PIAAC-Studie: Kompetenzunterschiede zwischen Jung und Alt

In der Bildungsstudie „Programme for the International Assessment of Adult Competencies" (PIAAC) wurden erstmals Kompetenzen von Erwachsenen im internationalen Vergleich umfassend untersucht. Grundlegende Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen wurden dabei ebenso erfasst wie der Umgang mit neuen Technologien. Für Deutschland offenbaren die Resultate einen positiven Trend bei den jüngeren Kohorten, aber auch Kompetenzdefizite bei den älteren Jahrgängen.

PIAAC ist eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und wurde zeitgleich in 24 Ländern durchgeführt. Vom Sommer 2011 bis zum Frühjahr 2012 wurden in jedem Teilnehmerland etwa 5.000 zufällig ausgewählte Testpersonen im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Die Studie wird deshalb bisweilen auch als „PISA für Erwachsene“ bezeichnet. Untersucht wurden die Lesekompetenz, die alltagsmathematische Kompetenz und die Fähigkeit zum technologiebasierten Problemlösen. Zusätzlich erhob die Studie soziale und ökonomische Merkmale der befragten Personen, beispielsweise die individuelle Bildungs- und Berufsbiographie. Die ersten Ergebnisse wurden Anfang Oktober 2013 veröffentlicht.

In Deutschland wurde die PIAAC-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unter finanzieller Beteiligung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) durchgeführt. Mit der Realisierung wurde das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, die größte deutsche Infrastruktureinrichtung für Sozialwissenschaften, betraut. Beatrice Rammstedt © GESISGeleitet wurde das Projekt von Prof. Beatrice Rammstedt (Foto © GESIS), der Wissenschaftlichen Leiterin der Abteilung Survey Design and Methodology (SDM) am GESIS-Institut.

Die Befunde der Studie zeigen signifikante Unterschiede zwischen den Geburtskohorten, die, wie Rammstedt betont, in dieser Weise nicht erwartbar waren: „Es war vor allem überraschend, wie deutlich PIAAC die Ergebnisse der PISA-Studien repliziert.“ Zwischen PIAAC und PISA gebe es eine eindeutige Parallelität, insbesondere bestätige sich der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung in Deutschland. „Was wir sehen ist, dass Deutschland im internationalen Vergleich wieder einen deutlichen Effekt der sozialen Herkunft aufweist. Personen aus vergleichsweise niedrig gebildeten Elternhäusern weisen im Mittel niedrigere Kompetenzen auf als Personen aus hochgebildeten Elternhäusern“, erläutert die PIAAC-Projektmanagerin.

Die Resultate deuten darauf hin, dass die Probleme des deutschen Bildungssystems schon länger existieren und es wenige Möglichkeiten gibt, Defizite der Schulbildung später auszugleichen. Die ebenfalls von der OECD erstmals im Jahr 2000 durchgeführte internationale Schulleistungsuntersuchung führte in Deutschland wegen unerwartet schlechter Resultate zum sogenannten „PISA-Schock“. Als Folge wurden nicht nur die Investitionen in das Bildungssystem erhöht, sondern auch strukturelle Veränderungen im Schulwesen eingeleitet. Die Ergebnisse der PIAAC-Studie legen nahe, dass einige dieser Maßnahmen wirksam waren. So verfügen mittlerweile etwa 60 Prozent der 16- bis 34-Jährigen über „höhere Lesekompetenzen“, eine Fertigkeit, die in der Gruppe der 55- bis 65-Jährigen nur etwa 30 Prozent besitzen.

So erfreulich die deutliche Verbesserung der Kompetenzen bei den Jüngeren ist, so offenbart PIAAC damit allerdings auch, dass es nach wie vor einen großen Nachholbedarf in der Bildung für die älteren Generationen gibt, der angesichts des demografischen Wandels insbesondere in ökonomischer Hinsicht, zum Beispiel für die langfristige Sicherung der Fachkräftebasis, von Bedeutung ist. Bemerkenswert ist auch, dass die bei den Arbeitnehmern vorhandenen Qualifikationen oft nicht optimal genutzt werden. Die Mehrheit der Berufstätigen übt zwar eine Tätigkeit aus, die ihren Kompetenzen entspricht. Der Anteil der Überqualifizierten in Deutschland liegt jedoch mit 23 Prozent deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

Die Ursachen für das vergleichsweise schlechte Abschneiden der Älteren in der PIAAC-Studie sind allerdings nicht so einfach zu beseitigen. Ein zusätzliches Problem bestehe darin, „dass bei Personen mit vergleichsweise geringem Kompetenzniveau auch eine sehr geringe Weiterbildungsbeteiligung feststellbar ist.“

Eine mögliche Konsequenz sieht Rammstedt in einer Überprüfung des Weiterbildungssektors: „Wir müssen die bestehenden Angebote evaluieren und uns die Frage stellen, ob wir diese Personen überhaupt erreichen können.“ Darüber hinaus legen die Resultate der PIAAC-Studie auch einen Blick über den eigenen Tellerrand nahe: „PIAAC ermöglicht auch zu evaluieren, was andere Länder besser machen – zum Beispiel die nordischen Länder oder die Niederlande.“ Allerdings sei es auch hier erforderlich, sich „genau anzusehen, was man eventuell übernehmen sollte“.

Die Alternsforscherin Ursula M. Staudinger und der „PISA-Papst“ Jürgen Baumert weisen darauf hin, dass die Bildungsbeteiligung erst in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Heute gelte der mittlere Abschluss als Mindestniveau. Diese Bildungsexpansion sei so rasch erfolgt, dass in Deutschland heute, wie PIAAC zeigt, die Kompetenzniveaus der Generationen im Vergleich sehr unterschiedlich sind. „Die Bildungsressourcen fehlen am stärksten dort, wo sie am meisten gebraucht werden – in den älteren Kohorten. In gewisser Weise hat in Deutschland die Bildungsexpansion zu spät und der demografische Wandel zu früh eingesetzt“, sagen Staudinger und Baumert.

Entscheidend unterstützt werden könnte die Entwicklung von Lösungskonzepten durch Wiederholungsbefragungen der PIAAC-Teilnehmer, die das GESIS-Institut in den nächsten Jahren durchführen wird. Dabei ist neben einer erneuten Erhebung der Grundkompetenzen geplant, zusätzliche soziale und ökonomische Informationen zu erfassen, die unter anderem fundierte Aussagen über die Bildungsmobilität ermöglichen. Der nächste internationale PIAAC-Test soll dann in zehn Jahren stattfinden.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen:

PIAAC – Eine internationale Studie zur Untersuchung von Alltagsfertigkeiten Erwachsener: Link

Ursula M. Staudinger und Jürgen Baumert (2007): Bildung und Lernen jenseits der 50. In: P. Gruss: Die Zukunft des Alterns. Die Antwort der Wissenschaft. München: C.H. Beck, S. 240-257.