Hochbetagte klug behandeln

Ältere Menschen nehmen eine Vielzahl von Medikamenten ein, die für Jüngere entwickelt wurden. Oft kommt es zu unerwünschten Wirkungen. Mit einer umfassenden Stellungnahme setzen sich die deutschen Wissenschaftsakademien nun für eine bessere medizinische Versorgung älterer Menschen ein.

Der Patient ist 85 Jahre alt und leidet an mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig. Er war 55, als die Ärzte bei ihm Bluthochdruck feststellten. Mit 58 traten Rücken- und Gelenkbeschwerden auf. Im Abstand von wenigen Jahren kamen Diabetes, Gicht, Osteoporose, Herzschwäche und Rheuma hinzu. Mit 80 dann die Diagnose Demenz. Zur Behandlung all dieser Krankheiten nimmt der Patient täglich eine Handvoll verschiedener Medikamente ein.

„Das ist eine typische Situation“, sagt der Geriatrie-Professor Cornel Sieber von der Universität Erlangen-Nürnberg. Mit zunehmendem Alter häuften sich bei vielen Menschen die Krankheiten. Behandelt würden die Krankheiten allerdings meist einzeln und entsprechend viele Arzneimittel kämen für einen Patienten zusammen. Doch welche Folgen hat die parallele Einnahme einer Vielzahl verschiedener Medikamente? Und sind die Mittel überhaupt für einen gealterten, mehrfach erkrankten Organismus geeignet?

Mit solchen Fragen setzt sich ein medizinisches Positionspapier auseinander, das Cornel Sieber vor zwei Jahren initiierte. Als Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission demografischer Wandel der Leopoldina rief er eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zusammen, in der insgesamt 15 Experten aus Medizin, Pflegewissenschaft, Psychologie, Psychiatrie, Epidemiologie und Rechtswissenschaft vertreten sind. Getragen wird ihre 60-seitige Stellungnahme mit dem Titel „Medizinische Versorgung im Alter – Welche Evidenz brauchen wir“ von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zusammen mit acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. 

Mehr multimorbide Patienten

„Mit wollen die Probleme benennen, aber auch Lösungsvorschläge zur Diskussion stellen“, sagt Cornel Sieber. Lösungen werden angesichts der demografischen Entwicklung dringender denn je gebraucht. Schon heute leben in Deutschland rund 4,5 Millionen Menschen im Alter von 80 Jahren und darüber. Aller Voraussicht nach wird diese Zahl künftig stark anwachsen – und damit auch die Gruppe der multimorbiden, also mehrfach erkrankten Patienten.

Auch wenn alte Menschen mit Abstand die meisten Arzneimittel schlucken: Behandelt werde sie mit Präparaten, die an Männern und Frauen mittleren Alters erprobt wurden, die meist nur an einer einzelnen Krankheit leiden. Unberücksichtigt bleiben dabei die teils erheblichen körperlichen und geistigen Unterschiede zwischen den Altersgruppen, aber auch die auseinanderstrebenden Lebensumstände und -ziele. Das kann schädliche Folgen für ältere Patienten haben, etwa weil Präparate für sie zu hoch dosiert sind. Cornel Sieber: „Bis zu zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen bei Hochaltrigen gehen in Europa auf Medikamentennebenwirkungen zurück.“

Hinzu kommt die Vielzahl verabreichter Medikamente. Die wissenschaftlichen Leitlinien, an denen sich Ärzte orientieren, beziehen sich meist auf Einzelerkrankungen. Bei mehreren, parallel vorgenommenen Therapien kann es jedoch zu negativen Wechselwirkungen kommen. Mit diesem Problem werden Ärzte und Pflegekräfte heute weitgehend allein gelassen. Denn es fehlen evidenzbasierte, also durch hochwertige Studien untermauerte Leitlinien zur Behandlung multimorbider Patienten.

