In Rente, aber aus dem Tritt

Ein Mann, der seinen Beruf liebt, wird in Rente geschickt und erlebt die größte Krise seines Lebens. Der Berliner Journalist Wolfgang Prosinger hat darüber einen Roman geschrieben. Handelt er von einem Einzelschicksal oder geht es um einen typischen Fall? Diese Frage stellte sich bei einer Autorenlesung am Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin.

Es ist Thomas Heckers letzter Arbeitstag. Jahrzehntelang hat er als Redakteur für Zeitschriften gearbeitet, meistens mit Freude. Nun ist er 65 Jahre alt und nimmt Abschied von den Kollegen. Hecker hat diesen Moment vorher in Gedanken durchgespielt, aber erst jetzt wird ihm klar: Das hier ist die größte Zäsur meines Lebens. Er hatte geheiratet und sich wieder scheiden lassen, er war eine zweite Ehe eingegangen und Vater einer Tochter geworden, aber bisher hatte kein Ereignis ihn so getroffen wie das Ende des Arbeitslebens.

Thomas Hecker ist die Hauptfigur in dem Roman „In Rente“, den der Berliner Journalist Wolfgang Prosinger im vergangenen Jahr veröffentlichte. Kürzlich stellte er sein Buch im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) vor. Für den 67-jährigen Autor, der sonst meist in Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken auftritt, war die Lesung vor Alternsforschern eine Premiere. Und vielleicht auch von besonderem Reiz, denn der Übergang in den Ruhestand wird seit vielen Jahren am DZA erforscht. Just im Frühjahr erschien eine neue Studie zu diesem Thema. Und so stand von Beginn der Veranstaltung an die Frage im Raum: Stimmen Fiktion und Forschung überein? Oder anders gefragt: Ist Thomas Hecker ein Einzelfall oder geht es den meisten Neurentnern so?

Schon nachmittags der erste Cognac

Nach dem letzten Arbeitstag, so erzählt der Roman, gerät der Protagonist erst einmal richtig in den Schlamassel. Hecker langweilt sich, er geht kaum noch aus dem Haus und schenkt sich schon nachmittags den ersten Cognac ein. Hobbys hatte er nie und auch jetzt interessieren sie ihn nicht. Bei einem Besuch in der Redaktion spürt er, dass er nicht mehr dazugehört. Wie gern wäre er im Hamsterrad des Berufslebens geblieben! Ohne Job fühlt sich der pflichtbewusste, auf Leistung getrimmte Arbeitsmensch Hecker wertlos. Dass die Rente viel geringer ausfällt als das frühere Gehalt kratzt zusätzlich am Ego.

Wenn seine jüngere Frau abends von der Arbeit nach Hause kommt, jammert er ihr die Ohren voll. Frau und Tochter drängen ihn, endlich etwas zu tun. Aber was nur? „Hecker wird wütend und weiß nicht auf wen“ – mit diesen Worten endete Wolfgang Prosinger die Lesung aus dem ersten Kapitel seines Buchs. Nach weiteren Irrungen und Wirrungen, so viel verriet der Autor, finde der Roman dann aber doch noch ein positives Ende.

Als Rentner müsse man sein Leben regelrecht neu erfinden, sagte Prosinger in der anschließenden Gesprächsrunde – und das schaffe kaum jemand. Zwar würden die meisten Ruheständler vorgeben, es gehe ihnen gut, doch Prosinger bleibt skeptisch: „Selten wird so viel gelogen wie bei diesem Thema.“ Er sei wütend auf die vielen Ratgeber, die ein rosarotes Bild vom Rentnerdasein zeichneten. In Wirklichkeit sei der Übergang in den Ruhestand ein großer Schock – man büße nicht nur Status und Wertigkeit ein, sondern auch Einkommen. Frauen verkrafteten den Übergang oft besser, weil sie meist nicht so eindimensional auf die Arbeit fokussiert seien wie Männer, sagte Prosinger. Wie viel Prosinger in Thomas Hecker steckt, wollte das Publikum im DZA wissen: „60 Prozent bin ich“, sagte der Autor, „die übrigen 40 Prozent habe ich aus Gesprächen mit anderen Rentnern.“

