Jahrtausende im Silberglanz

Der Kunst des Alters ist eine viel beachtete Ausstellung in Hannover gewidmet. Sie versammelt erstmalig Kunstwerke aus knapp vier Jahrtausenden und führt die Vielfalt der Altersbilder vor Augen – aber auch das immer Wiederkehrende.  

Das älteste Objekt ist 3700 Jahre alt und zeigt den Pharao Sesostris III. und seinen Sohn Amenemhet III., das wohl jüngste Werk ist ein Werbefoto mit dem attraktiv gealterten Kaffeekenner George Clooney. Wer dieser Tage das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover besucht, den erwartet eine außergewöhnliche Schau: Mit 120 Gemälden, Plastiken, Zeichnungen, Drucken und Fotografien spannt sie einen großen Bogen vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart und zeigt, wie Menschen verschiedener Epochen das Alter gesehen haben.  Dabei geht sie nicht etwa chronologisch vor, sondern ordnet die Exponate nach Themen wie „weise und würdevoll“, „mächtig und erfolgreich“ oder auch „verlacht und vergessen“. Auf diese Weise in Beziehung gesetzt, treten Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Zuschreibungen deutlich hervor.

„Das Thema trifft den Nerv, die Resonanz ist hervorragend“, sagt Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums und Kuratorin der Ausstellung „Silberglanz“. Regionale und überregionale Medien bringen großformatige, freundliche Rezensionen und die vielen Besucherkommentare seien überaus positiv, der Zustrom seit der Eröffnung im September ungebrochen stark, berichtet die 52-jährige Ausstellungsmacherin.

Sind also Hannover und sein Landesmuseum  zum temporären Mekka für diejenigen geworden, die in einer Epoche nie gekannter und weiter steigender Lebenserwartung nach überzeitlicher Orientierung suchen? Was ist es, das die Besucher offenbar zufriedenstellt? Welche Antworten gibt die Schau?

Lovis Corinth, Bildnis Frau Luther

Lovis Corinth, Bildnis Frau Luther

Drei ältere Damen

Ein treffendes Beispiel liefern drei Frauenporträts, die die Ausstellung in einer Sichtachse miteinander verbindet. Zwei Gemälde sind um 1900 entstanden und zeigen eine imposante Kaiserin Auguste Viktoria und die mondäne Fabrikantengattin Frau Luther; die aufgetakelte Dame auf dem dritten Werk, eine 2016 von Cindy Sherman angefertigte Fotografie, erinnert an die Diven der Stummfilmzeit. Dargestellt sind unterschiedliche Einstellungen zum weiblichen Altern, aber auch verschiedene Formen des Umgangs damit. 

Da ist die verstörend faltenfreie Haut der damals etwa 60-jährigen Kaiserin, die sich wie eine grauhaarige Barbie-Puppe porträtieren lässt. Ganz anders das Bildnis der kapriziösen Frau Luther: Es gibt Augenringe und blaue Äderchen preis und zeigt doch eine schön gealterte, stolze Frau mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl. Zwischen den Porträts der Frau Luther und Cindy Shermans Diva lassen sich verblüffende Ähnlichkeiten feststellen – die Grundfarbe Blau, die blauen Schmucksteine, die zur Schau gestellte Pracht – und doch sind die Unterschiede groß: Frau Luther wirkt präsent und mit sich im reinen, die Retro-Dame von 2016 hingegen scheint vermeintlich besseren Zeiten nachzuhängen; sie anzuschauen stimmt melancholisch. Die beiden fungieren sozusagen als Cover-Girls für den Ausstellungsprospekt und sie stehen prototypisch für ein wichtiges Anliegen der Schau. Cindy Sherman, Untitled #565

„Wir wollen das Alter als kulturelles Konstrukt darstellen“, sagt Katja Lembke. Denn Altern an sich, das habe die moderne Forschung hinreichend bewiesen, sei ein lebenslanger Prozess, der mit der Geburt beginne und mit dem Tod ende. Was als alt gilt und wie das Alter zu bewerten sei, definiere jede Epoche und jede Kultur auf ihre eigene Weise. Diesen Strängen ist die Professorin für Klassische Archäologie zusammen mit einem interdisziplinären Team aus Kunsthistorikern, Geschichtswissenschaftlern und Soziologen in zweijähriger Vorbereitungszeit nachgegangen ­– mit interessanten Ergebnissen.

Antike Denktradition

Unser heutiges Altersbild wurde demnach im 4. Jahrhundert vor Christus geprägt. Es sei im Grunde immer noch so schematisch wie die damals von Platon und Aristoteles formulierten Sichtweisen, sagt Katja Lembke. Während Platon die Vorzüge des Alters hervorhob und  ältere Philosophen als Staatslenker empfahl, kritisierte Aristoteles die Selbstherrlichkeit reifer Jahrgänge und riet, hohe Ämter mit Kandidaten in der Blüte ihres Lebens, also im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, zu besetzen. Das positive Altersbild Platons wirkte bis ins Mittelalter fort. Die Ausstellung „Silberglanz“ dokumentiert dies zum Beispiel mit den Porträtbüsten würdiger alter Herren. 

Klaus Staeck,  SozialfallDie andere, dunkle Seite des Alters hielt Albrecht Dürer im Jahr 1513 fest, als er seine 63-jährige Mutter als von Entbehrung und Krankheit gezeichnete Frau zeichnete. In Hannover ist das bekannte Bild in gebrochener Form zu sehen: als anrührendes Plakat von Klaus Staeck, der damit im Jahr 1977 auf die Wohnungsnot alter Menschen hinwies. Das Plakat will Mitleid wecken – ganz anders als antike Darstellungen, die das Elend alter Menschen unbarmherzig und von oben herab zeigen.

Cool wie Clooney

Als heiteren Schlussakkord haben Katja Lembke und ihr Team einen Werbeblock eingebaut. Noch Anfang der Nullerjahre seien ältere Menschen in der Produktreklame kaum vorgekommen, sagt die Ausstellungsmacherin. Das änderte sich 2007 mit der Dove-Kampagne „Schönheit kennt kein Alter“, in der reife Frauen nackt für Körperpflegeprodukte werben. Aus Anti-Age machte die Firma kurzerhand Pro-Age – ein geschickter Schachzug, der ihr viel Sympathie einbrachte. Heute gibt George Clooney mit seiner Nespresso-Werbung den gereiften Connaisseur aus der Babyboomer-Generation, die mit ihrer enormen Kaufkraft zunehmend ins Rentenalter einrückt.

„Unsere Einstellung zum Alter ändert sich gerade – wir beginnen, es als gleichwertige Lebensphase mit Vor- und Nachteilen anzunehmen“, beobachtet Katja Lembke. Den schematischen Schwarz-Weiß-Entwürfen mancher Epochen setzt ihre Ausstellung ein buntes Kaleidoskop von Altersbildern entgegen. Das Alter ist demnach, was man daraus macht. Wer die Schau mit dieser Einsicht verlasse, so Katja Lembke, habe sie durchaus richtig verstanden – als  Aufforderung zur Lebenskunst.

Von Lilo Berg

Ausstellung „Silberglanz. Von der Kunst des Alters“

Sonderausstellung im Niedersächsischen Landesmuseum, Hannover

Noch bis 18. Februar 2018

Katalog, Sandstein Verlag, 264 Seiten, 29,90 Euro

Leopoldina: Bilder des Alterns im Wandel. Altern in Deutschland, Band 1, frei verfügbares PDF