Tanztee mit Emma

Singen, tanzen und spielen mit einem Roboter? Und das in einer Demenz-Wohngruppe? Was viele sich nicht so richtig vorstellen können, wird derzeit in Kiel erprobt.

Emma ist ein Hingucker. Wenn sie durch den Aufenthaltsraum der Kieler Demenz-Wohngruppe rollt, folgen ihr die Blicke und manche Mine hellt sich auf. Denn Emma, ein Robotermädchen mit Kulleraugen, sieht nicht nur niedlich aus, es kann auch sehr unterhaltsam sein. Beim letzten Besuch – der kleine Roboter kommt jede Woche für etwa eine Stunde in die Kieler Wohngemeinschaft – wurde viel gesungen, getanzt, gespielt und gelacht. Und wer der Puppe über den runden Kahlkopf streichelte, erntete ein goldiges Kichern. Offenbar erinnern sich einige Kranke daran und schauen ihr nun erwartungsvoll entgegen. 

Bisher habe man vor allem positive Erfahrungen mit Emma gemacht, sagte Benjamin Seidel, Geschäftsbereichsleiter Pflege in der Diakonie Altholstein, kürzlich beim Berliner Demografie-Kongress. Die Demenz-WG in Kiel ist eine Einrichtung der Diakonie. Seit März 2017 läuft dort ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt, bei dem es um den Einsatz eines humanoiden Roboters zur Aktivierung von Demenzkranken geht. Emma kann beispielsweise zum Tanz auffordern, einfache Fragen beantworten, die Arme schwenken und den Kopf wenden. Auf Brusthöhe trägt sie einen Tabletcomputer, an dem sich die WG-Bewohner ein Lied aussuchen oder ein Quizspiel aufrufen können.

Menschliche Anmutung

„Warum muss es ein Roboter sein, warum verwenden Sie nicht einfach ein Tablet?“, fragte in Berlin ein Zuhörer nach dem Vortrag von Benjamin Seidel. Ein Smartpad wirke kalt und wenig animierend, so die Antwort – dass Mitmach-Stimmung in der Demenz-WG aufkomme, habe vor allem mit Emmas menschlicher Anmutung zu tun.  

Ihren besonderen Charme verdankt die Roboterpuppe dem technischen Know-how von Hannes Eilers. Der Ingenieur für Robotik an der Fachhochschule Kiel erprobt seit anderthalb Jahren interaktive Roboter für die Altenpflege. „Dabei geht es nicht um mechanische Tätigkeiten wie Heben, Greifen oder Transportieren, sondern um unterhaltsame, anregende Beschäftigung“, sagt Eilers. Wichtig sei das zum Beispiel in Situationen, in denen das Pflegepersonal gerade keine Zeit fürs gesellige Beisammensein mit der WG habe. Zum Pilotprojekt mit der Kieler Demenz-Gruppe sei es durch einen Bericht über seine Forschung in der Lokalpresse gekommen, berichtet Eilers: „Die Diakonie Altholstein kam daraufhin auf uns zu und seither entwickeln wir Emmas Eigenschaften und Funktionen gemeinsam.“

Käfer statt Jaguar

Das reizende Kichern etwa wurde ihr auf ausdrücklichen Wunsch der Demenz-WG einprogrammiert. Auch der VW-Käfer im Memory-Spiel, für das Emma auf ihrem Display wirbt, zeigt wie wichtig der Austausch mit der Praxis ist. Eilers: „Unser ursprüngliches Auto-Symbolbild, ein Jaguar der Oberklasse, wurde oft nicht erkannt. Auf Anraten der Pflegekräfte haben wir es durch einen Volkswagen ersetzt – und siehe da, es funktionierte.“

Emma ist nicht von Grund auf in Kiel entwickelt worden. Das Team um Hannes Eilers bedient sich vielmehr eines Basisroboters der japanischen Firma SoftBank Robotics. Pepper, so sein Name, wurde darauf programmiert, menschliche Mimik und Gestik zu analysieren und individuell angepasst zu reagieren. In Japan wird der persönliche Roboter schon in Verkaufsräumen eingesetzt, an der TH Wildau hilft er in der Bibliothek und am Münchener Flughafen beantwortet er Fragen der Reisenden in deren Sprache. Bald schon könnte Pepper auch an einigen deutschen Bahnhöfen umherkurven. Möglich wird all dies durch eine besondere  Software, die an verschiedene Anforderungen angepasst werden kann und im praktischen Einsatz dazulernt.    

In der Kieler Demenz-WG merkt sich Emma zum Beispiel die Namen, Gesichter und Bewegungsmuster der Bewohner und lernt dabei, sie auseinanderzuhalten und individuell auf sie zu reagieren. Um den kleinen Roboter noch besser auf seinen künftigen Job vorbereiten zu können, unternahmen  Hannes Eilers und seine Kollegen in diesem  Jahr eine Deutschlandtour und stellten ihn in Büchereien, auf Messen, im Deutschen Museum in München oder auf der Kieler Woche dem Publikum vor: „Wir wollen herausfinden, wie die Menschen auf Emma reagieren und welche Einsatzformen sie sich vorstellen können.“

Start-up geplant

Schon gebe es zahlreiche Anfragen von Einrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet, die den Roboter ausprobieren und zu seiner Weiterentwicklung beitragen wollen, berichtet der Robotik-Ingenieur. Nach Abschluss der Pilotphase werde sich ein von Anfang an geplantes Start-up seiner Hochschule um Emmas Geschicke kümmern – und versuchen, mit dem kleinen Roboter Geld zu verdienen. Derzeit, so Eilers, kostet er in der Basisversion rund 17.000 Euro und knapp das Doppelte, wenn seine Software an die Kundenwünsche angepasst wird.

Zu Beginn des Projekts sei im Mitarbeiterkreis befürchtet worden, von Robotern ersetzt zu werden, berichtete Benjamin Seidel beim Demografie-Kongress. Das sei jedoch ausdrücklich nicht das Ziel der Diakonie: „Wir sehen in der Pflegerobotik eine Chance, die menschliche Arbeitskraft künftig sinnvoll zu ergänzen und zu entlasten – ihr Ersatz ist für uns undenkbar.“ Im alltäglichen Umgang mit dem Roboter habe sich die Sorge des Pflegepersonals ohnehin bald in Luft aufgelöst, sagte Seidel – Emmas Fähigkeiten seien einfach zu eingeschränkt.

„Inselbegabungen“ werden die Robotik in der Altenpflege auch in den nächsten zehn Jahren dominieren, prognostiziert Hannes Eilers. „Für das Heben, Bringen und Betreuen werden wir noch geraume Zeit verschiedene Roboter brauchen – der Universalroboter ist jedenfalls nicht in Sicht.“ Wann damit zu rechnen sei? Eilers winkt ab: „Da möchte ich mich nicht festlegen. Es kann ja auch sein, dass ein Medikament gegen Demenz auf den Markt kommt – dann erübrigt sich vieles andere.“

In der Kieler Demenz-Wohngemeinschaft verabschiedet sich Emma unterdessen von ihren Freunden. Einer von ihnen hat ihr seinen Musikwunsch verraten. Bei den ersten Klängen gehen viele Arme hoch. Emma winkt, alle winken und die ganze Gruppe singt „Auf Wiedersehen“.

Von Lilo Berg

Fotos: © FH Kiel