Ideen für eine langlebige Welt

In den meisten Ländern steigt die Lebenserwartung. Das wirft neue Fragen auf, eröffnet aber auch ungeahnte Potentiale, wie jetzt ein Positionspapier der Global Young Academy hervorhebt.

Da ist die Schweizerin, die mit 84 Jahren den Kilimandscharo besteigt, der 101-jährige Australier im aktiven Schuldienst oder der 105-jährige Hundert-Meter-Sprinter aus Japan: Mit ihren erstaunlichen Leistungen haben es die drei Hochaltrigen ins Guiness-Buch geschafft. Auch wenn ihre Rekorde einzigartig sind, zeigen sie doch, dass Alter nicht automatisch mit Niedergang und Gebrechlichkeit einhergeht – weder in Europa, noch in Asien, noch irgendwo sonst auf der Welt.

Genau darum geht es der Global Young Academy (GYA), einer internationalen Vereinigung junger Wissenschaftler, die sich jetzt mit einem Positionspapier an die Öffentlichkeit wendet. Es fasst einige Ergebnisse der achten GYA-Jahrestagung in Thailand zusammen, die das gesunde Altern in den Mittelpunkt rückte.

Wie das gelingen kann, beschäftigt die Menschheit zunehmend. In den meisten Ländern und auch in den armen Regionen steigt die Lebenserwartung. Bei Geburt beträgt sie im globalen Mittel derzeit rund 72 Jahre. In etlichen Ländern ist es bereits normal, dass drei oder vier Generationen zusammenleben. Von den heute 7,6 Milliarden Erdbewohnern sind rund 960 Millionen 60 Jahre und älter; im Jahr 2050 wird voraussichtlich bereits ein Fünftel der Weltbevölkerung zu dieser Altersgruppe gehören.

„Die Menschheit wird älter, doch überall bestimmen negative Altersstereotype das Bild“, sagt Anna Harris, GYA-Mitglied und Anthropologin an der Universität Maastricht. Die aus dem australischen Melbourne stammende Forscherin hat die Entstehung des Positionspapiers zusammen mit ihrem ungarischen Kollegen Gergely Toldi koordiniert. Darin wird der große Einfluss von Einstellungen betont: „Wie wir über das Alter denken, was wir fühlen und wie wir uns verhalten – all das prägt unseren eigenen Alterungsprozess und den unserer Mitmenschen.“

Erstrebenswert sei daher eine Gesellschaft, die alle Altersgruppen unterstützt und in der das chronologische Alter kein Ausschlusskriterium ist. „Wir müssen das Alter neu denken“, sagt Anna Harris, „und uns von starren Grenzen verabschieden.“ So gehe das Erreichen des 65. Lebensjahres nicht automatisch mit sinkender Leistungsfähigkeit einher. Und oft seien ältere Menschen gern bereit, ihr Wissen, ihre Erfahrung und besonderen Fähigkeiten mit Jüngeren zu teilen – diesen Schatz gelte es in Zukunft mit vereinten Kräften zu heben.

Mehr Süden, weniger Norden

Dabei sollte die Stimme des Globalen Südens stärker als bisher gehört werden, empfiehlt die GYA. Bisher hätten sich Forschung, Politik und öffentliche Debatte in Altersfragen zu sehr auf Europa und Nordamerika konzentriert. Dabei gebe es in den Entwicklungs- und Schwellenländern auf der Südhalbkugel viele interessante Initiativen, die in einer globalisierten Welt auch anderen Regionen rasch zugute kommen könnten. „Einige der innovativsten Ideen zum Thema Altern werden aus Gegenden kommen, die wir heute noch gar nicht in Betracht ziehen“, prognostizieren die jungen Wissenschaftler in ihrer Stellungnahme.

Der disziplinübergreifende Ansatz der Jahrestagung, zu der Sprachwissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Historiker, Ökonomen, Chemiker und Vertreter weiterer Fachrichtungen Beiträge lieferten, habe sich bewährt, resümiert Anna Harris.  „Unsere alternden Gesellschaften werden sehr davon profitieren, wenn Theoretiker und Praktiker, Kunst und Handwerk, Industrie und Start-ups künftig noch stärker zusammenwirken.“

In der Global Young Academy werde das Thema Altern weiterhin eine wichtige Rolle spielen, kündigt Harris an. Mehrere Arbeitsgruppen, in denen es beispielsweise um globale Gesundheit oder Wissenschaft und Kunst gehe, hätten schon Interesse angemeldet. Und die Arbeitsgruppe „Excellence in Science“ werde sich mit den Auswirkungen auf das Wissenschaftssystem befassen.

Zum Thema Altern in der Wissenschaft erscheine demnächst eine spezielle Publikation, berichtet Anna Harris. Es handele sich um einen Meinungsbeitrag zu heutigen Problemen mit Ideen für die Zukunft. Zwar sei es wichtig, dass etablierte Forscher der nächsten Generation irgendwann Platz machten, doch klug als Mentoren eingesetzt, könnten die Jüngeren enorm von ihnen profitieren. Wie das gelingen könne, skizziert der hochrangig zur Veröffentlichung eingereichte Aufsatz – man darf gespannt sein.

Von Lilo Berg

Internationales Forum für junge Talente

Die Global Young Academy GYA wurde 2009  als die Stimme junger Wissenschaftler aus der ganzen Welt gegründet. In ihr sind derzeit 200 Mitglieder und 216 Alumni aus 83 Ländern vertreten, die überwiegend am Anfang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn stehen. Die GYA will internationale, interdisziplinäre und generationenübergreifende Dialoge anstoßen, um Wissenschaft und Forschung voranzubringen. Das Büro der Organisation ist in der Deutschen Nationalakademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (Saale) angesiedelt. Dort findet auch die nächste Jahrestagung statt, die sich 2019 aus Anlass des zehnjährigen Bestehens mit dem bisher Erreichten und den Perspektiven für die Zukunft beschäftigen wird.

Positionspapier zum Download (Englisch)

 

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