Was Rentnern Lust aufs Ehrenamt macht

Wenn ältere Menschen sich ehrenamtlich engagieren, nützt das nicht nur der Gesellschaft. Auch sie selbst profitieren davon, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Gesundheit und Wohlbefinden nehmen zu, der Verstand bleibt rege und offenbar steigt sogar die Lebenserwartung. Doch von einem Run aufs Ehrenamt sind Europas Rentner weit entfernt: Weniger als 20 Prozent von ihnen engagieren sich freiwillig. Warum sind es nicht mehr?

Vielleicht hängt die Bereitschaft zum Ehrenamt im Ruhestand stärker als gedacht von der Qualität des Erwerbslebens ab. Diese Vermutung überprüfte ein deutsch-britisches Forscherteam erstmals in einer europaweiten Studie. Tatsächlich, so geht aus den im Fachblatt Population Ageing veröffentlichten Befunden hervor, erhöht eine angemessene Anerkennung im Berufsleben die Wahrscheinlichkeit für späteres freiwilliges Engagement. Umgekehrt sinkt diese Bereitschaft, wenn die Erwerbstätigkeit durch psychosozialen Stress geprägt ist.

Die Wissenschaftler um den Medizinsoziologen Morten Wahrendorf von der Universität Düsseldorf werteten für ihre Untersuchung die Angaben von knapp 12 000 weiblichen und männlichen Ruheständlern aus 13 europäischen Ländern aus. Sie alle tragen zu einer europaweiten Langzeitstudie namens SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) bei: etwa durch Angaben zum Berufsleben, zur wirtschaftlichen und gesundheitlichen Situation oder über ehrenamtliche Tätigkeiten – in sozialen und kulturellen Einrichtungen, im Sportverein oder für den Umweltschutz.

Wie psychosozialer Stress nachwirkt

Johannes Siegrist, Universität Düsseldorf

Johannes Siegrist, Universität Düsseldorf

„Es ist erstaunlich, wie weit der lange Arm der Erwerbstätigkeit in die nachberufliche Phase hineinreicht“, sagt der Letztautor der Studie und Seniorprofessor für Psychosoziale Arbeitsbelastungsforschung an der Universität Düsseldorf, Johannes Siegrist (Foto). Ob sich ältere Menschen in den Dienst der Gemeinschaft stellen, hängt, das zeigt die Studie, weniger vom Einkommen oder von körperlichen Behinderungen ab als vielmehr vom Ausmaß des im Berufsleben erfahrenen psychosozialen Stresses. Diesen definieren die Studienautoren als das Erleben geringer Kontrolle über die Arbeitssituation bei gleichzeitig geringer Anerkennung der erbrachten Leistung.

Zum Zeitpunkt der Befragung – sie fand in den Jahren 2008 und 2009 statt – waren die Teilnehmer der Studie im Durchschnitt 68 Jahre alt. Ein Ehrenamt übten 14 Prozent von ihnen aus, wobei Männer und Personen ohne Behinderungen leicht in der Überzahl waren. 16 Prozent der Befragten berichteten von sehr wenig Kontrolle oder sehr wenig Wertschätzung im Berufsleben. Je einfacher die Arbeit gewesen war und je kleiner das Vermögen ausfiel, desto seltener wurde später ein Ehrenamt übernommen. Die gleiche Wirkung hatten geringe Anerkennung und wenig Entscheidungsfreiheit im Job.

Große Unterschiede in Europa

Auffällige Unterschiede zeigen sich zwischen den untersuchten Ländern. Während der nachberufliche Dienst an der Gemeinschaft im Norden Europas und vor allem in den Niederlanden relativ weit verbreitet ist, rangiert der Süden und Osten Europas am Ende der Skala. Studienteilnehmer aus diesen Regionen berichteten denn auch über deutlich mehr psychosozialen Stress im früheren Arbeitsleben als etwa Niederländer, Skandinavier oder Schweizer. Während die Häufigkeit von Arbeitsstress in Deutschland, Dänemark, Schweden und der Schweiz, also Ländern mit hoher Beteiligung am Ehrenamt, in einem Bereich von sieben bis zwölf Prozent liegt, beträgt sie in Griechenland, dem Land mit nur drei Prozent Ehrenamtlichen, rund 28 Prozent.

