Von Japan lernen

Deutschland und Japan haben viele demografische Gemeinsamkeiten. Ein sehr niedriges Geburtenniveau geht in beiden Ländern einher mit einer kontinuierlich steigenden Lebenserwartung. Der rasante Wandel ihrer Bevölkerungen stellt die Politiker vor große Herausforderungen. Bei einem Symposium in Berlin vereinbarten sie eine engere Zusammenarbeit, um verstärkt voneinander zu lernen.

In Tokyo. Foto: damon jah 2013 via Flickr https://flic.kr/p/qFhytb

In Tokyo. Foto: damon jah 2013 via Flickr https://flic.kr/p/qFhytb

Kein Land der Welt altert und schrumpft derzeit so schnell wie Japan. Doch Deutschland kommt diesem Rekordniveau schon recht nahe. „Beide Länder haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien“, sagte Friederike Bosse bei der Eröffnung des Symposiums „Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandels in Deutschland und Japan“. Die Generalsekretärin des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin (JDZB) erwähnte die höhere Frauenerwerbstätigkeit und familienpolitische Maßnahmen, auf die man in beiden Nationen setze. Deutliche Unterschiede zeigten sich jedoch beim Thema Migration, so Bosse: „Japan versucht, ohne Zuwanderung auszukommen.“

Deutschland ziehe einen anderen Weg vor, sagte Elke Ferner, Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium: „Wir sind gerade dabei zu akzeptieren, dass wir Zuwanderung brauchen.“ Im Zustrom von Flüchtlingen sieht die Politikerin eine große Chance: „Sie werden uns helfen, die demografische Wende zu bestehen.“ (Zum deutsch-japanischen Vergleich siehe Gespräch mit Dr. Matthias von Schwanenflügel, Leiter der Abteilung „Demografischer Wandel, Ältere Menschen, Wohlfahrtspflege.“)

Gesund bis ins hohe Alter

In Japan hingegen zeichnet sich ein drastischer Bevölkerungsrückgang ab. Sein Land habe derzeit rund 127 Millionen Einwohner, sagte Tomoaki Katsuda, stellvertretender Minister im Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales. Für das Jahr 2060 gehe man von nur noch 87 Millionen Bürgern aus, wobei der Anteil älterer Menschen über 60 Jahre dann voraussichtlich bei 40 Prozent liegen werde. Seine Landsleute könnten nicht nur mit einem sehr langen Leben rechnen, sagte der hochrangige Politiker: „Japan hat auch die längste gesunde Lebenswartung weltweit und darauf sind wir stolz.“ Führend sei man auch beim Anteil beschäftigungswilliger Senioren – ihnen wolle man ermöglichen, ein Leben lang aktiv zu bleiben.

Bei der Geburtenrate rangiert Japan am unteren Ende der internationalen Skala. Derzeit liege die Quote bei 1,42 Kindern pro Frau, sagte Katsuda, und damit unter der gewünschten Zahl von 1,8 Kindern. Um hier Anreize zu setzen, wolle seine Regierung eine halbe Million Kinderbetreuungsplätze zusätzlich schaffen und die Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen.

Zum Spott der Medien

In Deutschland ist das Geburtenniveau in letzter Zeit leicht angestiegen auf derzeit 1,47 Kinder pro Frau. Martin Bujard vom Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung führte die Zunahme vor allem auf die staatliche Familienförderung zurück. Vor zehn Jahren habe die Politik begonnen, für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Schnell und umfassend sei zum Beispiel die Tagesbetreuung für Kinder ausgebaut worden. Dennoch habe sich die Geburtenrate lange nicht bewegt, sagte Bujard, und der Politik sei viel Medienhäme entgegengeschlagen. „Doch jetzt fassen die Menschen Vertrauen und die Vereinbarkeitsstrategie bewährt sich.“  

Nun gelte es, Frauen noch stärker in ihrer Berufstätigkeit zu unterstützen, denn zurück an den Herd wollten die allerwenigsten. Um ein Geburtenniveau von mindestens 1,6 Kindern pro Frau zu erreichen, sei daher auch ein Kulturwandel in der Arbeitswelt notwendig. Es gehe darum, Eltern den Alltag zu erleichtern, sagte Bujard: „Wir müssen die Spitzen in der Rush Hour des Lebens abbauen.“

Beherzte Umkehr gefordert

Bis 1975 habe eine Geburtenrate von zwei Kindern pro Frau für die Erhaltung der japanischen Bevölkerung gesorgt, sagte Toshihiko Hara von der Sapporo City University. Doch inzwischen bedrohe der demografische Wandel die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Die heute schon hohe Geschlechtsspezifische Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland und JapanLebenserwartung werde weiter steigen auf demnächst 90 Jahre für Frauen und 85 Jahre für Männer. Als Gegengewicht sei die Rückkehr zu einer Fertilität auf Erhaltungsniveau wichtig, betonte der japanische Wissenschaftler. Ein Kind dürfe für junge Frauen kein Karrierehemmnis mehr sein und die Unterstützung für junge Paare müsse deutlich ausgebaut werden. Hara plädierte für eine beherzte Umkehr in der staatlichen Sozialpolitik – weg vom Primat der Altenpflege hin zu mehr Transferleistungen für Kinder und Familien.

In der lebhaften Diskussion nach dem ersten Teil des Symposiums wurde ein weiterer Unterschied zwischen beiden Ländern offenbar: So sind außereheliche Geburten in Japan sehr selten, während in Deutschland mittlerweile ein Drittel der Kinder von unverheirateten Eltern stammen. In beiden Ländern bleiben besonders viele Akademikerinnen kinderlos. Im akademischen Mittelbau gelte das hierzulande für 80 Prozent der Wissenschaftlerinnen, berichtete die Gießener Soziologin Uta Meier-Gräwe: „Dass unsere klügsten jungen Leute ohne Kinder bleiben, ist sehr besorgniserregend.“ Viele von ihnen wollten das Kinderkriegen aufschieben, bis sie sich beruflich etabliert haben. Oft laufe den jungen Leuten jedoch die Zeit davon und der Nachwuchs bleibe ganz aus. Insgesamt, so hieß es in der Diskussion, sei die Kinderlosigkeit unter deutschen Akademikerinnen in den letzten Jahren jedoch von 40 Prozent auf heute 28 Prozent zurückgegangen.

  

Von Lilo Berg

 

Dieser Beitrag fasst die ersten Vorträge des Symposiums „Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandels in Deutschland und Japan“ zusammen. Danach standen neue Ansätze für Kommunen und zur Gleichstellung und Frauenförderung auf dem Programm. Ein umfassender Konferenzbericht mit den Vortragsfolien der Referenten wird auf der Homepage des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin veröffentlicht.

Literatur:

Jürgen Dorbritz, Gabriele Vogt: Rasanter demografischer Wandel – Deutschland und Japan im Vergleich, in: Bevölkerungsforschung aktuell – Analysen und Informationen aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Ausgabe 4/2015

HRK/Leopoldina: German-Japanese Symposium on Positive Aging. Conference Proceedings 2012.

Thusnelda Tivig, Franz Waldenberger (Hg.): Deutschland im demografischen Wandel. Ein Vergleich mit Japan (2011), Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels.

Foto Startseite: Tonkatsudog 2015 via Flickr https://flic.kr/p/sWovgo