Kühne Entscheider

Draufgängertum, Verwegenheit und Lust am Wagnis: Das sind jugendliche Eigenschaften, denken die meisten. Älteren Herrschaften unterstellt man hingegen Sicherheitsdenken und Risikoscheu. Wie falsch das ist, zeigt eine neue Studie.

„Entgegen den gängigen Vorurteilen trafen unsere älteren Versuchsteilnehmer risikoreichere Entscheidungen als die jüngeren“, fasst Thorsten Pachur ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zusammen. Der 42-jährige Psychologe ist Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Erstautor der Studie, die in der Fachzeitschrift Psychological Science erschienen ist. Ein weiteres Kernergebnis der Studie: Gemessen an objektiven Kriterien waren die Entscheidungen der Älteren im Durchschnitt nicht so gut wie die der Jüngeren.

Angesichts der zunehmenden Alterung in vielen Weltregionen sind die neuen Forschungsbefunde von besonderer Relevanz. Schon heute liegt der Anteil der über 65-Jährigen in den Industrieländern bei rund 21 Prozent. Schätzungen sagen voraus, dass er bis zum Jahr 2060 auf 32 Prozent steigen wird. Von den Entscheidungen älterer Menschen hängt nicht nur deren gesundheitliche oder finanzielle Zukunft ab, sie prägen immer mehr auch den gesellschaftlichen und politischen Kurs. 

Erprobung im Glücksspiel

Vor diesem Hintergrund wollten die Wissenschaftler um Thorsten Pachur herausfinden, wie ältere Frauen und Männer im Vergleich zu Jüngeren Entscheidungen in Risikosituationen treffen. Dafür stellten sie eine Gruppe von 60 jüngeren Personen im Alter von 18 bis 35 Jahren und eine Gruppe von 62 älteren Personen im Alter von 63 bis 88 Jahren zusammen. Die Versuchsteilnehmer machten einen Entscheidungstest in Form eines Glücksspiels mit mehr als hundert Aufgaben. Bei jeder Aufgabe sollten die Probanden zwischen zwei Optionen wählen, die beide mit bestimmten Gewinn- und Verlustmöglichkeiten verbunden waren. Über die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Geldbetrag zu gewinnen oder verlieren war, wurden die Teilnehmer im Detail informiert.

Photo by Vincentiu Solomon on Unsplash

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Wie sich erwies, ließen sich die älteren Versuchsteilnehmer weniger durch Unwägbarkeiten abschrecken – sie wählten häufiger als die Mitglieder der jüngeren Gruppe die risikoreichere Option. „Offenbar bewerteten die Älteren mögliche Gewinne weitaus optimistischer und wagten infolgedessen auch mehr“, sagt Thorsten Pachur. Das habe mit der insgesamt positiveren Gemütslage höherer Jahrgänge zu tun, die durch viele Studien bestätigt worden sei und sich auch bei den Teilnehmern dieser Untersuchung erwiesen habe. „Wer gut gelaunt ist“, fasst der Berliner Wissenschaftler zusammen, „konzentriert sich auf die positiven Chancen einer Entscheidung und blendet mögliche negative Folgen eher aus.“  

Fluide Intelligenz schwindet

Doch Heiterkeit und Mut führen nicht zwangsläufig zu guten Entscheidungen. Tatsächlich schnitten die älteren Versuchsteilnehmer mit ihren Festlegungen leicht schlechter ab als die jüngeren Probanden. Pachur: „Grund dafür ist die Abnahme der fluiden Intelligenz im Alter, also die schwindende Fähigkeit, Informationen schnell zu verarbeiten und Probleme zu lösen.“ Bei der kristallinen Intelligenz – sie umfasst das Erfahrungswissen eines Menschen – waren die älteren Probanden den Jungen erwartungsgemäß voraus.

Mit ihren Ergebnissen steht die Berliner Studie im Widerspruch zu etlichen früheren Untersuchungen. Das erklären die Forscher um Pachur mit ihrem anderen Studiendesign. Während die Teilnehmer bisheriger Untersuchungen meist nur die Wahl zwischen einer sicheren und einer riskanten Option hatten, wiesen in der aktuellen Untersuchung beide Optionen Risiken auf – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Die Probanden mussten sich dementsprechend genauer mit den Wahlmöglichkeiten auseinandersetzen.

 Außerdem ging es im aktuellen Versuch um allgemein interessierende Optionen und nicht, wie in manchen Studien der Vergangenheit, um Fragen, die mit der Lebenswelt älterer Menschen wenig zu tun haben. „Würden Sie Drogen konsumieren“ sei so ein Beispiel für diese Fragekategorie, sagt Thorsten Pachur, und die Antworten seien kaum geeignet, den Wagemut einer Person zu erfassen. Durch ihre neuartige Methodik sei die aktuelle Studie hingegen sehr viel besser geeignet, ein Abbild der reinen Risikobereitschaft zu liefern.

Langsamer, aber weiser?

Was bedeuten die Ergebnisse nun für eine Welt, deren Geschicke maßgeblich von Vertretern älterer Jahrgänge gelenkt werden? Positiv sei deren Bereitschaft zum Risiko, sagt die Thorsten Pachur, denn ohne sie gebe es keinen gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt. Was die Entscheidungsqualität angeht, setzt der Wissenschaftler auf die ausgleichende Wirkung von Erfahrung und Weisheit im Alter. Optimistisch stimmt auch das im Vergleich zu früheren Generationen höhere kognitive Durchschnittsniveau heutiger Älterer; es gibt Anlass zur Hoffnung auf weitere Verbesserungen.

Mit Folgestudien knüpfen die Wissenschaftler in Pachurs Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ nun an die vorliegenden Ergebnisse an. Sie wollen zum Beispiel wissen, welche Informationsverarbeitungsprozesse zu den Ergebnissen geführt haben. Es wurde bereits deutlich, dass ältere Probanden sich mehr mit den positiven Konsequenzen einer Entscheidung beschäftigen: Sie verweilen länger bei der Beschreibung von Gewinnen als jüngere Erwachsene. „Man könnte sagen, sie freunden sich mit der Taube auf dem Dach an und verschmähen den Spatz in der Hand“, sagt Thorsten Pachur. Auf die kommenden Publikationen des Teams, in dem Psychologen, Ökonomen, Biologen, Philosophen und Computerwissenschaftler zusammenarbeiten, darf man gespannt sein.

Von Lilo Berg

Studie

Who dares, who errs?

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