Life Science Day 2014: „Die heute 70 Jahre alten Menschen sind fitter, mobiler und kognitiv besser.“

Wie gelingt es uns, im Alter gesund zu bleiben? Welche Behandlungsmöglichkeiten für altersabhängige Erkrankungen bietet die moderne Medizin heute und in Zukunft? Wie kann eine älter werdende Gesellschaft künftig medizinisch versorgt werden? Unter dem Titel „Gesundheit im Alter – Medizin auf neuen Wegen“ fand am 16. Oktober 2014 im Rahmen der „Berlin Health Week“ der vierte „Life Science Day“ im Henry Ford Bau der Freien Universität Berlin statt. Rund 300 Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft nahmen teil.

Foto: RMSW/ Welscher

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In seiner Keynote forderte Prof. Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, dazu auf, die Altersforschung voranzutreiben. In vielen wissenschaftlichen Bereichen bestünden diesbezüglich noch Defizite, beispielsweise in der Rechtswissenschaft, wo die Fragen nach der Rechtssicherheit im Alter bislang noch unzureichend behandelt würden. Als positives Beispiel nannte er in diesem Kontext die ehemalige Leopoldina-acatech-Arbeitsgruppe „Altern in Deutschland“, in der „eine sehr effektive Diskussion über die wirtschaftlichen Herausforderungen, aber auch über die wirtschaftlichen Möglichkeiten“ einer alternden Bevölkerung geführt worden sei.

Einhäupl erinnerte an den Fortschritt, der von der seit 1850 deutlich gestiegenen Lebenserwartung bis in die Gegenwart stattgefunden habe: „65plus bedeutet, dass insbesondere die Lebensqualität bis ins hohe Alter heute zugenommen hat.“ Ein Thema, dass auch bei der anschließenden Podiumsdiskussion erörtert und im Hinblick auf Gesundheitspolitik und -wirtschaft kontrovers beleuchtet wurde.

Prof. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und ebenso wie Einhäupl Mitglied der ehemaligen Leopoldina-acatech-Arbeitsgruppe „Altern in Deutschland“, forderte, alle medizinischen Fächer um einen Altersschwerpunkt zu erweitern. Wegen der älter werdenden Bevölkerung würden die gesundheitlichen Leistungen zunehmen. Daher seien nicht nur Investitionen in die Altersmedizin erforderlich, sondern eine „Geriatrisierung aller medizinischen Fächer und aller Berufe, die dazugehören“. Es müsse eine „Welle durch das Land gehen“, die zu entsprechender Fort- und Weiterbildung führe.

Als ein weiteres wichtiges Thema nannte Steinhagen-Thiessen die gesundheitliche Vorsorge: „Wir müssen das Thema Prävention endlich auf den Plan kriegen. Jeder von uns ist verantwortlich. Hier müssen wir gute, pfiffige und auch greifende Konzepte haben.“ Der Fokus sollte dabei viel mehr als bislang auf das Ziel einer hohen Lebensqualität gerichtet werden.

"Anita O'Day" by Daniel Shen Taipei, TaiwanDass sich die Lebensqualität im Alter erhöhen und verbessern lässt, legen auch erste Auswertungen der kürzlich abgeschlossenen Berliner Altersstudie II (BASE II) nahe, an der Steinhagen-Thiessen mitwirkt. So zeigen beispielsweise die ersten Ergebnisse aus dem Vergleich der Vorgängerstudie BASE I mit BASE II eine deutliche Tendenz: „Die heute 70 Jahre alten Menschen sind fitter, mobiler und kognitiv besser.“

Auf die Frage, wie man konkret die Lebensqualität im Alter erhöhen könne, hob Steinhagen-Thiessen nochmals hervor, dass allgemein von der regelmäßigen medizinische Vorsorge viel zu wenig Gebrauch gemacht werde. Aus einem breitgefächerten Katalog listete sie schließlich einige lebenspraktische Maximen auf: „Gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, nicht Rauchen, sich mit den Themen der Alterung selbst beschäftigen, geistige Aktivitäten pflegen und sich, wenn man pensioniert ist, um etwas kümmern, das man gerne macht.“

