Viele Jahre in guter Gesellschaft

Die Geburtenrate ist weiterhin relativ niedrig, die Lebenserwartung steigt von Jahr zu Jahr und allmählich kommen die Babyboomer ins Rentenalter: Deutschland befindet sich mitten im demografischen Wandel. Welche Folgen dieser schleichende Umbruch für unser Leben hat und wie er sich am besten gestalten lässt, erörtern namhafte Autoren in einem neuen Grünbuch zur alternden Gesellschaft.

Sechs Stunden. So groß ist der Gewinn an Lebenszeit, den der Durchschnittsdeutsche am Ende jedes Tages für sich verbuchen kann. In der Woche sind das 1,75 Tage mehr und im Jahr fast 160 Tage. Den meisten Menschen ist diese  Entwicklung allenfalls vage bewusst.

 „Die eigene Lebenserwartung wird systematisch unterschätzt, und zwar um durchschnittlich sieben Jahre“, sagt Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Mit der Initiative „7 Jahre länger“ will der Verband demografisches Wissen unters Volk bringen, auf die Potentiale der späten Jahre hinweisen und zur Beschäftigung mit den Folgen der gesellschaftlichen Alterung anregen.

Netzwerk der Demografen

Was bedeutet diese Entwicklung für den Einzelnen und für die Gesellschaft? Mit welchen Lasten müssen kommende Generationen rechnen? Und was ist zu tun, damit Jung und Alt auch in Zukunft fair miteinander leben können? Um auf Fragen dieser Art wissenschaftlich fundierte Antworten zu finden, wandten sich die Versicherer an das Forschungsnetzwerk Population Europe. In dem 2009 gegründeten Verbund haben sich 30 bevölkerungswissenschaftliche Institute aus ganz Europa zusammengeschlossen. „Wir stellen der Politik relevantes demografisches Wissen auf dem neuesten Stand zur Verfügung und fördern den Dialog mit der Öffentlichkeit“, sagt Andreas Edel, der als Leiter von Population Europe von Berlin aus agiert.

Man habe die Initiative aus der Wirtschaft gern aufgegriffen, berichtet der 52-jährige Wissenschaftler, der auch am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock arbeitet, Zusammen mit dem Direktor des MPIDR, James W. Vaupel, stellte Edel eine interdisziplinäre Wissenschaftlergruppe zusammen, um Empfehlungen für die erfolgreiche Gestaltung des demografischen Wandels zu erarbeiten. Das Ergebnis ist ein 56-seitiges Papier, ein sogenanntes Grünbuch, das in knappen Beiträgen eine Diskussion über die vielen Facetten der Thematik anregen soll. Man habe besonderen Wert auf innovative Forschungsansätze gelegt, sagt Andreas Edel, und auf ein altersgemischtes Autorenteam: „So kommen neben etablierten Experten auch Nachwuchsforscher zu Wort.“ Die Wissenschaftler stammen aus dem deutschsprachigen Raum, sind international vernetzt und zum Teil im Ausland tätig.  

Mehr lernen, länger leben

Die Psychologin Ursula Staudinger beispielsweise forscht und lehrt an der New Yorker Columbia Universität. Sie weist in ihrem Beitrag „Altern mit Köpfchen“ auf die erstaunliche Gestaltbarkeit der geistigen Fähigkeiten im Alter hin. So sind viele Betagte in der Lage, ihre im Vergleich zu Jüngeren langsamere Reaktionsfähigkeit und schlechtere Gedächtnisleistungen durch individuell erprobte Strategien auszugleichen. Und dass sich kognitive Leistungen durch Training, etwa durch das Erlernen neuer Fertigkeiten, beträchtlich steigern lassen, sei durch viele Studien belegt. Doch nicht nur das: „Wer mehr lernt, lebt länger und gesünder“, schreibt Ursula Staudinger. Durch eine verbesserte Bildung und kognitiv anspruchsvollere Arbeitsaufgaben stehen die Alten der Zukunft womöglich kognitiv noch besser da, vermutet die Psychologieprofessorin.

