Wenn das Leben zur Neige geht

Die meisten älteren Menschen sind zufrieden und fühlen sich wohl, wie Befragungen immer wieder zeigen. Doch gegen Ende des Lebens schlägt die positive Stimmung häufig um und weicht tiefer Trauer und Niedergeschlagenheit. Warum nur?

Viele Ärzte und Pflegende kennen das Phänomen: In der Nähe des Todes gewinnen die dunklen Gefühle oft die Oberhand und sind kaum noch zu vertreiben. Zur Erklärung wird meistens auf Einbußen hingewiesen, die das Alter mit sich bringt: chronische Krankheiten zum Beispiel oder der zunehmende Verlust von Verwandten und Freunden. Doch immer deutlicher zeichnen sich andere Zusammenhänge ab.

© Universität Heidelberg, Netzwerk Alternsforschung

© Universität Heidelberg, Netzwerk Alternsforschung

So scheint der Tod regelrecht seine Schatten vorauszuwerfen, wie aktuelle Ergebnisse der psychologischen Forschung vermuten lassen. „Sie belegen einen sehr engen Zusammenhang zwischen dem Abkippen des Wohlbefindens und der Nähe zum Tod“, sagt Hans-Werner Wahl (Foto), Professor für Psychologische Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Dank neuartiger Analysemethoden weisen seine Daten und auch die anderer Forscher sogar auf einen Zeitpunkt hin, von dem an sich die Stimmung beschleunigt verdüstert: „Dieser Übergangspunkt liegt etwa vier bis sechs Jahre vor dem Tod und ist nicht allein durch das Auftreten schwerer Krankheiten zu erklären.“

Auch mit dem chronologischen Alter hat das sogenannte Distance-to-Death-Phänomen offenbar wenig zu tun. Das gehe aus Längsschnittstudien hervor, sagt Wahl: „70-Jährige mit rückblickend betrachtet nur noch kurzer Lebenserwartung zeigten sich bei Befragungen deutlich unzufriedener mit ihrem Leben als beispielsweise 90-Jährige, die noch etliche Jahre vor sich hatten.“ Dieses Muster lasse sich zwar nicht bei allen, aber doch bei den meisten Befragten beobachten.

Ist es nur der Verstand?

Dass bestimmte geistige Fähigkeiten am Ende des Lebens oft rapide nachlassen, wies 1962 erstmals der amerikanische Forscher Robert W. Kleemeier nach. Er prägte den Begriff „Terminal decline“, der für den kognitiven Niedergang vor dem Tod steht. Doch ist tatsächlich nur der Verstand betroffen oder berührt der Abbau auch andere Dimensionen, etwa das seelische Wohlbefinden? Dieser Frage geht die psychologische Forschung seit gut zehn Jahren verstärkt nach.

Möglich wird das durch die Ergebnisse langjähriger sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. In Deutschland stammen die Daten häufig aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP). Darauf aufbauend, aber auch mithilfe anderer Datensätze, hat etwa die Arbeitsgruppe um Denis Gerstorf von der Humboldt-Universität Berlin die Forschungsrichtung in den vergangenen Jahren beflügelt. Wichtige Impulse kommen auch aus Nationen wie den USA, Japan, Schweden und den Niederlanden mit ihren landeseigenen Längsschnittuntersuchungen – und zunehmend aus China, wo im Rahmen der China Health and Retirement Longitudinal Study nach dem Wohlbefinden im Alter gefragt wird. Für die Distance-to-Death-Forschung werden die Befunde solcher Studien mit den Jahren immer interessanter. Und wenn die langjährig Befragten schließlich versterben, können die Wissenschaftler im Rückblick analysieren, wie sich die Zufriedenheitswerte in Relation zum Todeszeitpunkt entwickelt haben.

Das Stimmungstief am Lebensende sei weltweit in den Erhebungen abzulesen, sagt Hans-Werner Wahl. Es könnte sich, so vermutet er, um ein kulturübergreifendes Phänomen handeln, das eng mit den biologischen Abbauprozessen am Ende des Lebens verknüpft ist. Womöglich führe die Distance-to-Death-Forschung sogar zu einem neuen Verständnis des Sterbeprozesses und zu mehr Wissen darüber, wann dieser beginnt und welchen Verlauf er nimmt. „Angesichts unserer Erkenntnisse ist man versucht zu sagen, wir spüren die Nähe des Todes, aber für derart weitreichende Aussagen reichen die Daten noch nicht aus“, sagt der Heidelberger Psychologe. Er plädiert daher für mehr gezielte Studien zum Wohlbefinden Hochaltriger, um die Zusammenhänge noch systematischer aufzuklären. 