„Im Norden Europas haben Zivilgesellschaft und freiwilliges Engagement einen weit höheren Stellenwert als im eher familienzentrierten Süden und Osten“, sagt Johannes Siegrist. Die Studie zeige jedoch, dass kulturelle Unterschiede die Unterschiede beim freiwilligen Engagement nur zum Teil erklären. Einen großen Einfluss haben demnach Armut, soziale Ungleichheit und schlechtere Arbeitsbedingungen als im Norden. Siegrist: „Die Europapolitik muss hier unbedingt für Ausgleich sorgen.“

Anerkennung fördert die Gesundheit

Seit vielen Jahren weist der Düsseldorfer Medizinsoziologe auf die gesundheitlichen Folgen von beruflichem Stress hin. Von ihm stammt das heute in der Forschung weltweit angewandte Modell der beruflichen Gratifikationskrise. Demnach ist eine faire Balance zwischen Leistung und Belohnung wesentlich für die Gesundheit arbeitender Menschen. Gerät dieses Gleichgewicht aus den Fugen, steigt die Gefahr stressbedingter Erkrankungen, etwa von Burnout, Depressionen oder Herzleiden. Eine Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse legte Johannes Siegrist kürzlich mit dem Band „Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen“ vor.

Die neue Studie erweitert den Geltungsbereich des Modells auf die nachberufliche Phase. Ins Positive gewendet gilt demnach: Wer früher gute Arbeitsbedingungen hatte, übernimmt später eher ein Ehrenamt und stärkt damit seine Gesundheit. Angesichts der steigenden Lebenserwartung müsse dieser Weg weitaus mehr Menschen geebnet werden, sagt Siegrist, der als Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission „Demografischer Wandel“ für die Leopoldina tätig ist.

Mit einer neuen Kultur der Anerkennung könne schon viel erreicht werden, sagt der Medizinsoziologe: „Dabei geht es vor allem um mehr echte Wertschätzung.“ Wie sich negativer Stress im Beruf senken lasse, könne man an vielen Beispielen in den skandinavischen  Ländern, den Niederlanden, der Schweiz und in Kanada lernen. „Deutschland hat auf diesem Gebiet großen Nachholbedarf“, sagt Johannes Siegrist. Vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen sei die psychosoziale Belastung oft hoch.

Siegrist wirbt dafür, dass Firmen ihren älteren Arbeitnehmern dabei helfen, Perspektiven für später zu entwickeln: „Es geht darum, den enttäuschten oder gar verbitterten Rückzug aus dem Berufsleben zu vermeiden.“ Das dürfte viele Menschen nicht nur gesünder machen, sondern auch geneigter, der Gemeinschaft durch ehrenamtliche Tätigkeit etwas zurückzugeben. 

 

von Lilo Berg

 

Literatur:

Wahrendorf, Morten et. al: Linking Quality of Work in Midlife to Volunteering During Retirement: a European Study (2015): Population Ageing, DOI 10.1007/s12062-015-9129-8

Johannes Siegrist: Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen – Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen (2015), Verlag Urban & Fischer, 190 Seiten, 49,99 Euro, ISBN 978-3-437-24266-3

Ehrenamt in Deutschland

Wie es um den ehrenamtlichen Einsatz in Deutschland bestellt ist, dokumentiert der Deutsche Freiwilligensurvey. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen in Berlin erstellt diesen Bericht im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Im Dezember wird die vierte Ausgabe dem Ministerium übergeben, Anfang 2016 soll sie veröffentlicht werden.

Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder oder doch lieber Übungsleiter im Sportverein: Bei der Suche nach dem passenden Ehrenamt helfen hierzulande mehr als 500 Freiwilligenagenturen und 350 Seniorenbüros.

Deutscher Freiwilligensurvey

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V.

Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros

Foto Startseite: CC BY 2.0 Volunteer David Cundiff shows children how to make a newspaper planter for seeds (URL); by USFS Region 5, auf Flickr