Sich einen Begriff vom Altern machen

Das Alter und die Alterungsprozesse sind in den Fokus unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen gerückt. Doch geht es, wenn Biologen, Psychologen und Soziologen über diese Themen diskutieren, um das Gleiche? Was bislang stillschweigend vorausgesetzt wurde, hat die Philosophin Christiane Mahr nun erstmals umfassend untersucht.   

Foto: Privat

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Frau Dr. Mahr, inzwischen gibt es ja kaum noch eine Forschungsrichtung, die sich nicht mit Alter und Altern beschäftigt. Wie sind Sie mit Materialfülle fertig geworden?

Es waren tatsächlich Berge an Literatur, die durchzuarbeiten waren, um einen Überblick zu gewinnen. Dabei hatte ich meinen Fokus schon auf Publikationen aus Deutschland und den USA eingeengt. Insgesamt dauerte die Materialsichtung etwa anderthalb Jahre und damit um einiges länger, als ich geplant hatte.

Aus welchem Zeitraum stammen Ihre Quellen?

Es geht im Wesentlichen um Publikationen aus den vergangenen fünfzig Jahren. In dieser Zeit erlebte die Alternsforschung in vielen westlichen Industrienationen einen starken Aufschwung. Am Anfang beschäftigten sich vor allem die Soziologen mit der Thematik, dann die Psychologen und die Biologen. In  den 1990er-Jahren, als der demografische Wandel sich deutlich abzuzeichnen begann, kam es zu einem Forschungsboom, der bis heute anhält.  

Warum konzentrieren Sie sich in Ihrer Studie auf die Fachgebiete Biologie, Psychologie und Soziologie?

Weil es sich um Disziplinen handelt, die für wesentliche Aspekte des menschlichen Lebens und Erlebens stehen. Die Biologie untersucht das Altern als körperlich-organisches Phänomen, die Soziologie begreift es als soziale Tatsache und die Psychologie unter anderem als subjektiv Erlebtes. Außerdem stammt die meiste Forschungsliteratur unserer Tage aus diesen Gebieten.

Bevor Sie sich der zeitgenössischen Forschung widmen, unternehmen Sie in Ihrer Studie einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte. Warum?

Lange bevor die empirischen Wissenschaften aufkamen, haben die Philosophen über Alter und Altern nachgedacht. Und was die antiken Autoren darüber sagten, prägt unser Denken bis heute.  Wie man sich im Alter verhalten sollte, was also gutes Altern sei, wird nicht erst in jüngster Zeit diskutiert – schon Platon, Aristoteles, Cicero und Seneca beschäftigten sich mit dieser Frage. Auch der differenzierte Blick auf das Alter ist keine Errungenschaft der Moderne: Vor allem Aristoteles unterschied bereits zwischen körperlichem und seelischem Alter, aber auch zwischen alters- und krankheitsbedingten Veränderungen. Seine Einsichten prägten die Philosophie bis in die Neuzeit. Neuen Schwung brachten die Ideen Arthur Schopenhauers im 19. Jahrhundert. Er unterschied erstmals zwei Lebenshälften mit vier Lebensaltern – Kindheit, Jugend, reifes und hohes Alter – und bewertete diese Phasen differenziert nach ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Schopenhauers Schriften liefern den Hintergrund für so manche aktuelle Diskussion über alternsbedingte Gewinne und Verluste; auch seine Ausführungen über die Hochaltrigkeit setzten Maßstäbe. Die philosophische Reflexion des Alterns nimmt, so ein Ergebnis meiner Untersuchung, eine bemerkenswerte Mittelstellung ein: zwischen einzelwissenschaftlicher Analyse einerseits und alltagssprachlicher Verwendung der Begriffe Alter und Altern andererseits.

Was wird denn im Alltag unter diesen Begriffen verstanden?

Die Umgangssprache orientiert sich an äußeren Merkmalen wie grauem Haar oder faltiger Haut und an einem fortgeschrittenen chronologischen Alter.

Inwiefern heben sich die von Ihnen untersuchten Disziplinen davon ab?