Paradoxe Zufriedenheit

Überraschend ist das emotionale Tief am Lebensende auch angesichts einer im Alter oft kontinuierlich ansteigenden Zufriedenheitskurve. Selbst unter Hochbetagten sagen immer noch rund 90 Prozent, sie seien zufrieden mit ihrem Leben – und das trotz vielfältiger Krankheit und Behinderung. Forscher haben dafür den Begriff Zufriedenheitsparadox geprägt. Ihre Untersuchungen räumen auch auf mit der Vorstellung, dass die Angst vor dem Tod mit dem Alter zunimmt. „Von solchen Ängsten werden vor allem Menschen mittleren Alters geplagt“, berichtet Hans-Werner Wahl, „mit höherem Alter lässt das eher nach.“

Der genaue Blick auf das Erleben und Verhalten im hohen Alter wird immer wichtiger. Heute sind vier Prozent der Deutschen achtzig Jahre und älter; um das Jahr 2050 dürfte der Anteil dieser Altersgruppe bei 13 Prozent liegen, schätzt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Jedes zweite, heute geborene weibliche Baby hat eine Lebenserwartung von hundert Jahren. „Wir steuern auf eine Gesellschaft der Hochaltrigen zu“, sagt Wahl und weist darauf hin, dass das hochkomplexe System Mensch in nur wenigen Jahrzehnten seine Lebensdauer verdoppelt hat.

Doch die extreme Langlebigkeit ist nicht nur ein Geschenk, sie fordert auch ihren Tribut. Ein Indiz ist das nachlassende Wohlbefinden in den Jahren vor dem Tod. „Wir Psychologen sehen das ja oft als Depression“, sagt der Heidelberger Wissenschaftler: „Aber vielleicht ist das ja gar keine wirkliche Depression, sondern ein besonderer Zustand, der am Ende des Lebens sinnvoll für uns sein könnte und uns hilft, den Tod anzunehmen.“

So verstanden, könnte der emotionale Wendepunkt ein wertvoller Impuls sein: um wichtige Dinge zu regeln, für einen Rückblick auf das Leben und einen bewussten Abschied. Hochbetagte seien meist ausgesprochen offen für Gespräche über die letzten Dinge, sagt Hans-Werner Wahl, der sich mehr Angebote für eine längere Begleitung am Lebensende wünscht. Hier sieht er ein großes Zukunftspotenzial für Palliativmedizin und Pflegewissenschaften: „Ihnen eröffnen die Erkenntnisse der Distance-to-Death-Forschung ganz neue Chancen – sie müssen sich nur noch mehr herumsprechen.“

Von Lilo Berg

Literatur:

Mona Diegelmann, Oliver Schilling, Hans-Werner Wahl (2016): Feeling blue at the end of life – Trajectories of depressive symptoms from a distance-to-death perspective, Psychology and Aging doi: 10.1037/pag0000114

Gerstorf, Denis, Nilam Ram, Guy Mayraz, Mira Hidajat, Ulman Lindenberger, Gert G. Wagner, Jürgen Schupp (2010): Late-Life Decline in Well-Being Across Adulthood in Germany, the UK, and the US: Something is Seriously Wrong at the End of Life, Psychology and Aging doi: 1037/a0017543

Nina Vogel, Oliver Schilling, Hans-Werner Wahl, AT Beekman, Brenda Penninx (2013): Time-to-death-related change in positive and negative affect among older adults approaching the end of life, Psychology and Aging doi: 10.1037/a0030471     

Buch-Ankündigung:

Hans-Werner Wahl: Die neue Psychologie des Alterns. Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase, Kösel Verlag, München 2017 (Erscheinungstermin: 22. Mai), ISBN: 978-3-466-34637-0

Foto Startseite: Drei Generationen © Mike Souza 2011 via Flickr https://flic.kr/p/ae1dZJ CC BY-NC-ND 2.0