Potential für gute Pflege

Pflegenotstand – was tun? „Es gibt genügend Potenzial, um eine gute Pflege auch in Zukunft zu gewährleisten.“

Die Deutschen werden so alt wie nie zuvor - und das bei besserer Gesundheit. Die schöne Nachricht hat jedoch ihre Schattenseite: Denn wenn viele Menschen alt und sehr alt werden, gibt es auch mehr Menschen, die am Ende ihres Lebens pflegebedürftig sind. Daraus ergibt sich, dass die Anforderungen an das medizinische System einer alternden Gesellschaft substanziell wachsen. Schon jetzt fehlten 15 000 Pflegekräfte in Deutschland, erklärt der Arbeitgeberverband Pflege. Und prophezeit, dass es schon bald weltweit einen Run auf die Pflegeprofis geben wird – schließlich werden die Menschen in allen Industrienationen immer älter. In den nächsten Jahren rechne man daher mit einem Pflegekräftemangel von 77 000 Pflegeprofis.

Der Kollaps des Pflegesystems scheint greifbar nah – und gibt Raum für düstere Szenarien. Aber sind diese wirklich realistisch? Frau Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité Berlin und vormaliges Mitglied der Akademiengruppe Altern in Deutschland, gibt Antworten.

Frau Professor Steinhagen, in Zukunft droht Deutschland der Pflegenotstand, berichten alle Medien. Sehen Sie das auch so?

Steinhagen: Das wird nicht erst in Zukunft so sein. Das ist schon heute so. Wir haben überall nicht genug Pflegekräfte. Sowohl in der ambulanten Pflege als auch in den Altenheimen.

Heißt das, dass der Zug in Sachen Pflege schon längst abgefahren ist?

Steinhagen: Ich denke, es gibt eigentlich genügend Potenzial, um eine gute Pflege auch in Zukunft zu gewährleisten. Allerdings wird derzeit wenig dafür getan, dass dieses Potenzial auch in die Praxis umgesetzt wird. Der Pflegeberuf ist beispielsweise immer noch in erster Linie ein Frauenberuf. Um ihn jedoch für Frauen attraktiver zu machen, müsste es viel mehr flexible Modelle der Ausbildung und Arbeitszeit geben. Und sicherlich müsste der Beruf auch besser bezahlt werden. Auch mehr Qualifikationsstufen wären sinnvoll. In den USA gibt es beispielsweise sehr viel differenziertere Berufsbilder – und der Beruf gilt als weitaus attraktiver.
Mit guten Ausbildungsmodellen und einer besseren Bezahlung könnte man also bestimmt mehr Menschen für diesen Beruf begeistern. Ich denke da auch an Personen, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen, oder auch an junge Menschen, die ihre mittlere Reife geschafft haben, aber vielleicht nicht ihren Wunsch-Ausbildungsplatz bekommen haben. Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, dass man einen Teil dieser Personen für den Pflegeberuf begeistern könnte – vorausgesetzt, die Ausbildung ist gut abgestimmt und die Bezahlung im Beruf stimmt. Auch Ausbildungen für ausländische Kräfte, die beispielsweise einen Sprachkurs beinhalten, sind sinnvoll. Sie sehen: Es gibt sehr viele Möglichkeiten.

Woran liegt es dann, dass so wenig getan wird?

Steinhagen: Das ist eine gute Frage. Und ganz ehrlich muss ich sagen, ich weiß und verstehe es auch nicht. Natürlich kosten gute Ausbildungen Geld. Aber bevor man niemanden ausbildet, sollte man doch lieber aktiv werden.

Pflegebedürftigkeit ist ja nur die eine Seite – was kann man selbst tun, um möglichst lange fit und gesund zu bleiben?

Steinhagen: Vor allem ein gesundes Leben führen. Das bedeutet gesunde Ernährung, nicht übergewichtig sein, Sport treiben und nicht rauchen. Gerade Übergewicht wird zu einem immer größeren Problem. Die Übergewichtigen von heute sind die Diabetiker von morgen. Das rollt wie eine Lawine auf uns zu.

Könnte man den Bedarf an Pflegekräften drastisch senken, wenn alle gesund leben würden?

Steinhagen: Die heute 70jährigen sind schon jetzt gesünder als die 70jährigen vor 10 oder 20 Jahren. Das wissen wir, beispielsweise aus unserer Berliner Altersstudie.. Das heißt, der Prozentsatz der Menschen, die im Alter Pflege brauchen, sinkt. Aber gleichzeitig steigt die Zahl der Personen, die so alt werden, stark an, etwa wenn die Generation der Babyboomer 70 und 80 wird. Wenn immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, gehen damit oft chronische Krankheiten oder später eine Demenz einher. Insgesamt werden wir also auch bei besserer Gesundheitsvorsorge noch einen steigenden Bedarf an Pflegekräften haben – aber eine stärkere Förderung der Prävention würde auf jeden Fall dabei helfen, den Pflegenotstand abzumildern.

Sie beschäftigen sich auch intensiv mit der Frage, welche Vorteile moderne Technik für das Leben älterer Menschen bringen kann. Was haben Sie herausgefunden?

Steinhagen: Die Einsatzbereiche für moderne Technik sind noch lange nicht ausgeschöpft und unsere Forschungsprojekte zeigen, dass sie das Leben der Älteren extrem verbessern kann. Wir haben beispielsweise in einem Projekt Patienten, die nicht mehr das Haus verlassen können, mit Computer und Webcam ausgestattet. Auf diese Weise konnten sie sich von morgens bis abends mit einem Team von Therapeuten und Ärzten verbinden, aber auch untereinander in Kontakt treten. In einem Internet-Gesundheitsportal Vitanet konnten die Teilnehmer Informationen abrufen. Jede Woche haben wir eine Video-Konferenzschaltung gemacht und unter der Leitung einer Sozialarbeiterin gab es eine Art virtuelle Selbsthilfegruppe. Das hat zu einer großen Aktivierung der Patienten geführt. Kontakte untereinander entstanden. Viele fingen an, das Internet aktiv und ausgiebig zu nutzen, auch außerhalb medizinischer Themen. Trotz ihrer Einschränkungen bekamen diese Menschen wieder das Gefühl, mitten im Leben zu stehen.

Viele andere Projekte erforschen weitere Einsatzgebiete von moderner Technik. Das Forschungsprojekt „Smart Senior – Intelligente Dienste und Dienstleistungen für Senioren“ beschäftigt sich beispielsweise mit der Frage, wie man älteren Menschen mit Hilfe von technologischer Innovation ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen kann. Das Projekt gliedert sich in drei Hauptthemen: „Länger selbstständig im häuslichen Umfeld leben“, „Sicher unterwegs sein“ sowie „Gesund werden und bleiben“. Es wird mit 43 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium und aus der Wirtschaft gefördert. Hier geht es um Sicherheit im Haus, aber auch unterwegs und im Auto. An der Charité entwickeln wir beispielsweise zusammen mit Partnern ein Trainingsgerät für Schlaganfallpatienten, die damit zuhause die Beweglichkeit im betroffenen Arm üben können – damit wollen wir die Selbständigkeit fördern. Eine andere Gruppe erforscht, wie man die Fahrtüchtigkeit älterer Menschen und damit ihre Mobilität möglichst lange erhalten kann. Das Thema „Sicheres Autofahren im Alter“ beschäftigt uns so sehr, dass wir dafür extra einen Fahrsimulator angeschafft haben, um damit die Fahreignung älterer Menschen untersuchen zu können. Später können dort dann vielleicht auch ältere Menschen das Autofahren trainieren.

Interview: Carola Kleinschmidt