Gut gelaunt in der Vintage-Zone

Irgendwann ist es Zeit für das Älterwerden. Wie sich das anfühlt, erzählt die Journalistin Susanne Mayer anhand eines biologisch unabwendbaren Selbstversuchs – auch das Publikum hat seinen Spaß dabei.

„Offene Worte. Sind beim Thema Aging ja selten. Mein Coach sagt in aller therapeutischen Vorsicht, ich sehe „altersangemessen prima aus“. Das sagt auch mein Orthopäde, wenn wir über mein knirschendes Knie sprechen. Wenn ich meinen Friseur auf meine silbrigen Strähnen hinweise und frage, ob es Zeit für eine Tönung sei, sagt Steve, ein cool gestylter Schwarzer: „Auf gar keinen Fall!“ So was will man hören. Beim Friseur jedenfalls.“

So etwas hören auch die vielen Fans gern, die an diesem Abend zur Lesung von Susanne Mayer ins Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin gekommen sind. Die „Zeit“-Redakteurin trägt aus ihrem aktuellen Buch „Die Kunst, stilvoll älter zu werden“ vor und diskutiert zwischen den Passagen mit ihrem Publikum. Vor ihr sitzen vor allem Frauen aus der Babyboomer-Generation und sie wollen wissen, wie es gelingen kann, gut gelaunt durch die späten Jahre zu kommen. Vintage-Jahre nennt Susanne Mayer (Jahrgang 1952) diese Lebensphase und wie man ihr am besten begegnet, steht gleich auf den ersten Seiten, im Kapitel „Erste Knitterung“:

„Vintage wird jetzt so eine Haltung dem Leben gegenüber, die sich den schönen Dingen des Lebens entschieden zuneigt. Man guckt Mad Men und beschließt, nach der Flasche Old-Raj-Gin doch mal The Botanist zu probieren. Oder das süße Monkey-Label? Das wird zu viel? Da ist nun eine Dringlichkeit von wann, wenn nicht jetzt! Man möchte das ganz langsam ausleben, das, was jetzt ist, so wie man beim Lesen eines tollen Buches sacht auf die Bremse geht, damit es nicht so schnell aus ist.“

©  Pedro Ribeiro Simões via Flickr

© Pedro Ribeiro Simões via Flickr

Der Typ auf der Kreuzung

Dabei kann das Altern ziemlich anstrengend sein. Wie zum Beispiel vor ein paar Jahren an der Kreuzung in Hamburg: Ein junger Typ im Cabrio schneidet Susanne Mayer die Vorfahrt ab und beschimpft sie aufs übelste („Du dürftest doch gar nicht mehr fahren, wieso hast Du Deinen Führerschein nicht längst abgegeben?").

Über die Zumutungen des Alters, aber auch über die neuen Freiheiten schreibt die Literaturredakteurin regelmäßig in ihrem „Zeit“-Blog Endlich Vintage! Dort sind einige der Texte zuerst erschienen, die nun im Buch versammelt sind. Dessen Titel lehnt sich an den Bestseller des Journalisten Alexander von Schönburg an, der mit seiner „Kunst des stilvollen Verarmens“ für Bella Figura in jeder Lebenslage warb.

Schon mal „alte Frau“ gegoogelt, fragt Susanne Mayer und hebt den Blick. Mit sehr geradem Rücken sitzt sie vor ihrem Publikum und in ihrer dunklen, hochgeschlossenen Bluse liefert sie ein Bild entschlossener Eleganz. Sie beugt den Kopf und liest vor:

Also, ich habe neulich mal „alte Frau“ gegoogelt, und bevor ich Piep sagen konnte, schlug Google „Alte Frau lustig“ vor. Mal gucken, was so lustig ist, wenn man als Frau alt wird.“ – Das gnadenlose Ergebnis: Weiblein mit dem Charme von E.T., Omas mit armlangen Joints und faltige Diven mit Brauen aus Silberlametta – Google kennt kein Erbarmen.