In den Fachwissenschaften habe ich erstaunlicherweise kaum Definitionen und Explikationen von Alter und Altern gefunden. Offenbar setzt man das umgangssprachliche Verständnis selbstverständlich voraus und betrachtet es fürs Erste als ausreichende Grundlage. Die von mir untersuchten Disziplinen widmen sich jeweils nur einzelnen Aspekten, nämlich der biotischen, psychischen und soziale Seiten des Alters und des Alterns. Während die Biologie dabei alle Lebewesen betrachtet, widmen sich Psychologie und Soziologie nur dem Menschen. In der Soziologie spielt das chronologische Alter, vor allem das Erreichen des 65. Lebensjahres, eine größere Rolle als in den beiden anderen Disziplinen. Neben zahlreichen Unterschieden habe ich, und das ist ein zentrales Ergebnis meiner Studie, auch einen gemeinsamen Bedeutungskern gefunden.

Einen gemeinsamen Nenner der drei Disziplinen?

Ja – man könnte auch von einer Minimalbedeutung sprechen. Demnach ist das Altern der letzte mögliche Lebensabschnitt, der sich durch die Abnahme bestimmter, im Reifestadium meist voll ausgebildeter Fähigkeiten auszeichnet. Bei dieser Abnahme handelt es sich um einen  kontinuierlichen Prozess mit unscharfen Grenzen zu Beginn. Diese Definition lässt sich auf alle untersuchten Disziplinen anwenden, und ihr Geltungsbereich umfasst alle Lebewesen.

Was bedeuten Ihre Ergebnisse für die fächerübergreifende Zusammenarbeit?

Dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch ohne exakte Definition der Grundbegriffe Alter und Altern ordentlich funktioniert, beweist die langjährige Praxis. Ein Biologe, der über die Alterung von Mitochondrien forscht, muss nicht unbedingt die altersbezogene Stigmatisierungstheorie der Soziologen kennen. Dennoch glaube ich, dass die Offenheit gegenüber anderen Alternskonzepten für alle Fachwissenschaftler bereichernd sein kann.

Konnten Sie einen Einfluss der Alternsforschung auf allgemeine Auffassungen vom Alter beobachten?

Zumindest gibt es deutliche Veränderungen im Sprachgebrauch. So war es noch in den 1980er-Jahren üblich, von den Alten zu sprechen. Heute empfindet man das als unhöflich und spricht lieber von Älteren oder Senioren. Die Erkenntnisse der Wissenschaft haben sicherlich zu einem feineren und ausgewogeneren Umgang mit diesen Themen beigetragen.

Die Altersphase wird immer länger. Viele der heute bei uns Geborenen können bereits mit einer Lebenszeit von hundert Jahren rechnen und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Brauchen wir nicht neue Begriffe vom Alter und Altern?

In der Tat könnte die von US-Psychologen in den 1970-er Jahren formulierte Unterscheidung zwischen jungen Alten und alten Alten bald nicht mehr genügen. An unserem bisherigen Bild vom Altern kratzen auch neue Ergebnisse aus der Biologie: So nimmt beispielsweise die Fruchtbarkeit bei Alpenseglern im Laufe des Alternsprozesses zu und die Sterbewahrscheinlichkeit der kalifornischen Gopherschildkröten sinkt im Verlauf des chronologischen Lebens. Wir haben es also nicht, wie bisher vermutet, generell mit einem über die Jahre kontinuierlichen Abbauprozess zu tun. Dies könnte dazu führen, dass sich die biologische Auffassung vom Altern verändert. Das würde sich sicher auch auf den Begriff des Alterns auswirken.

Hat sich Ihre Einstellung zum Altern durch Ihre Forschung verändert?

Soweit ich das selbst beurteilen kann, hat meine wissenschaftliche Beschäftigung dazu geführt, dass ich den Prozess des Alterns differenzierter und aufmerksamer als zuvor betrachte.

Interview: Lilo Berg

Zur Person:

Dr. Christiane Mahr studierte Kulturwissenschaften und Philosophie an der Fernuniversität Hagen. Für ihre Promotion an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf erhielt sie ein Stipendium im Rahmen des Graduiertenkollegs „Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis“. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Angewandten Ethik und der Analyse wissenschaftlicher Grundbegriffe. 

Buch:

Christiane Mahr: „Alter“ und „Altern“. Eine begriffliche Klärung mit Blick auf die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte, transcript Verlag, Bielefeld 2016

Foto Startseite: After Lysippos - Eric Gaba (User:Sting), July 2005., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=295872