Schwul-lesbisch und mehrgenerationell: innovative Altenpflege im Fokus der Forschung

Wissenschaftliche Daten über gleichgeschlechtliche Lebensweisen im Alter sind rar. Um in diesem Themenfeld neue Erkenntnisse zu gewinnen, startete im April 2013 an der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin ein Forschungsprojekt.

Die über zwei Jahre angelegte Fallstudie „Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Selbstbestimmung im Alter – Milieusensibles und selbstbestimmtes Wohnen im Alter als Beitrag innovativer kommunaler Altenhilfe?“ (GLESA) untersucht den „Lebensort Vielfalt“, ein Wohn- und Pflegeprojekt für homosexuelle Seniorinnen und Senioren in Berlin, das Mitte 2012 eröffnet wurde. In seiner Größe und Ausrichtung ist dieses Wohnprojekt bislang einzigartig in Deutschland und Europa.

Die Studie soll einen Beitrag dazu leisten, die Wohn- und Gesundheitssituation älterer „queerer“ Menschen in Deutschland zu erforschen und neue Tätigkeitsfelder von Pflegediensten auszuloten. „Auf dem Gebiet von Pflege und Altenhilfe vollbringt unsere Forschung Pionierarbeit“, sagt Projektleiterin Prof. María do Mar Castro Varela von der ASH. „Wir möchten unter anderem herausfinden, was bei älteren beziehungsweise pflegebedürftigen Schwulen und Lesben besonders zu beachten ist und wie sich etwa eine Sensibilisierung von Pflegekräften erreichen lässt.“

Daten über die Lebensbedingungen von älteren Homosexuellen in Deutschland gibt es kaum. Erstmals wurden sie im Altenbericht 2006 der Bundesregierung erwähnt, aber nicht erforscht. Die Wissenschaft geht davon aus, dass etwa vier Prozent der Bevölkerung schwul oder lesbisch ist – das gilt natürlich auch für die ältere Generation. In Berlin sind es nach amtlichen Schätzungen rund 40.000. In Fachmedien der Sozialen Arbeit kommt diese Zielgruppe jedoch so gut wie gar nicht vor.

Erst 1994 verschwand die Diskriminierung von Homosexuellen endgültig aus dem Strafgesetzbuch. In der alten Bundesrepublik blieb der § 175 StGB, der Homosexualität unter Strafe stellte, bis 1969 in Kraft. Homosexualität wurde mit Krankheit gleichgesetzt. Diese Erfahrungen prägten und prägen Generationen von Homosexuellen. „Gerade ältere schwule Männer haben noch viel Diskriminierung erlebt und befürchten schiefe Blicke und Vorurteile in einem konventionellen Pflegeheim, die die Pflege beeinträchtigen könnten“, erklärt Projektmitarbeiter Dr. Ralf Lottmann. Pflegeanbieter mit einer entsprechenden Ausrichtung auf diese Zielgruppe gibt es aber kaum.

Diskriminierungsfreies Wohnumfeld schaffen

Der „Lebensort Vielfalt“ soll ein diskriminierungsfreies Wohnumfeld schaffen und neue selbstbestimmte Wohnformen im Alter erproben.

Tag der Offenen Tür im Berliner "Lebensort Vielfalt" © Lebensort Vielfalt

Tag der Offenen Tür im Berliner "Lebensort Vielfalt" © Lebensort Vielfalt

Daher arbeitet das generationenübergreifende Wohnprojekt unter anderem mit dem ambulanten Pflegedienst CuraDomo zusammen, dessen Erfahrungen ebenfalls in das Forschungsprojekt einfließen sollen. Das dortige Pflegepersonal ist mit der Klientel vertraut, doch auch für sie ist ein solches Wohnprojekt Neuland. Getragen wird das Wohn- und Pflegeprojet von der Schwulenberatung Berlin, deren Mitarbeiter das Projekt unterstützen.

Die Grundlage der Studie bilden neben der Sekundäranalyse Interviews und Gruppendiskussionen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Dabei geht es sowohl um die Motivationen, in das Wohn- und Pflegeprojekt einzuziehen, als auch um Hoffnungen und Wünsche, die sich damit verbinden. Die 24 Wohnungen im „Lebensort Vielfalt“ wurden nach einem zuvor festgelegten Mix vergeben: 20 Prozent der Wohnungen sind für jüngere schwule Männer reserviert, weitere 20 Prozent für Frauen oder heterosexuelle Männer. Derzeit ist der jüngste Bewohner 31 Jahre alt, der älteste 86. Zusätzlich gibt es eine betreute Wohngemeinschaft für pflegebedürftige schwule Männer. Mit im Haus befindet sich auch die Schwulenberatung Berlin mit ihren Angeboten, eine große Bibliothek und ein Café, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden.

Handlungsleitfaden für Pflege- und Betreuungspersonal

„Wir erfragen, welche Erwartungen die Bewohnerinnen und Bewohner, die Organisatoren der beteiligten Einrichtungen sowie die lokale Politik und Verwaltung mit dem Projekt verbinden“, sagt Lottmann. Die Wissenschaftlerinnen erwarten sich von der Studie Aufschluss darüber, inwieweit das milieuspezifische Wohnprojekt Innovationen in der kommunalen Altenhilfe und der pflegerischen Versorgung anstoßen kann, insbesondere unter dem Aspekt des selbstbestimmten Wohnens im Alter.

„Wünschenswert sind neue Erkenntnisse darüber, ob Besonderheiten im Lebensstil und daraus resultierende besondere Bedarfe auch übertragbar auf andere Milieus und Regionen sind“, sagt Lottmann. Auf einer internationalen Fachkonferenz sollen 2014 die ersten Ergebnisse diskutiert werden. Zudem soll ein Handlungsleitfaden für das Pflege- und Betreuungspersonal sowie eine Informationsbroschüre als Hilfestellung für die Entwicklung ähnlicher Wohnprojekte entstehen.

Umgesetzt wird das Forschungsprojekt GLESA durch ein vom Institut für angewandte Forschung Berlin (IFAF) finanziertes Verbundprojekt von Alice Salomon Hochschule und Hochschule für Wirtschaft und Recht. Die Forschung erfolgt in Kooperation mit der Schwulenberatung Berlin, dem Pflegedienst CuraDomo sowie dem Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (LADS) der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen:

Forschungsprojekt GLESA an der Alice Salomon Hochschule (ASH)

Wohnort Vielfalt

Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (LADS) der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin

Institut für angewandte Forschung (IFAF) Berlin

CuraDomo GmbH – Altenpflege zu Hause und in Wohngemeinschaften

Schwulenberatung GmbH Berlin