Studie: Rentner sind anfangs zufriedener

Offenbar hat Prosinger nicht die gleichen Personen befragt wie Wissenschaftler am DZA. In einer aktuellen Studie zur Lebenszufriedenheit von Neurentnern ziehen Martin Wetzel und seine Kollegen ein anderes Fazit. Die in der Zeitschrift Social Indicators Research erschienenen Befunde basieren auf Daten des Sozio-Ökonomischen Panels, einer der größten Befragungen in Deutschland. Bei den allermeisten Studienteilnehmern, die in den Ruhestand wechselten, erhöhte sich die Lebenszufriedenheit im ersten Jahr. Am stärksten ausgeprägt war der Effekt bei zuvor Erwerbslosen, denen als Rentner nicht länger das Stigma der Arbeitslosigkeit anhaftet. Aber auch Männer und Frauen, die direkt aus dem Beruf in Rente gehen, zeigen sich der Studie zufolge etwas zufriedener als vorher.

Im Verlauf von acht Jahren nach dem Renteneintritt ergaben sich deutliche Unterschiede: Höhergebildete können ihre Lebenszufriedenheit demnach besser aufrechterhalten als Personen mit niedrigerem Bildungsniveau. Menschen mit mehr Bildung, so vermuten die Forscher um Martin Wetzel, gelingt es oft besser, neue, langfristig zufriedenstellende Alltagsstrukturen aufzubauen. Sie haben im Laufe ihres Lebens Ressourcen gesammelt, die ihnen beim Ruhestandsübergang von Vorteil sein können.

Ist Thomas Hecker ein Auslaufmodell?

Auf die Romanfigur Thomas Hecker treffen die Studienergebnisse nur teilweise zu: Seine Lebenszufriedenheit sinkt nach dem Renteneintritt gegen null und er braucht relativ lange, um ein neues Gleichgewicht zu finden. Dass Hecker kein Interesse an Hobbys oder Ehrenämtern zeigt, decke sich jedoch mit der Studienlage, sagte Martin Wetzel am Rande der Lesung am DZA: „Was man vorher nicht gemacht hat, fängt man als Rentner kaum noch an – dazu gehören auch Freundschaften.“

Mitleid mit dem Leiden des Protagonisten äußerte keiner der Wissenschaftler, im Gegenteil: „Von einem Kopfarbeiter wie Thomas Hecker würde ich erwarten, dass er sich besser auf den Ruhestand vorbereitet“, sagte der Leiter des DZA, Clemens Tesch-Römer, nach der Veranstaltung. Seiner Ansicht nach wird das Rentnerdasein keineswegs generell gefürchtet, dagegen spreche allein schon der Run auf die Rente mit 63 Jahren. Thomas Hecker, so der DZA-Chef, stehe für ein überholtes Männerbild, er sei gewissermaßen ein Auslaufmodell.

Auch Wolfgang Prosinger setzt seine Hoffnung auf nachfolgende Generationen. Seine jüngeren Redaktionskollegen, erzählte er bei der Veranstaltung, seien nach der Geburt ihrer Kinder alle in Elternzeit gegangen. Womöglich meistern sie, die neben Arbeit noch andere Schwerpunkte kennen, den Renteneintritt später einmal besser als ihre Väter. Und vielleicht ist bis dahin auch die starre Regelaltersgrenze gefallen, die heute noch viele in einen Ruhestand zwingt, den sie gar nicht wollen. Wolfgang Prosinger setzt sich dafür ein. Für sich selbst hat er einen Weg gefunden: Er schreibt weiter für seine Zeitung – wenn er nicht gerade mit seinem Buch auf Lesereise ist.

Von Lilo Berg

 

Weiterführende Informationen:

Prosinger, Wolfgang: In Rente, Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, 237 Seiten, 19,95 Euro

 

Wetzel, M.; Huxhold, O. & Tesch-Römer, C. (2015): Transition into Retirement Affects Life Satisfaction: Short- and Long-Term Development Depends on Last Labor Market Status and Education.

 

Foto Startseite: Dom Dada 2006, Flickr https://www.flickr.com/photos/ogil/274628990/in/gallery-posener-72157625...