Planungshandbuch für flexibles Wohnen

Forscher vom Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart haben ein neues Modell für flexible Wohnungen entwickelt. Unter dem Leitbegriff „ready“ definiert ein Handbuch Grundregeln für den Neubau von Wohnungen, die sich im Bedarfsfall schnell und kostengünstig anpassen lassen, etwa, wenn ein Bewohner plötzlich auf Pflege angewiesen ist.

„Die wenigsten Wohnungen sind geeignet, Menschen ein Leben lang aufzunehmen“, erklären die Forscher in ihrem Konzept. Um einen „Paradigmenwechsel für die Praxis“ herbeizuführen, entwickelte das Team um Prof. Thomas Jocher eine bedarfsorientierte Strategie. Denn erst bei Hochaltrigen wachse die Prozentzahl derjenigen stark an, die auf einen Rollstuhl tatsächlich angewiesen sind. „Hier wird ein genereller Konflikt sichtbar“, sagen die Forscher. „Für die meisten älteren Personen besteht keine Notwendigkeit, eine möglicherweise in vollem Umfang rollstuhlgerechte Wohnung zu bewohnen – sie werden zeitlebens in aller Regel keinen Rollstuhl benötigen. Auf der anderen Seite wächst mit zunehmendem Alter das Risiko, nach einem langen gesunden Leben schlagartig an den Rollstuhl gefesselt zu werden. Dieses Risiko ist latent immer vorhanden, selbst für jüngere Personen.“

http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWohngemeinschaft_Berlin_2008.JPG  By Jaro.p (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons from Wikimedia Commons

http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWohngemeinschaft_Berlin_2008.JPG By Jaro.p (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons from Wikimedia Commons

Eine Lösung sehen die Forscher in einer hohen Planungsflexibilität, die eine schnelle und kostengünstige Anpassung an die tatsächlichen Bedürfnisse ermöglicht, die gegebenenfalls auch ohne großen Aufwand wieder rückgängig gemacht werden kann. Durch die zeitnahe Anpassbarkeit bei Bedarf oder im Notfall formt das Konzept sozusagen einen „Airbag für Wohnungen“.

Ziel des Modells ist es, bereits bei der Planung von Neubauwohnungen die Weichen für das Wohnen im Alter zu stellen. Damit beispielsweise auch Familienwohnungen schnell und kostengünstig umgerüstet werden können, müssen sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehören unter anderem schwellenlose Zugänge, ausreichend große Räume oder bodengleiche Duschen. Die Kriterien sind in Form eines Maßnahmenkatalogs auf der Projekt-Website abrufbar. Interaktive Darstellungen zeigen dort auch die Ausstattung einer barrierearmen Wohnung. Neben dem Mindeststandard „ready“ für eine barrierearme Wohnung sehen die weiteren Stufen des Modells zusätzliche Ausstattungsmerkmale und Funktionen vor, die bis hin zur Barrierefreiheit gemäß den einschlägigen DIN-Normen reichen.

In das Modell der Forscher flossen neben den Ergebnissen einer Umfrage auch Experteninterviews und Fallstudien ein. Die wichtigste empirische Grundlage bildet die deutschlandweite Auswahl von zwölf besonders ambitionierten altengerechten Wohnprojekten. Ergänzend wurden vier weitere Projekte aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark aufgenommen. Diese Sammlung veranschaulicht, was schon jetzt umsetzbar ist, aber auch, wo es aus Sicht der Gebäudenutzer noch Probleme gibt.

„Der Bedarf muss mit der Praxis abgestimmt werden“, lautet ein wesentliches Resultat der Analyse. So verweisen die Forscher beispielsweise darauf, dass stetig steigende Anforderungen an Funktionalität und Sicherheit nicht einseitig die Gestaltungsspielräume einengen dürften. Um derartige Gegensätze zu vereinen, seien gemeinsame Anstrengungen und Zugeständnisse von allen Seiten notwendig – von Planern, Politikern, Bauherren und Nutzern. Das ready-Konzept soll dazu den Weg weisen. Es soll vor allem ermöglichen, flexible Baustandards mit sozial nachhaltigen Planungsgrundlagen zu verknüpfen. Die Leitlinien dafür wurden in drei Punkten zusammengefasst: einfach vermittelbar, flexibel anwendbar und wirtschaftlich realisierbar.

Gefördert wurde die Forschungsarbeit durch die Forschungsinitiative Zukunft Bau des Bundesbauministeriums.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen:

Website des Projekts „ready – vorbereitet für altengerechtes Wohnen“

Online-Version des Handbuchs: Download des Forschungsberichts

Weitere Informationen zur Forschungsinitiative Zukunft Bau

Foto Startseite:

http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWohngemeinschaft_Berlin_2008.JPG

By Jaro.p (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons from Wikimedia Commons