Prof. Dr. Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, widmete sich zunächst der Frage nach den durch den demografischen Wandel steigenden Gesundheitskosten. In den Debatten dürfe nicht vergessen werden, dass es nichts Schöneres gebe, als in Gesundheit und Würde zu altern. „Das entbindet uns nicht von der Verpflichtung, für die Jungen genauso zu sorgen, wie uns Sorgen zu machen, um ein würdiges Altern. Nur in dieser Bipolarität sind wir berechtigt, diese Debatten zu führen.“ Für die Diskussion über den demografischen Wandel fasste er seine Forderung in einem eindringlichen Appell zusammen: „Vergessen Sie die Jungen nicht!“

In der Diskussion um die Lebensqualität im Alter verwies Stock auf die Bedeutung der wissenschaftlichen Weiterentwicklung im Bereich der regenerativen und insbesondere der molekularen Medizin: „Ohne neue Wissenschaft werden wir nichts zustande bekommen. Die molekulare Medizin, die in der Öffentlichkeit heftig umstritten ist, ist die einzige, die uns wirklich weiterbringen wird.“ Auch andere wissenschaftliche Bereiche müssten ihre Aufgaben ausweiten: „Wir müssen in der präventiven Forschung sehr viel mehr machen, und dazu gehört primär auch Aufklärung an den Schulen, und zwar ganz früh. Am Ende gewinnen wir dadurch alle.“

Martin Fensch, Mitglied der Geschäftsführung der Pfizer Deutschland GmbH und der Pfizer Pharma GmbH, sah im demografischen Wandel nicht nur ein Kostenverhältnis, sondern auch ein Investitionsverhältnis. Es gehe um Investitionen in Gesundheitsstrukturen und Prävention, die ausschlaggebend für die Innovation und Kreativität in der alternden Gesellschaft seien. Ferner betonte er, dass fast alle Erkrankungen im Alter häufiger auftreten oder schwerwiegender verlaufen würden als in jüngeren Jahren. Folglich müsse sich die Forschung und Wissenschaft verstärkt der Frage widmen: „Wie kann man die Entwicklung in diesem Bereich auf diese Patientengruppe ausrichten?“

Der Berliner Ex-Senator Ulf Fink, Präsident des Demografiekongresses und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gesundheitsstadt Berlin“, prognostizierte, dass zukünftig mehr gesundheitliche Leistungen aus eigener Tasche bezahlt werden müssten und die Krankenkassen dann nur absolut notwendige Leistungen finanzieren würden.

Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) stimmte zwar der Beobachtung zu, dass Leistungen des Sozialstaates stärker in die individuelle Verantwortung übertragen werden. Jedoch beurteilte sie diese Entwicklung kritisch: „Es ist auch ein Fakt, dass wir dann zu einer noch größeren Zersplitterung der Lebenserwartung von Personen kommen.“ Sie verwies darauf, dass Armut sehr stark mit Lebenserwartung und Gesundheit korreliere. Die Gesellschaft müsse deshalb dieser Entwicklung entgegenwirken: „Wir müssen sicherstellen, dass soziale Ungleichheiten nicht weiter wachsen.“

Neue Konzepte mahnte Allmendinger auch für politische und wissenschaftliche Institutionen an. Ein wesentlicher Aspekt liege dabei in der Vernetzung: „In der Politik, aber auch in der Forschung sind die Bereiche, die sich demographischen Fragen widmen, noch unverbunden.“ Es sei in diesem Zusammenhang beispielsweise auch zu hinterfragen, warum es in Deutschland, wenn schon kein Fachressort, dann doch zumindest eine Demografiebeauftragte gebe, die sich diesem Thema widmen könne: „So wie wir eine Ausländerbeauftragte oder ein Gender Mainstreaming haben, sollten wir eine Beauftragte haben, die quer durch die Bereiche sicherstellt, dass wir diese Verflechtung haben.“

Im wissenschaftlichen Bereich sei die Studie BASE eine positives Beispiel, aber leider nur ein Einzelfall: „Diese neue integrative Forschung, die sich einem Thema von verschiedenen Seiten zuwendet, haben wir nicht.“ Darüber hinaus forderte Allmendinger, auch im Bereich der Altenpflege und Altenbetreuung neue Wege zu beschreiten: „Wir haben Institutionen, die weiterhin arbeiten wie vor 100 Jahren, obgleich die Lebensverläufe sich kolossal verändert haben.“ Ebenso wie beim Recht auf Kindertagesstätten müsse darüber nachgedacht werden, Möglichkeiten zu schaffen, pflegebedürftige Eltern oder Großeltern mehrere Stunden am Tag in einer „Altentagesstätte“ in Betreuung geben zu können.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen

Life Science Day 2014

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