SHARE: Große soziale Unterschiede in Europa

Europa steht vor großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Die Finanzkrise hat einige der Probleme noch verstärkt: Werden wir länger arbeiten und mehr Steuern zahlen müssen? Wird unsere Gesellschaft sich an die neuen Herausforderungen anpassen, ohne dabei den Zusammenhalt zwischen den Generationen zu gefährden? Antworten darauf gibt die neueste Veröffentlichung des internationalen Umfrageprojekts SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe).

Die Publikation „Active Ageing and Solidarity between Generations. First Results from SHARE after the Economic Crisis”, die im Juni 2013 in Brüssel der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, untersucht detailliert, welchen Einfluss die aktuelle Wirtschaftskrise auf das Leben der rund 65.000 Umfrageteilnehmer im Alter von über 50 Jahren in 16 europäischen Staaten hat. Die Ergebnisse basieren auf der aktuellen vierten Befragungswelle von SHARE in den Jahren 2010 und 2011.

„Eines der wichtigsten und erstaunlichsten Ergebnisse für uns war, dass es in Europa immer noch so viele gesellschaftliche und soziale Unterschiede gibt“, sagt Projektkoordinator Prof. Axel Börsch-Supan, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. „Es zeigt sich in unseren Daten eine Kluft zwischen Nordwest- und Südost-Europa in allen zentralen Lebensweisen, die SHARE untersucht.“ Dazu gehören die Auswirkungen der Finanzkrise auf Einkommen, auf Wohlstand und Konsum, auf den Renteneintritt, auf Herausforderungen am Ende des Erwerbslebens, auf aktives und gesundes Altern sowie auf soziale Netzwerke und das Miteinander zwischen den Generationen im Lebensverlauf.

© Europäische Union

© Europäische Union

So liefern die Untersuchungen empirische Belege dafür, dass in Ost- und Südeuropa Armut unter älteren Menschen weit verbreitet ist und mit einer deutlichen Abnahme der Lebensqualität einhergeht. „Dadurch fehlt den Menschen ein finanzieller Puffer, um die Auswirkungen der Krise zu kompensieren. Auch eine schlechte gesundheitliche Verfassung ist vor allem in osteuropäischen Ländern erkennbar“, erklärt Dr. Martina Brandt, wissenschaftliche Koordinatorin im SHARE-Projekt. Besonders deutlich wird dies in Regionen mit wachsender Arbeitslosigkeit. Hier sei das Risiko vor allem für Arbeitslose über 50 Jahren höher als anderswo, an Depression zu erkranken.

Die Konsequenzen der Krise für Gesundheit und Wohlempfinden zeigen sich in jenen Regionen besonders deutlich, in denen die Rezession besonders stark war oder noch ist. Finanzielle Notlagen in der Bevölkerung treten vor allem in Süd- und Osteuropa vermehrt auf. Besonders betroffen davon sind Menschen mit geringer Bildung, niedrigem Einkommen, schlechter gesundheitlicher Verfassung und alleinstehende Frauen.

Auch das Angebot von Alters- und Pflegeheimen sowie von häuslicher Pflege ist in Europa unterschiedlich stark ausgeprägt. In vielen Ländern ist die Pflege durch die eigenen Kinder eine wichtige Ergänzung zu staatlichen Institutionen. Große regionale Unterschiede gibt es auch im Bereich der intergenerationellen und gemeinschaftlichen Solidarität. Die SHARE-Daten zeigen, dass Menschen in Nordeuropa vielfältigere soziale Netzwerke haben, während die Rolle der Familie in Ost- und Südeuropa deutlich zentraler ist. „Bis zu einem gewissen Grad ist es ja normal, dass sich das eigene Netzwerk auf die wichtigsten Bezugspersonen reduziert, wenn man älter wird“, sagt Brandt. „Die Daten zeigen jedoch, dass Menschen im Süden und Osten Europas sehr stark auf Familie und Partner fokussiert sind, während beispielsweise in Skandinavien auch bei Älteren Freunde und Nachbarn zum engeren sozialen Netzwerk gehören.“

Die Wissenschaftler betonen, dass aktives und gesundes Altern in enger Verbindung mit größeren und dichteren Beziehungsnetzwerken stehe. Die Förderung sozialer Teilnahme, die Beziehungen zu Freunden, Familie oder Partnern könnten insbesondere das Depressionsrisiko im Alter verringern. Eine wichtige Rolle dabei spiele die Schaffung von institutionellen Rahmenbedingungen sowie die Sozialgesetzgebung. „Je mehr soziale Dienstleistungen es in einem Land gibt, desto besser funktioniert das Zusammenspiel von Familie und Staat. In Dänemark und Schweden beispielsweise geschieht Engagement in der Familie, so wie bei der Pflege von älteren Angehörigen, meist freiwillig und sporadisch und bleibt dadurch besser vereinbar mit dem Berufsleben“, betont Brandt. „Sowohl bei den Gepflegten als auch bei den Pflegenden zeigt sich in diesen Ländern mehr Zufriedenheit.“

Das Projekt SHARE, das zentral in München koordiniert wird, arbeitet in Europa mit Länderteams von insgesamt über 200 Wissenschaftlern und rund 2.000 Interviewern zusammen. Die wissenschaftliche Datengrundlage, die sich sowohl aus OECD-Daten der untersuchten europäischen Länder als auch aus den interdisziplinären eigenen Befragungen speist, soll die miteinander verwobenen Faktoren der sozialen, ökonomischen sowie gesundheitlichen Situation der Europäer umfassen und damit eine Grundlage für die Analyse zentraler Aspekte des Lebens im heutigen Europa schaffen. Derzeit nutzen rund 3.200 Wissenschaftler die Längsschnitt-Daten zu statistischen Zwecken. Die daraus entstehenden Studien bilden auch eine Basis für politische Entscheidungen.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen:

SHARE – Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe:

http://www.share-project.org/home0/wave-4.html

http://www.share-project.org/home0/news/article/share-wave-4-book-launch.html

Foto Startseite: Hafenarbeiter in Europa © Europäische Union