Stadtentwicklung zwischen Klimaveränderung und demographischem Wandel

Wie könnte eine nachhaltige Stadt der Zukunft aussehen? Welche Rolle spielen dabei demographischer Wandel und Klimawandel? Welche Probleme und Risiken entstehen, wenn beide Prozesse gleichzeitig stattfinden? Derartigen Fragen widmet sich eine Forschergruppe um den Geographen Prof. Jürgen Oßenbrügge, Projektleiter der Arbeitsgruppe „Urban Climate“ an der Universität Hamburg.

Die möglichen Folgen von Klimaveränderungen und demographischem Wandel im Zusammenhang zu untersuchen, ist für die Klimaforschung schon seit etwa zehn Jahren ein wichtiges Thema. „Eine große Rolle spielen diese Fragen vor allem in der Forschung, die sich mit den Auswirkungen von Hitzewellen beschäftigt. Diese werden durch den Klimawandel verstärkt“, erläutert Oßenbrügge.

Hitzewellen stellen insbesondere für größere Städte ein besonderes Problem dar. Wenig Grünflächen und die bauliche Struktur erzeugen im Stadtklima nicht nur ein besonderes Wind- und Niederschlagsverhalten. Diese Faktoren begünstigen auch den sogenannten UHI-Effekt: die Entstehung von Wärmeinseln im innerstädtischen Bereich (Urban heat islands). So kann die Temperaturdifferenz zwischen hochverdichteten Innenstadtgebieten und dem Umland einer Metropole heutzutage bis zu zehn Grad betragen.

Besonders für alte Menschen, aber auch für Kleinkinder, bedeuten hohe Temperaturen grundsätzlich ein gesundheitliches Risiko. In einem urbanen Umfeld vergrößert sich für diese Altersgruppen das Gefährdungspotenzial zudem immens. Ein oft zitiertes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die extreme Hitzewelle in Europa im Jahr 2003, unter der besonders Paris zu leiden hatte. In der französischen Hauptstadt erhöhte sich die Mortalitätsrate an den heißesten Sommertagen dramatisch. Sie stieg am 12. August auf das Fünffache des Erwartungswerts. „Das betraf ganz überwiegend Menschen, die älter als 65 Jahre waren“, erklärt Oßenbrügge.

Der Hamburger Wissenschaftler deutet an, dass die verheerenden Auswirkungen des Hitzesommers 2003 wahrscheinlich nur ein Vorbote zukünftiger Problemlagen waren: „Mit fortschreitendem Klimawandel wird die Vulnerabilität großer Städte in Nordamerika und Asien, aber auch in Europa, weiter zunehmen.“ Zusätzlich gesteigert werden könnte dies durch den demographischen Wandel. Um dieser Entwicklung beispielsweise durch stadtplanerische Mittel entgegenzuwirken, sind neue Konzepte notwendig. „Man spricht hier von einer Steigerung urbaner Resilienz“, erläutert Oßenbrügge. Grob gesagt, bedeutet dies die Steigerung der Widerstandsfähigkeit urbaner Systeme. Doch wie kann die Resilienz städtischer Großräume in Zukunft erhöht werden? Die Analyse von Wanderungsbewegungen im urbanen Raum gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine Konzeptentwicklung. Dabei nimmt die Analyse demographischer Trends eine Schlüsselrolle ein.

Deutlicher Trend zur Re-Urbanisierung

Foto: Jakob Ottilinger, Initiative für Zeitgenössische Stadtentwicklung.Creative Commons Lizenz.

Foto: Jakob Ottilinger, Initiative für Zeitgenössische Stadtentwicklung.Creative Commons Lizenz.

Oßenbrügge und sein Team untersuchen demographische Trends primär in der Metropolregion Hamburg. Dort zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen dem innerstädtischen Bereich und den Randlagen. Die Kernstadt hat Wanderungsgewinne insbesondere durch jüngere Bevölkerungsgruppen zu verzeichnen. Insgesamt lässt sich eine Aufwertung der inneren Stadt erkennen. „Man kann nicht nur in Hamburg einen deutlichen Trend zur Re-Urbanisierung erkennen“, sagt Oßenbrügge. „Die Urbanität hat in den letzten Jahren einen Imagewandel erfahren. Es gilt als cool, in der Stadt zu wohnen.“ Zu den Faktoren, die die Attraktivität des Wohnens und Lebens im innerstädtischen Bereich erhöht haben, zählen das kulturelle Angebot oder die kulturelle Diversität. „Es hängt aber zum Beispiel auch mit dem Wandel der Familienmodelle zusammen“, diagnostiziert der Wissenschaftler. Da häufig beide Elternteile zumindest in Teilzeit berufstätig sind, gewinnen vergleichsweise kurze Wege zur Arbeitsstätte oder zur Kita an Wert.

