikerin Paola Sebastiani, dann leben seine Brüder und Schwestern mit einer 35 Mal höheren Wahrscheinlichkeit ebenso lange. Derart betagt, schränken die Autoren der Studie ein, werden allerdings nur sehr wenige Menschen.

„Unsere Ergebnisse stützen die Vorstellung, dass im sehr hohen Alter die genetische Ausstattung eine immer größere Rolle spielt“, sagt der Letztautor der Studie, Thomas Perls, in einem Interview mit dem Forschungs-Informationsdienst MedicalResearch.com. „Wir vermuten darüber hinaus, dass die Genkombinationen, die ein Überleben bis zum 95. Lebensjahr fördern, sich deutlich von denjenigen unterscheiden, die einige Menschen 105 Jahre werden lassen.“

Ähnliche Krankheitsmuster im sehr hohen Alter

Von diesem hohen Alter an habe das Überleben zu 75 Prozent mit dem individuellen Genprofil zu tun und nur noch zu 25 Prozent mit der Lebensweise, glaubt der renommierte Mediziner. Seine Annahme decke sich mit der Beobachtung, dass Menschen sich in ihren Krankheiten immer mehr ähneln, wenn sie einmal ein Alter von 105 Jahren erreicht haben. Die typischen Alterskrankheiten setzten bei ihnen überdies häufig zur gleichen Zeit ein. Von 110-Jährigen, sogenannten Supercentenarians, wisse man, dass viele von ihnen bis zu einem Alter von 105 gesund waren und ernste Krankheiten sich erst in den letzten Lebensjahren häuften.

Möglich wurde die Bostoner Studie durch das von Thomas Perls gegründete und mit 1.500 Teilnehmern weltweit größte Register von Hundertjährigen und ihren Familien, die New England Centenarian Study. Für die aktuelle Untersuchung haben die Forscher mehr als 1.900 Geschwisterbeziehungen von Hochbetagten analysiert.

Über die konkreten Ergebnisse hinaus hoffen die Bostoner Forscher, mit ihrer Studie zu einer exakteren Definition wichtiger Fachtermini beitragen zu können. Derzeit würden die Begriffe Altern, Lebensspanne und außergewöhnliche Langlebigkeit in oft unterschiedlicher Bedeutung verwendet. So sei die pauschale Aussage, Langlebigkeit und Lebensspanne seien zu rund 25 Prozent genetisch bedingt, nach den neuen Befunden nicht länger zu halten. Die Aussage basiert auf Studien, die vor rund dreißig Jahren an skandinavischen Zwillingen vorgenommen wurden: Die ältesten unter ihnen waren Ende Achtzig.

Wie gesundes Verhalten die Lebenserwartung erhöht

Bis zu diesem Alter lasse sich die Lebenserwartung auf beeindruckende Weise durch einen gesunden Lebensstil steigern, sagt Thomas Perls. Das werde am Beispiel der Siebenten-Tags-Adventisten deutlich, einer protestantischen Freikirche, deren Mitglieder sich vegetarisch ernähren, regelmäßig Sport treiben und Alkohol wie auch Tabak meiden. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 88 Jahren und damit fast acht Jahre über dem in vielen Ländern gültigen Wert.

Angesichts des offenbar entscheidenden Einflusses genetischer Faktoren jenseits eines Alters von 105 Jahren, plädieren die Autoren der neuen Studie dafür, die Suche nach Langlebigkeitsgenen auf diese Altersgruppe zu konzentrieren.

 

Von Lilo Berg

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Weiterführende Informationen:

Paola Sebastiani et.al., Increasing Sibling Relative Risk of Survival to Older and Older Ages and the Importance of Precise Definitions of „Aging“, „Life Span“ and „Longevity“, J Gerontol A Biol Sci Med Sci, 2015 DOI: 10.1093/gerona/glv020

MedicalResearch.com Interview with: Thomas Perls, MD, MPH Professor (2015): Living Past 100 May Be In Our Genes.

 

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