Hauptsache zu Hause

Ältere Menschen verbringen oft viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Sehr wichtig für die Lebensqualität ist dann das unmittelbare Wohnumfeld  – die nachbarschaftlichen Kontakte zum Beispiel, gut erreichbare Geschäfte und ein praktisches, gemütliches Zuhause. Wie es darum in Deutschland bestellt ist, zeigt ein neuer Report.      

Insgesamt sind die Wohnbedingungen älterer Menschen seit Jahrzehnten relativ gut, in Ostdeutschland haben sie sich sogar deutlich verbessert. Das ist eines der positiven Ergebnisse der aktuellen Studie „Wohnumfeld und Nachbarschaftsbeziehungen in der zweiten Lebenshälfte“. „Allerdings ist der Anteil an altersgerechtem Wohnraum nach wie vor viel zu gering“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Sonja Nowossadeck. Sie hat den Report zusammen mit ihrer Kollegin Jenny Block am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) verfasst. Insbesondere die ältesten Befragten seien mit ihrer Situation zufrieden, berichtet Nowossadeck: „92 Prozent der 70- bis 85-Jährigen bezeichnen ihre Wohnsituation als sehr gut oder gut.“ Das sei ein erstaunliches Ergebnis angesichts der Tatsache, dass nur 2,9 Prozent der Befragten in einer Wohnung leben, die baulich an die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst ist – im Report heißt das „barrierereduziert“.

Die Daten stammen größtenteils aus einer bundesweit repräsentativen Studie, dem Deutschen Alterssurvey (DEAS). Im Jahr 2014 wurden dafür mehr als sechstausend Frauen und Männer im Alter von 40 bis 85 Jahren befragt, unter anderem zu Wohnbedingungen, Wohnumfeld und Nachbarschafts-beziehungen. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass ein wachsender Anteil älterer Männer und Frauen in der eigenen Immobilie lebt; inzwischen sind es fast 60 Prozent der 70- bis 85-Jährigen.

Gefälle zwischen Stadt und Land

Ein weiteres Ergebnis des 2016 veröffentlichten Alterssurveys: Während die Wohn-Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland  zunehmend verschwinden, zeichnen sich neue Ungleichheiten zwischen städtischen und ländlichen Regionen ab. Solchen Tendenzen geht der nun vorliegende Report im Detail nach, etwa durch gesonderte Auswertungen nach Stadtstaaten (Berlin, Hamburg, Bremen) und Flächenländern im Ost- und Westteil des Landes.

Dabei zeigten sich in einigen Bereichen deutliche Abweichungen:

Beispiel Einkaufsmöglichkeiten: Insgesamt, so ein Ergebnis des DEAS, stimmen gut 42 Prozent der 40- bis 85-Jährigen der Aussage „Es sind genug Einkaufsmöglichkeiten vorhanden“ uneingeschränkt zu, wobei die ältesten Befragten sich noch zufriedener als die Jüngeren äußern. Der Report zeigt: In den Stadtstaaten ist sogar mehr als die Hälfte der Menschen zwischen 40 und 85 mit dem vorhandenen Angebot einverstanden, in den Flächenländern sind es nur rund 40 Prozent.

Beispiel Nahverkehr: Im DEAS berichten 34 Prozent der Gesamtstichprobe über einen guten Anschluss an Busse und Bahnen. Im Report zeigen sich klare Unterschiede zwischen den Stadtstaaten mit einer Zufriedenheitsquote von gut 58 Prozent und den Flächenländern (rund 33 Prozent).

Beispiel seniorenspezifische Dienstleistungen: Etwa 80 Prozent aller Personen in der zweiten Lebenshälfte kennen laut DEAS mindestens ein spezielles Angebot für Senioren an ihrem Wohnort – etwa Begegnungsstätten, Mehrgenerationenhäuser, Pflegeberatung und Ähnliches. In den Stadtstaaten liegt dieser Anteil bei nur 69 Prozent.