Ein weiterer Aspekt liegt in den durch Zuzug in die Stadt stark abnehmenden Mobilitätskosten. „Man kann ziemlich genau ausrechnen, ab welcher Distanz zur Arbeitsstätte der städtische Standort einfach günstiger ist. Und dieser Faktor wird in Zukunft sehr stark zunehmen.“ Ein Umzug in den innerstädtischen Bereich ist mittlerweile auch für viele ältere Bürger attraktiv. Hierbei spielt, wie Oßenbrügge betont, die urbane Infrastruktur eine wichtige Rolle. In Hamburg sei ein Zuzug älterer Menschen aus den Randgebieten selbst in die neu gestaltete Hafencity zu beobachten. Ein wesentlicher Aspekt sei für viele, „dass sie nah an einer guten medizinischen Versorgung“ leben könnten.

Die mit der Re-Urbanisierung verbundenen Trends, die sich in den letzten Jahren verfestigt haben, stehen in deutlichem Gegensatz zu früheren Entwicklungen. Lange Zeit konnte man in der Nachkriegsbundesrepublik eine zunehmende Suburbanisierung beobachten. Während sich im Umland der sogenannte „Speckgürtel“ ausbildete, hatte die Kernstadt mit einer steigenden Problemkonzentration zu kämpfen. Mittlerweile hat die Suburbanisierung nicht nur stark abgenommen – dort, wo sie in jüngerer Zeit stattfand oder noch stattfindet, hat sie eine andere Form angenommen. „Die früheren Suburbanisierungswellen verliefen in aller Regel konzentrisch“, erklärt Oßenbrügge. Die Prozesse der jüngeren Zeit stehen dazu in einem deutlichen Gegensatz, und der Forscher meint, dass sich diese in Zukunft fortsetzen werden: „Wir können am Stadtrand eine heterogene Entwicklung erwarten.“ Schon jetzt sei ein deutlicher Trend erkennbar, der mit dem Fachbegriff „Dezentrale Konzentration“ beschrieben wird – ein Begriff, der auch in die gegenwärtigen raumordnerischen Konzeptionen des Bundes und einzelner Länder eingegangen ist. Ein charakteristisches Beispiel dafür sei die Stadt Potsdam. Insbesondere viele ältere Menschen zieht es in die Stadt vor den Toren Berlins. Potsdam ist nicht der Mittelpunkt des metropolitanen Raumes, hat aber die Qualität eines urbanen Zentrums.

Für die Metropolregion Hamburg prognostizieren die Forscher einen alternden, heterogenen Stadtrand und einen jungbleibenden, vielfältigen inneren Kern. Demgegenüber droht das weitere Umland zu veröden. Die demographischen Trends zeichnen das Bild einer „abgehängten“, alternden Peripherie der Metropolregion. Zwischen Metropolen wie Berlin und Hamburg könnte dies weiträumige Gebiete in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg betreffen. Die infrastrukturellen Probleme in alternden, zunehmend entvölkerten Provinzregionen könnten, wie der Hamburger Forscher betont, überaus schwer zu lösen sein: „Es ist bei einer solchen zu erwartenden Entwicklung momentan überhaupt nicht absehbar, wie dort beispielsweise eine flächendeckende medizinische Versorgung gewährleistet werden kann.“

„Kompakte Stadt“ und „dezentrale Stadtregion“

Gelöst ist momentan auch die Frage noch nicht, wie eine nachhaltige Stadtentwicklung vor dem Hintergrund des Klimawandels und des demographischen Wandels idealerweise aussehen müsste. Zwei Grundkonzepte stehen dabei einander gegenüber: die „kompakte Stadt“ und die „dezentrale Stadtregion“. Die Entwicklung einer dezentralen Stadtregion hätte einige Vorteile: geringe Dichte, viel Grün und damit keinen Wärmeinseleffekt, eine gute Belüftung und insgesamt eine Minimierung der Probleme des Stadtklimas. Allerdings verursacht dieses Konzept auch Probleme: mehr Transport und Verkehr, damit höheren CO2-Emissionen sowie einen höheren Flächenverbrauch, der unter Umständen verbunden ist mit einer Siedlungstätigkeit auf ungeeigneten Flächen.

Das Konzept einer kompakten Stadt hingegen birgt das Risiko einer starken Versiegelung und hohen Baudichte verbunden mit einer Intensitätssteigerung des Wärmeinseleffekts. Aber die kompakte Stadt hat auch große Vorteile wie „kurze Wege“ oder die Nutzung der Dichte für energie-effizientes Bauen. Oßenbrügge selbst hat keine abschließende Präferenz für eines der beiden Konzepte, tendiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings eher Richtung kompakte Stadt. „Diese lässt sich einfach besser gestalten und planen – unter Umständen führt dies auch zu einer Risikominimierung“, sagt er. Auch die Idee eines „urbanen Dorfes“, das anders als auf dem Lande eine kleinteilige Struktur in der Vertikalen ausbilden könnte, fasziniert den Forscher. Und schließlich hätte ein urbanes Dorf auch für die ältere Generation viele Vorteile.

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Links

Institutionen

Forschungsgruppe „Urban Climate“ an der Universität Hamburg (CliSAP)

KlimaCampus Hamburg

Texte

Hamburg im Klima- und demographischen Wandel – Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen Stadtentwicklung (Vorlesung Prof. Dr. Jürgen Oßenbrügge)

Statistischer Fachartikel zur Hitzewelle in Europa 2003:
Report on excess mortality in Europe during summer 2003
(EU Community Action Programme for Public Health, Grant Agreement 2005114)