Ein Knochenbruch und seine Folgen

Eine leitliniengerechte Blutdruck- oder Blutzuckersenkung etwa könne bei älteren Menschen zu einer Kaskade unerwünschter Wirkungen führen, sagt Gabriele Meyer, Professorin für Pflegewissenschaften an der Universität Halle-Wittenberg und Mitautorin der Stellungnahme. „Bei manchen älteren Patienten führen die Medikamente zu Benommenheit, ihr Gang wird unsicher, sie stürzen und brechen sich die Knochen.“ Bei Hochbetagten aber habe ein Knochenbruch oft weitreichende Folgen: „Die Mobilität nimmt ab, die selbstständige Versorgung ist kaum noch möglich und nicht selten führt das zum Umzug ins Heim.“

Um die Versorgung älterer Menschen zu verbessern, empfehlen die Autoren der Stellungnahme, künftig auch alte und sehr alte Menschen in medizinische Studien einzubeziehen. Dabei solle deren Lebenswirklichkeit stärker berücksichtigt werden. Da die Industrie solche Untersuchungen bisher vernachlässige, plädieren die Experten für mehr öffentliche Unterstützung. Sie fordern auch, Arzneimittel für ältere Menschen nur dann zuzulassen, wenn deren Altersgruppe zuvor in den Zulassungsstudien ausreichend vertreten war.

Größte Bedeutung habe die Erforschung von Maßnahmen bei Mehrfacherkrankungen, heißt es in dem neuen Papier. Zum einen gelte es Wechselwirkungen von Arzneimitteln besser zu verstehen. Zum anderen müsse geprüft werden, wie sich die Gesamtzahl der Präparate verringern lasse und welche Konsequenzen das Absetzen einzelner Präparate hat. Wenig untersucht sei bisher der tatsächliche Nutzen von Hilfsmitteln, Technik und Wohnraumanpassungen – hier gebe es ebenfalls großen Forschungsbedarf.

Mit ihrem Positionspapier setzen die Akademien sich auch dafür ein, bei der Therapiewahl die Prioritäten älterer Menschen künftig stärker zu beachten. Cornel Sieber: „Wichtiger als die Zahl der verbleibenden Jahre ist für einen achtzigjährigen Menschen oft die Lebensqualität in naher Zukunft.“ Seine eigenen Patienten frage er, was sie am meisten belaste und setze dementsprechend die Behandlungsschwerpunkte. Im Vordergrund stehe dabei oft der Erhalt von Alltagsfunktionen wie Hören, Sehen und Mobilität – sie ermöglichen es, am sozialen Leben teilzunehmen.

Um Über-, Unter- oder Fehlversorgung zu vermeiden, schlägt die Stellungnahme vor, künftig schon bei der Aufnahme in ein Krankenhaus eine Einschätzung der körperlichen, psychischen und sozialen Situation des Patienten, ein sogenanntes geriatrisches Assessment, vorzunehmen.

Frühzeitig Gesundheitsziele vereinbaren

Auch in Pflegeheimen sei es wichtig, sich frühzeitig über Gesundheitsziele und die Gestaltung der letzten Lebensphase zu verständigen. „Dabei sollten die Bewohner und ihre Stellvertreter viel stärker mit einbezogen werden“, sagt Gabriele Meyer.

Im Bereich Aus- und Fortbildung fordern die Akademien verpflichtende geriatrische Grundkenntnisse für alle medizinischen Fachdisziplinen und Gesundheitsberufe. Um die medizinische Forschung für alte Menschen voranzubringen, seien entsprechende Schwerpunkt-Professuren erforderlich.

„Für unsere Stellungnahme gibt es kein Vorbild im Ausland“, sagt Cornel Sieber. Sie habe daher Pioniercharakter und passe gut zur aktuellen Diskussion über kluges Entscheiden in der Medizin und die Vermeidung überflüssiger und falscher Therapien. Bei Europapolitikern in Brüssel und bei internationalen Fachkollegen habe bereits die Ankündigung des Positionspapiers großes Interesse geweckt, berichtet Sieber. Er hofft, dass die Stellungnahme dazu beiträgt, eine altersmedizinische Versorgungsoffensive in Gang zu bringen.

 

Von Lilo Berg

 

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (2015): Medizinische Versorgung im Alter – Welche Evidenz brauchen wir? Halle (Saale)

Audio-Aufzeichnung der VolkswagenStiftung (5.9.2016): Annette Becker und Cornel Sieber zu medizinischen Bedürfnissen im Alter

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