Nobel Week Dialogue: „68 ist das neue 57“

Einen Tag vor der Zeremonie zur Verleihung der Nobelpreise fand in Stockholm der „Nobel Week Dialogue“ statt, der  die Konsequenzen des demografischen Wandels zum Thema hatte. Unter dem Titel „The Age to Come – New scientific and cultural perspectives on ageing“ diskutierten 31 Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, darunter 6 Nobelpreisträger, der schwedische Minister für Forschung und Innovation und der Künstler Jeff Koons. Auf dem Podium sprachen auch James W. Vaupel und Ursula M. Staudinger.

In seinem Vortrag mit dem Titel „Population Ageing: Causes and Consequences“ beschäftigte sich James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, mit den Folgen des demografischen Wandels für die Weltbevölkerung. Zunächst illustrierte er, wie deutlich sich die Altersstruktur der Weltbevölkerung von 1950 bis 2010 gewandelt hat und zeigte, wie sich die früher deutlich ausgeprägte „Alterspyramide“ im Jahr 2050 und schließlich 2100 mehr und mehr in eine Glockenform umgestalten wird. Dieser dramatische Wandel werde durch zwei Faktoren bestimmt. Einerseits steigern sinkende Geburtenraten den relativen Anteil älterer Menschen innerhalb der Bevölkerung. Zweitens leben Menschen immer länger. Die Verlängerung der Lebensspanne sei dabei nicht nur der entscheidende Treiber für die Alterung der Weltbevölkerung, sondern auch der Umfang der Alterung hänge von ihr ab.

James Vaupel

James Vaupel

Heutige Menschen altern später

Das statistische Risiko zu sterben, habe sich in weit in das fortgeschrittene Alter verschoben. Und dies zum Teil geradezu explosionsartig. So gab es in Schweden 1861 ganze fünf Menschen, die über 100 Jahre waren. 2010 betrug die Anzahl bei den nördlichen Nachbarn mehr als 1.300 Menschen. Vaupel erklärte, es sei möglich, dass Durchbrüche im Bereich der Wissenschaft die Geschwindigkeit beim Anstieg der Langlebigkeit in Zukunft erhöhen könnten. „Aber die grundlegende Tatsache, die von den Demografen entdeckt wurde, ist, dass Langlebigkeit zunimmt – und das mit bemerkenswerten Zuwächsen seit 1950“, sagte Vaupel.

Eine wesentliche damit einhergehende Veränderung ist die Verschiebung des Alterungsprozesses: „Wir werden nach wie vor alt – aber wir altern später.“ Die nach hinten verschobene Seneszenz führt auch zu einer statistischen Verschiebung der Sterbenswahrscheinlichkeit. So betrug 1950 die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei 57-jährigen schwedischen Frauen ein Prozent. Die einprozentige Wahrscheinlichkeit hatte sich bereits im Jahr 2010 signifikant nach hinten verschoben – auf das Alter von 68 Jahren. Daraus zog der Demograf den Schluss:„68 ist das neue 57!“

Lebenserwartung steigt um sechs Stunden pro Tag

Vaupel betonte, dass der Anstieg der Lebenserwartung ein kontinuierlicher Prozess sei. In den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung hat sich diese seit 1840 nahezu verdoppelt. Dabei verlief die Entwicklung erstaunlich linear und lässt sich in einer eindrucksvollen Formel ausdrücken: „Die Lebenserwartung stieg um zweieinhalb Jahre pro Dekade oder drei Monate im Jahr oder sechs Stunden pro Tag.“

„Sehr lange Leben sind nicht das Privileg einer entfernten zukünftigen Generation. Sie sind die wahrscheinliche Bestimmung heute lebender Kinder“, sagte Vaupel. Man könne abschätzen, dass etwa die Hälfte aller 2010 geborenen Schweden ein Alter von 104 Jahren erreichen wird. Somit würden die meisten der heute beispielsweise in Schweden geborenen Kinder ihren 100. Geburtstag feiern können.

„Wenn man in dieser Weise über die Alterung der Bevölkerung nachdenkt, dann sind ältere Menschen nicht länger ein Problem und oder eine Last“, erklärte Vaupel. Und die nachhaltig veränderten Proportionen in der Altersstruktur der Weltbevölkerung seien als ein Erfolg des menschlichen Strebens zu begreifen.

Ursula StaudingerKultur kann Biologie verändern

Die deutsche Alternsforscherin Ursula M. Staudinger knüpfte in ihrem Vortrag „Change and Growth – a Paradox?“ an Vaupels Erörterungen an. Sie ist Gründungsdirektorin des Robert N. Butler Columbia Aging Centers, Leiterin des dazugehörigen International Longevity Center (ILC) an der Columbia University, New York, und Vizepräsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Staudinger verwies auf die kulturellen Errungenschaften durch Wissenschaft, Fortschritte in der Medizin und im Gesundheitswesen, Veränderungen in der Ernährung, das Bildungssystem und das Arbeitsumfeld – alles Faktoren, die in den letzten 100 Jahren dazu beigetragen haben, 30 zusätzliche Jahre Lebenserwartung zu gewinnen.

„Wir verstehen mehr und mehr, dass Kultur in der Lage ist, die Biologie zu verändern“, sagte Staudinger. Sie illustrierte dies eindrücklich, indem sie das berühmte Porträt von Albrecht Dürers 63-jähriger Mutter einer heutzutage 63-jährigen Frau gegenüberstellte. Für das Auditorium waren die frappanten Unterschiede des Alterungsprozesses unmittelbar ersichtlich. „Die Bedeutung des chronologischen Alters verändert sich. Die menschliche Entwicklung ist nicht durch die Biologie determiniert.“ Neben der Biologie seien für das Individuum zugleich der sozio-kulturelle Kontext und die sozio-kulturelle Umgebung wesentlich. Ein dritter wesentlicher Faktor sei die von Gedanken, Lebenseinstellung und persönlichen Entscheidungen geprägte individuelle Verhaltensweise.

„Es ist evident, dass diese Dreiheit nicht nur einen enormen Raum für Unterschiede zwischen Menschen erzeugt, sondern auch für Unterschiede in uns selbst – von Augenblick zu Augenblick, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr“, sagte Staudinger. Die Interaktivität der drei Faktoren erzeuge den Raum für die „Plastizität des menschlichen Alterns“, ein Begriff, der die Veränderlichkeit im Laufe des Lebens bezeichnet.

Die Wissenschaftlerin machte deutlich, dass die gesellschaftlichen Strukturen dem längeren Leben der Menschen angepasst werden müssen. „Unsere Meinungen und Erwartungen sind nach wie vor erfüllt von Bildern des Alterns aus vergangenen Zeiten“, erklärte sie. „Wir brauchen neue Lebenszeit-Strukturen.“ Dass Menschen generell durch kognitives und physisches Training in der Lage sind, bis ins hohe Alter produktiv zu sein und zu lernen, zeigte Staudinger anhand von Studienergebnissen. Beispielsweise werde die Bevölkerung in Großbritannien im Jahr 2042 chronologisch zwar älter, kognitiv aber jünger sein als heute.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen:

Video Vortrag

Website Nobel Week Dialogue

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