Mit Ideen in den Ruhestand

Manche leben im Rentenalter regelrecht auf, andere fallen in ein tiefes Loch.  Alles eine Frage kluger Gestaltung, sagt eine Soziologin. Als Ruhestands-Coach arbeitet sie mit vielen älteren Erwerbstätigen, etwa aus der Berliner Verwaltung. 

Reisen, Hobbys pflegen, sich um die Enkelkinder kümmern: Viele ältere Berufstätige wissen schon ziemlich genau, wie sie ihren Ruhestand verbringen wollen. Aber mehr als 40 Prozent wechseln ohne konkrete Pläne ins Rentnerdasein, wie die Studie „Transitions and Old Age Potential (TOP)“ am Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zeigt. Ein weiteres Ergebnis der repräsentativen Befragung: Gut die Hälfte derjenigen, die schon in Rente oder Pension sind, fühlt  sich sehr wohl, doch gut ein Viertel ist nicht glücklich mit der neuen Situation.  

Foto: Mahne

Foto: Mahne

Ein Allheilmittel gegen den „Ruhestands-Kater“ gebe es nicht, sagt Dr. Katharina Mahne. Wer sich jedoch frühzeitig auf die neue Lebensphase vorbereite, sei besser gegen negative Folgen gefeit. „Fünf Jahre vor dem geplanten Ausstieg aus dem Erwerbsleben sollte man idealerweise damit beginnen“, sagt die Berliner Soziologin. Nach vielen Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit am Deutschen Zentrum für Alternsfragen hat sie sich Anfang 2018 mit dem in Deutschland noch seltenen Beruf des Ruhestands-Coachs selbstständig gemacht. Seither unterstützt die 42-Jährige Einzelne und Gruppen dabei, maßgeschneiderte Pläne für die nachberufliche Zeit zu entwickeln.

Engagement im Alter (Grüne Alte Hamburg 2010, via Flickr https://flic.kr/p/9tojk4 CC BY-NC-SA 2.0)

Babyboomer als Pioniere

Die Zielgruppe wird immer größer. Mit den Babyboomern scheidet in den kommenden Jahren die größte deutsche Nachkriegsgeneration aus dem Erwerbsleben aus. Die meisten von ihnen sind relativ gesund und materiell abgesichert. Bei einem durchschnittlichen Renteneintrittsalter von derzeit 64 Jahren haben Frauen haben im Schnitt noch 21 Jahre vor sich, Männer etwa 19 Jahre - die meisten werden also ein Viertel ihrer Lebenszeit im Ruhestand verbringen. „Damit konnte keine Generation zuvor rechnen und darauf sollten wir uns auch individuell einstellen“, sagt Katharina Mahne.   

Über die nötigen Fähigkeiten, davon ist die Spezialistin überzeugt, verfügt jeder Mensch.  In ihrer Ausbildung zum Systemischen Coach hat Katharina Mahne gelernt, sich auf Lösungen zu konzentrieren, statt beim Problem zu verharren. Dazu gehört auch, dass vor jedem Gespräch ein bestimmtes Ziel formuliert wird. „Eine Klientin sucht nach einer sinnvollen Beschäftigung im Ruhestand und will dazu Ideen entwickeln“, skizziert  die Soziologin eine klassische Situation. Ihre Aufgabe sei es in diesem Fall, durch Nachfragen dabei zu unterstützen, ihre individuelle Lösung herauszuarbeiten. „Ich leiste also keine Beratung im herkömmlichen Sinn, sondern eher Hilfe zur Selbsthilfe“.

Wohltuende Wertschätzung

Mahnes Renten-Coaching ist inzwischen im Programm der Berliner Volkshochschulen vertreten und auch bei der Verwaltungsakademie Berlin. Dort kommen Behördenangestellte zusammen, um gemeinsam über das Leben nach dem Job nachzudenken – „die Sozialarbeiterin aus dem Jugendamt genauso wie der Sachbearbeiter vom Grünflächenamt“, berichtet die Seminarleiterin. Für das Weiterbildungsangebot stellt die Verwaltung ältere Mitarbeiter zwei Tage lang frei und übernimmt die Kosten. „Die Teilnehmer werten das durchaus als Zeichen der Wertschätzung“, berichtet Katharina Mahne.

Am ersten Seminartag geht es um die individuelle Biografie. Warum habe ich diesen Beruf ausgewählt? Wo stehe ich jetzt? Wo liegen meine Fähigkeiten? Was gibt mir Kraft? Das seien typische Fragen, die jeder für sich oder in der Kleingruppe und schließlich in großer Diskussionsrunde beantworte, sagt Mahne. Am zweiten Tag stellt sie persönliche Ziele und künftige Vorhaben in den Mittelpunkt.  Zum Abschluss gibt es noch eine Liste mit Adressen, Ideen und Anregungen für die nachberufliche Zeit.

„Oft hilft es den Teilnehmern schon, wenn sie merken, dass andere vor den gleichen Fragen wie sie selbst stehen“, berichtet die Seminarleiterin. Und immer wieder zeige sich, wie wenig bekannt Unterstützungsleistungen des eigenen Hauses seien. „Deshalb lade ich regelmäßig Fachkräfte aus der betreffenden Institution ein, um die Hilfsangebote vorzustellen“, sagt Mahne.

Fragen für die Forschung

Was ein Ruhestands-Coaching den Teilnehmern längerfristig bringt, ist nur wenig erforscht. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass eine aktive Vorbereitung und Planung sich günstig auswirkt, dass aber auch andere Faktoren bedeutsam sind. Vor allem kommt es wohl darauf an, den Prozess selbst zu gestalten. „Es wäre gut, mehr über die besondere Bedarfslage in dieser Lebensphase zu erfahren und besser einschätzen zu können, was die Teilnehmer tatsächlich mitnehmen und im Ruhestand für sich nutzen“, sagt Katharina Mahne. Auf dieser Basis könnten die Angebote passgenauer auf den Bedarf abgestimmt werden.

Auch wenn es nicht ganz der reinen Lehre des systemischen Coachings entspricht: Ein paar Tipps für angehende Ruheständler hat Mahne dann doch. „Sie basieren auf Ergebnissen von Überblicksstudien aus der Alternsforschung“, sagt sie und empfiehlt zum Beispiel, die eigenen Pläne für  Ruhestandsprojekte vorher im Kleinen auszuprobieren, möglichst noch in der Berufsphase. Kostspielige Fehlinvestitionen ließen sich so oft vermeiden – etwa die Anschaffung eines großen Caravans, um dann zu erkennen, dass man doch eher der Pauschalreisetyp ist. Die eigenen Pläne auch mit dem Partner zu besprechen klinge einfach, sagt Katharina Mahne, werde aber oft vernachlässigt. Die Ausruhphase nach dem Berufsleben, so ihr dringender Rat, sollte kurz sein: „Zwei, drei Monate – nicht mehr, sonst geraten die schönen Vorhaben in Vergessenheit.“ Vorher aber gelte es den letzten Arbeitstag nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – im Amt, in der Firma und auch zu Hause: „Es ist einer der großen Übergänge im Leben und das sollten wir zelebrieren.“ 

Von Lilo Berg

Ruhestands-Coaching

Zwischenergebnisse der TOP-Studie