Hundert Jahre Leben

Mutig, witzig, weise – das sind die Protagonisten des Dokumentarfilms „Ü100“. Er zeigt Hundertjährige in ihrem Alltag und vermittelt dabei überraschende Einblicke in eine noch kaum erforschte Lebensphase. Dabei sind Hochaltrige die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe.

Hella - Copyright: picshotfilm

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Hella (102) geht allein einkaufen und möchte ohnehin alles, was irgend geht, selbst machen – auch wenn es länger als früher dauert. Erna (104) freut sich an ihren Enkeln und Urenkeln und immer wieder auf das nächste Spiel des FC Bayern. Ernst (102) macht Schlagzeilen, weil er nachts einen Einbrecher aus seinem Haus vertreibt, in dem er nach wie vor eigenständig lebt. Und Ruja (102) spielt stundenlang Klavier – sie will die Menschen aufheitern.

Näher kennenlernen kann man die vier Höchstbetagten in dem Dokumentarfilm „Ü100“. Darin porträtiert die bayerische Filmemacherin Dagmar Wagner insgesamt sechs Frauen und zwei Männer jenseits der Hundert. Etliche von ihnen leben in München, andere in kleinen Gemeinden des Umlands. Gefunden hatte Wagner ihre Protagonisten durch Mundpropaganda: „Es gab Hinweise von Bekannten, aber einige Mitwirkende kamen auch selbst auf mich zu“, berichtet Dagmar Wagner.

Ernst © picshotfilm

Drei Jahre lang, von 2013 bis 2016, hat die Autorin, Regisseurin und Produzentin an dem Film gearbeitet. Zusammen mit ihrem Kameramann besuchte sie die alten Herrschaften und fragte nach ihrem Befinden, dem Tagesablauf und den familiären Verhältnissen. „Wir haben über Gott gesprochen und auch über den Tod und ob er Angst macht“, berichtet Dagmar Wagner. Mit manchen Protagonisten war sie nur einmal für ein paar Stunden zusammen, andere besuchte sie mehrfach in ihrem Umfeld. Erwartungsgemäß war das oft ein Alten- oder Pflegeheim. Wagner: „Dass immerhin drei unserer Interviewpartner sich noch eigenständig zu Hause versorgen konnten, hat uns dann aber doch verblüfft.“

Dabei passen die rüstigen Oberbayern gut ins große Bild. So leben in Deutschland knapp 60 Prozent der Hundertjährigen in Privathaushalten und davon etwa ein Drittel allein. Der Anteil der eigenständig lebenden Hundertjährigen hat sich zwischen den Jahren 2002 und 2012 sogar verdoppelt, wie die Heidelberger Hundertjährigen-Studie ergeben hat. Möglich wird dies durch einen insgesamt besseren Gesundheitszustand, berichtet das Forscherteam um die Gerontologin Daniela Jopp. Auf der Ebene der geistigen Leistungsfähigkeit seien die heutigen Hundertjährigen sogar statistisch bedeutsam gesünder.

Zwar seien Menschen im sehr hohen Alter mit zahlreichen gesundheitlichen Einschränkungen und sozialen Verlusten konfrontiert. Daniela Jopp: „Doch zumeist sind sie sehr gut in der Lage, mit den vorhandenen Einschränkungen so umzugehen, dass sie ihr Leben weiterhin als wertvoll empfinden und zufrieden sind.“

Erna © Picshotfilms

Diese Erfahrung hat auch Dagmar Wagner gemacht. Sie erzählt zum Beispiel von Erna, die so gern Zeitung liest, aber es selbst mit der Lupe kaum noch schafft. „Trotzdem versucht sie es wieder und wieder, sie hat einen eisernen Lebenswillen.“ Inzwischen ist Erna 107 Jahre alt. Sie habe nach wie vor großen Spaß am Leben, berichtet die Filmemacherin. Auch die anderen Hochbetagten hätten sie durch ihre starke Lebendigkeit und ein reiches Gefühlsleben beeindruckt. Im Film formuliert die ehemalige Lehrerin Hella es so: „Es gibt im Menschen einen Kern, der nicht altert – man bleibt immer ich.“

Ermutigende Signale also in einer Zeit, in der die Lebenserwartung in nie gekanntem Maße zunimmt. Jedes zweite hierzulande geborene Kind kann den Prognosen zufolge mit hundert Lebensjahren rechnen. Und während im Jahr 1965 nur 270 Menschen in Deutschland hundert Jahre und älter waren, sind es 2017 nach Auskunft des Statistischen Bundesamts bereits rund 18 000 Personen. Derzeit liegt der Männeranteil unter den Hundertjährigen bei einem Fünftel; er dürfte nach Expertenschätzungen aber demnächst auf 40 Prozent klettern. Im Jahr 2060 rechen die Demografen in Deutschland mit 180 000 Hundertjährigen – das wären zehn Mal so viele wie heute.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Industrieländern sind die sogenannten alten Alten jenseits der Achtzig die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Und doch gibt es relativ wenig gesichertes Wissen über die Besonderheiten dieser Lebensphase. Um das zu ändern, schlossen sich im Jahr 2011 Wissenschaftler in  Deutschland, Portugal und den USA zusammen und gründeten ein internationales Forschungsnetzwerk, das Centenarian Study Network. Es nutzt die Expertise aus etablierten Studien in den beteiligten Ländern, um die körperliche, geistige, psychologische und soziale Situation von Hundertjährigen zu ermitteln und kulturübergreifend miteinander zu vergleichen. Ein wichtiges Ziel sei es, heißt es in einem gemeinsamen Forschungskonzept, der Politik verlässliche Daten zu liefern, damit sie die Weichen richtig stellen kann.

Wie aufgeschlossen staatliche Stellen heute schon bei diesem Thema sind, hat Dagmar Wagner erlebt. Nachdem ihr Dokumentarfilm publik wurde, bat das bayerische Sozialministerium sie, eine Broschüre für die interessierte Öffentlichkeit zu konzipieren. „Ü100 – Wie sieht ein Leben mit hundert Jahren aus?“ heißt das Heft und darin begegnet man wieder Hella und Erna, Ernst und Ruja und all den anderen. Bei ihnen sei nichts mehr auf Effizienz, Perfektion und Selbstdarstellung getrimmt, sagt Dagmar Wagner und findet rückblickend: „Was für eine wohltuende und fast immer heitere Gesellschaft.“

Von Lilo Berg

Quellen und Literatur:

Dokumentarfilm „Ü100“

http://www.älterwerden.net/shop.html

„Ü100 – Wie sieht ein Leben mit hundert Jahren aus?“, Broschüre des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, 2016

Daniela S. Jopp, Christoph Rott, Kathrin Boerner, Katrin Boch & Andreas Kruse: Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie: Herausforderungen und Stärken des Lebens mit 100 Jahren, Stuttgart 2013

Daniela S. Jopp, Kathrin Boerner, Oscar Ribeiro, Christoph Rott: Life at Age 100: An International Research Agenda for Centenarian Studies, Journal of Aging & Social Policy, Bd. 28(3), S. 133-47, 2016

doi: 10.1080/08959420.2016.1161693

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