„Lebensbegleitendes Lernen muss für alle erschwinglich und machbar werden“, fordert Staudinger. Dazu seien neue Arbeitszeitmodelle notwendig, die genügend Freiraum für Bildungsaktivitäten böten. Um das in die Wege zu leiten, regt die Wissenschaftlerin einen runden Tisch mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Regierung an. Ziel sei eine Neubestimmung von Arbeit und Arbeitsverläufen zum Nutzen der Gesellschaft, aber auch jedes Einzelnen. „Denn richtig organisiert“, sagt Ursula Staudinger, „vermag Arbeit die kognitive Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.“

Produktiv wie die Jungen

Dass eine längere Lebensarbeitszeit gut für die Gesundheit sein kann, wird in der öffentlichen Debatte nur selten erwähnt. Sie wird eher als besondere Herausforderung oder gar als Bedrohung gesehen – zu Unrecht, wie Christian Hunkler vom Münchener Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik im Grünbuch betont. Studien zeigten, dass ältere Arbeitnehmer im Schnitt nicht weniger produktiv als ihre jüngeren Kollegen seien. Bei leichten Routinetätigkeiten lasse die Leistungsfähigkeit zwar etwas nach, bei komplizierteren Aufgaben steige sie hingegen an. „Die zunehmende Lebenserwartung bringt es mit sich, dass wir einen Teil der zusätzlich gewonnenen Lebensjahre voraussichtlich in Erwerbsarbeit verbringen werden“, schreibt Hunkler. „Die erfreuliche Nachricht dabei ist, dass dies für die meisten Menschen auch eine produktive Zeit sein wird.“

Bewährt haben sich dabei bestimmte Strategien: etwa die Arbeit in altersgemischten Teams, um die Dynamik der Jüngeren mit der Erfahrung von Älteren zu kombinieren oder die Möglichkeit, im Rahmen von Job-Rotations-Programmen unterschiedliche Tätigkeiten im Wechsel ausüben zu können.

Das A und O der alternden Gesellschaft jedoch sei Bildung, sagt Andreas Edel: „Darauf weisen alle Autoren des Grünbuchs hin.“  Erforderlich seien deutlich mehr Qualifizierungsangebote während des gesamten Berufslebens und letztlich auch ein Bewusstseinswandel: „Wir müssen schon den Kindern beibringen, dass das Lernen nicht mit der Schule endet, sondern ein ganzes Leben lang weitergeht.“ Daher sei es wichtig, dass die Schule der Zukunft jungen Leuten neben einem breiten Basiswissen auch die Lust am Lernen vermittle.

Wissen per Smartphone

Dazu beitragen kann die kostenlose App „A Life Journey“ mit interessanten Fakten aus der demografischen Forschung. Die App basiert auf der von Population Europe initiierten Wanderausstellung „How to get to 100 and enjoy it“ und wendet sich an die breite Öffentlichkeit. Sie enthält interaktive Funktionen wie zum Beispiel einen Rechner zur Ermittlung der voraussichtlichen persönlichen Lebenserwartung. Ergänzend zur App erarbeite sein Team derzeit  Materialien für den Schulunterricht, berichtet Andreas Edel.

Für mehr Information über die alternde Gesellschaft und eine lebhafte gesellschaftliche Debatte plädiert auch die Versicherungswirtschaft. „Wir haben nur noch wenige Jahre, um uns vorzubereiten“, sagt Verbandspräsident Alexander Erdland. Die nächste Bundesregierung sei die wohl letzte, die den demografischen Wandel noch planbar und verlässlich gestalten könne. Auch seine Branche spreche sich daher für die rasche Einberufung einer Reformkommission aus. Wichtig sei ein breiter gesellschaftlicher Konsens, ein Wandel in den Köpfen – und der entsteht  durch viele kleine Änderungen. Zum Beispiel, so ein Vorschlag der Versicherer, durch den obligatorischen Hinweis auf das voraussichtliche Sterbealter in der Renteninformation.

Von Lilo Berg

 

Grünbuch:

James W. Vaupel und Andreas Edel (Hrsg.): „Grünbuch Alternde Gesellschaft. Wie das „neue Altern“ unser Leben verändern wird“, Discussion Paper 6, Juni 2017

App „A Life Journey“:

http://www.population-europe.eu/life-journey

Demografie-Initiative der deutschen Versicherer:

https://www.7jahrelaenger.de/

Foto Startseite: Alex Riseta 2011 via Flickr https://flic.kr/p/a6C4GE Lizenz CC BY-SA 2.0

Foto oben: MWM Energy 2011 via Flickr https://flic.kr/p/bJw2Xe Lizenz CC BY-NC-ND 2.0