Beispiel nachbarschaftliche Kontakte: Fast 46 Prozent aller Befragten pflegen enge oder sogar sehr enge Beziehungen zu Nachbarn, so ein Befund aus dem DEAS. In den Stadtstaaten, das geht aus dem Report hervor, ist dieser Anteil mit 39 Prozent deutlich geringer als in den Flächenstaaten. Vor allem Menschen, die nicht mehr so mobil sind, sind demnach isolierter von ihrer Nachbarschaft.

Immer häufiger geht ein Herzenswunsch vieler Menschen in Erfüllung: das möglichst eigenständige Wohnen bis ins hohe Alter. Rund 97 Prozent der über Sechzigjährigen und immerhin noch 90 Prozent der Menschen über achtzig leben hierzulande in einem privaten Haushalt  (wobei fast einem Drittel der Älteren vier Zimmer und mehr zur Verfügung stehen). Und während im Jahr 1991 noch knapp die Hälfte der über 70-Jährigen allein in Privathaushalten lebte, ist der Anteil inzwischen auf 37 Prozent gesunken. „Unter diesen Voraussetzungen sind die meisten Menschen offenbar bereit, auch nicht ganz ideale Wohnbedingungen in Kauf zu nehmen“, sagt Sonja Nowossadeck. Hinzu komme die mit dem Alter zunehmende Zufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen, selbst wenn diese widrig sind – Psychologen sprechen vom Zufriedenheitsparadox.

Empfehlungen für Politiker

Handlungsbedarf für die Politik sehen die Autorinnen des Reports im Bereich altengerechter Wohnungen: Mit Blick auf die demografische Entwicklung gebe es hier einen großen Ausbaubedarf. Ein drängendes Problem seien auch die steigenden Mietkosten, vor allem in den Metropolregionen – bei alleinlebenden älteren Frauen fressen die Mieten jetzt schon im Durchschnitt 45 Prozent des monatlichen Budgets auf.

„Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Wohnberatung für ältere Menschen verstärkt wird und sich mehr herumspricht“, sagt Sonja Nowossadeck. Denn mit guter Beratung lässt sich der Traum vom langen eigenständigen Leben zu Hause leichter realisieren. Und das entlastet nicht zuletzt die Pflegekassen: Einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zufolge könnten bis zu 5,2 Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden, wenn Pflegebedürftige bei besseren Wohnbedingungen länger zu Hause bleiben könnten.

Von Lilo Berg

Was gehört zu einer altengerechten Wohnung?

Nach Auskunft der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen zeichnen sich barrierearme Wohnungen für ältere Menschen zum Beispiel durch folgende Merkmale aus: keine Treppen oder ein Aufzug/Treppenlift; keine Türschwellen; breite Türrahmen für die Durchfahrt mit einem Rollstuhl; Fenster, die auch im Sitzen den Blick nach draußen ermöglichen; in Greifhöhe angebrachte Fenstergriffe, Lichtschalter und Temperaturregler für die Heizung; stufenlos erreichbarer Garten oder Balkon, damit auch wenig mobile ältere Menschen an die frische Luft kommen; von allen Seiten erreichbare Betten, um im Notfall die Pflege zu erleichtern; Haltegriffe für Sicherheit in den Sanitäranlagen; ein erhöhtes WC; eine ebenerdige Dusche mit Sitzmöglichkeit oder eine Badewanne mit Lift oder Tür. 

Außerdem hilfreich: Lichtsignale für Klingel und Telefon; elektrischer Türantrieb, elektrischer Rolladenantrieb; unterfahrbare Möbel, Arbeitsflächen und Waschbecken sowie höhenverstellbare Arbeitsflächen.

Weitere Infos

Literatur & Links:

Sonja Nowossadeck & Jenny Block: Wohnumfeld und Nachbarschaftsbeziehungen in der zweiten Lebenshälfte, Report Altersdaten 1/2017

Deutscher Alterssurvey 2014: zentrale Befunde

BAGSO-Positionspapier 2014: Wohnen im Alter – Wie wollen wir morgen leben?

Wohnen-Webseite der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) mit vielen praktischen Hinweisen zum Wohnen zu Hause oder in alternativen Wohnformen, zum betreuten Wohnen oder Wohnen im Heim mit vielen Linktipps

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