Riskante Medikamente

Bestimmte Arzneimittel können bei älteren Menschen fatale Folgen haben. Wie groß das Problem in Deutschland ist, haben Forscher jetzt erstmals in einer repräsentativen Studie ermittelt.

Amitriptylin, Doxazosin, Bromazepam: Das sind drei Wirkstoffe aus einer Gruppe von Arzneimitteln, die älteren Menschen gefährlich werden können. Bei ihnen führen sie besonders häufig zu unerwünschten Nebenwirkungen, etwa zu gefährlichen Stürzen. Mehr noch: Die fachsprachlich als Potentiell Inadäquate Medikamente (PIMs) bezeichneten Substanzen erhöhen, wie neuere Studien zeigen, das Risiko einer Krankenhauseinweisung und treiben die Kosten des Gesundheitssystems insgesamt in die Höhe. Bereits jetzt gehen mehr als die Hälfte der Arzneimittel hierzulande an über 65-Jährige – ein Trend, der angesichts der ins Rentenalter vorrückenden Babyboomer zunehmen dürfte. Was also tun, um Schäden von älteren Menschen und von der Gesellschaft als Ganzes abzuwenden?    

Vor diesem Hintergrund ermittelten Wissenschaftler um den Mediziner Heinz Endres vom Göttinger aQua-Institut jetzt die Faktoren, die eine Anwendung von PIMs bei Älteren begünstigen. Ihre im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Untersuchung stützt sich auf Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert Koch-Instituts, der sogenannten DEGS1-Studie. In ihr finden sich nicht nur detaillierte Gesundheitsdaten zu rund 1400 Personen im Alter zwischen 65 bis 79 Jahren, sondern auch Angaben zu allen Medikamenten, die in der Woche vor der Befragung eingenommen wurden. Erstes Ergebnis der Studie: „Nach unseren Erkenntnissen nehmen 13 Prozent der älteren Menschen in Deutschland PIMs ein“, sagt Heinz Endres.

Identifizieren konnten die Forscher eher ungeeignete Medikamente mithilfe der PRISCUS-Liste. Sie kam 2010 erstmals heraus und gibt einen an den deutschen Arzneimittelmarkt angepassten Überblick zu potentiell inadäquaten Medikationen. Insgesamt verzeichnet die Liste 83 Substanzen, die sich bei Älteren nachteilig auswirken können. Heinz Endres: „Oft handelt es sich dabei um etablierte Medikamente, die seit vielen Jahren auf dem Markt sind und an die manche Patienten sich gewöhnt haben.“

Die am häufigsten eingenommenen PIM-Wirkstoffe, so ein weiteres Ergebnis der Studie, sind Antidepressiva und Beruhigungsmittel. Ihr Anteil an der potentiell inadäquaten Medikation liegt bei 52 Prozent. Den höchsten Verbrauch potentiell ungeeigneter Arzneistoffe haben ältere Frauen mit Depressionen, Einschlafstörungen und Schmerzmittelbedarf. Bei den 65- bis 79jährigen Männern stehen PIM-Präparate gegen Demenz und zur Muskelentspannung im Vordergrund.

Als zentraler Risikofaktor erwies sich die Gesamtzahl der eingenommenen Präparate: „Je mehr Medikamente es sind, desto  wahrscheinlicher ist die Anwendung von PIMs“, sagt Heinz Endres. In der befragten Altersgruppe kommt einiges zusammen: Mindestens fünf Arzneimittel nahmen 50 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer ein. Lediglich 5,5 Prozent der Studienteilnehmer hatten in der Woche vor der Befragung kein einziges Arzneimittel konsumiert.

Auch die Zahl der Besuche bei Ärzten verschiedener Fachgruppen treibt die PIM-Anwendung tendenziell nach oben. Eingenommen werden die riskanten Mittel vor allem gegen Einschlafstörungen, psychische Störungen und Probleme mit Knochen und Gelenken.

Anders als frühere, regional begrenzte Untersuchungen liefert die neue Studie erstmals ein repräsentatives Bild der PIM-Anwendung in Deutschland. Was ist nun zu tun, um ihren Anteil zu senken? „Wir sollten uns auf die häufigsten Arzneistoffe aus dieser Gruppe konzentrieren“, empfiehlt Heinz Endres, „also auf Antidepressiva, angstlösende Präparate und Beruhigungsmittel“. Besonderes Augenmerk erfordere die Hauptrisikogruppe: „Unser Appell richtet sich an die Hausärzte, gerade bei älteren Patientinnen noch genauer auf die Vermeidung solcher Medikamente zu achten.“

von Lilo Berg

Originalveröffentlichungen

Heinz G. Endres, Petra Kaufmann-Kolle, Hildtraud Knopf, Petra A. Thürmann (2018): Welche Faktoren begünstigen die Anwendung potenziell ungeeigneter Medikamente bei älteren Menschen? Ergebnisse aus der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1), Bundesgesundheitsblatt 1/2018

Endres, HG; Kaufmann-Kolle, P; Steeb, V; Bauer, E; Böttner, C; Thürmann, P (2016): Association between Potentially Inappropriate Medication (PIM) Use and Risk of Hospitalization in Older Adults: An Observational Study Based on Routine Data Comparing PIM Use with Use of PIM Alternatives. PLoS One 11(2): e0146811

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (2015): Medizinische Versorgung im Alter - Welche Evidenz brauchen wir?  (pdf)

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