Es ist jetzt natürlich ein wenig spät für die Geschlechtsumwandlung“, so Susanne Mayer weiter – „aber, nur mal so, man googelt „Alter Mann“, und das Schlimmste, was man zu sehen bekommt, sind in zu viel Flüssigkeit gebettete Augen. Man sieht viele Bärte. Ein paar Weihnachtsmänner. Einmal Winston Churchill. Die bartlosen alten Männer sitzen hinter Laptops, oder sie sitzen mit wichtig verschränkten Armen hinter aufgeräumten Schreibtischen.“

Weniger Geld, mehr Hausarbeit

Wie sehr sich das Altern von Frauen und Männern hierzulande unterscheidet, erläuterte die stellvertretende Leiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen, Julia Simonson, in einem ergänzenden Kurzvortrag. Es fängt beim Einkommen an, das zeigt der aktuelle Deutsche Alterssurvey des DZA: In der Altersgruppe der Über-Siebzigjährigen sind mit 16,9 Prozent fast doppelt so viele Frauen wie Männer (8,8 Prozent) von relativer Armut betroffen. Davon spricht man, wenn eine Person über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügt. Tendenziell umgekehrt verhält es sich bei der Zuständigkeit für die Hausarbeit: Sie ist bei fast zwei Drittel aller Paare Sache der Frauen.

Unterschiedlich sind auch die gesellschaftlichen Altersbilder, die einen starken Einfluss auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung älterer Männer und Frauen haben und ihr Handeln prägen. Ein Beispiel dafür ist die empfundene Altersdiskriminierung, die ebenfalls im Deutschen Alterssurvey erhoben wurde. Demnach fühlen sich in der Phase zwischen 55 und 69 Jahren rund 13 Prozent der Frauen diskriminiert und 11 der Männer. Im Alter von 70 bis 85 Jahren steigt dieser Anteil bei Frauen auf 15 Prozent, während er bei den Männern auf 9 Prozent sinkt. Julia Simonsons Fazit: „Wenn Frauen in die Jahre kommen, haben sie es aufgrund von Geschlecht und Alter mit einer doppelten Marginalisierung zu tun.“

Zurücksetzung und Nichtbeachtung: Susanne Mayer hat auch damit schon ihre Erfahrungen gemacht und in ihrem Buch stemmt sie sich mit Verve dagegen. Das Kapitel heißt „Übungen zum Wahrnehmen älterer Damen und Herren“ und beginnt so:

„Wie leicht man sie übersehen könnte. Wie schnell die Augen über alte Menschen hinwegwedeln, ohne sie auch nur zu bemerken. Wie oft passiert es jetzt, dass jemand in der Menge einen fast umrempelt, so als habe man unerwartet Luftraum für sich in Anspruch genommen.“

Elegante Erscheinungen

Dabei ist die Vintage-Zone, wenn man hinschaut, von Menschen bevölkert, die viel Mühe auf sich verwenden und einen bemerkenswerten Stil entfalten. Da ist die Dame mit dem hellen Reif im noch braunen Haar in der Hamburger S-Bahn: gelbes T-Shirt, blumenübersätes Safari-Shirt, Gehstock. Oder der Herr im Hanseviertel: gewürfelte Hose, enges Tweed-Jackett, schmale, nackte Fesseln, Bowler-Hut auf den weißen Locken – er geht so schnell, dass man ihn nur schwer einholen kann. Die elegante Erscheinung auf dem Markt: Sie trägt eine weiße Hose, dazu eine fein gesteppte Jacke aus korallenroter Seide, die über und über mit kleinen bunten Blüten bestickt ist – Gehwagen.

In der Diskussion mit dem Publikum geht es um das oft gehörte In-Würde-altern. Das hat etwas von Orthopädie, sagt jemand, das zieht einen ja nur runter.  Wie viel erfrischender ist dagegen das Mayersche Konzept von der Grand old Schachtel. Die Mittsiebzigerin Diane von Furstenberg (Foto) mit ihrer rotflammenden Lockenmähne ist so eine und Dame Vivienne Westwood mit ihrem neuen Look zwischen buddhistischer Nonne und Apachenlady ebenfalls. 

Westwood hat sich im Alter noch einmal neu erfunden: Statt für neue Modekollektionen engagiert sich nun für den Klimaschutz. Für ihren entschiedenen Schwenk bewundert Susanne Mayer die Britin – sie sei ein Vorbild für die Generation 60 plus: „Wer noch mal etwas wagen will – das sind jetzt die Jahre dafür.“

Von Lilo Berg

Buch

Susanne Mayer: Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone, Berlin-Verlag, Berlin 2016, 15,99 Euro (Taschenbuchausgabe: Piper Verlag, München 2017, 10 Euro)

Blog

Endlich Vintage!

Ari Seth Cohen - Advanced Style - Modeblog mit älteren Modellen

Foto Startseite: Photo by Angelina Litvin on Unsplash

Foto Furstenberg: By David Shankbone (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Foto oben: by Pedro Ribeiro Simões via Flickr https://flic.kr/p/p6WK4b [CC BY 2.0]