Gemeinsam gut in die Jahre kommen

Mehr als hundert Millionen Europäer sind 65 Jahre und älter – und ihre Zahl wächst weiter. Es sei höchste Zeit, jetzt die Weichen für ein gesundes Altern in allen Lebensphasen zu stellen, heißt es im neuen Wissenschaftsreport „Transforming the Future of Ageing“. Mit ihrem Appell wendet sich der Akademien-Dachverband SAPEA an die Politik – und an jeden Einzelnen, wie die Mitkoordinatorin des Reports, Dr. Nina Hobbhahn, betont.

© Francois Rossouw, Kapstadt

© Francois Rossouw, Kapstadt

Frau Dr. Hobbhahn, mit der Zukunft des Alterns haben sich schon viele Wissenschaftler beschäftigt. Was ist für Sie das Besondere an dem neuen Bericht?

Dass er gutes Altern als lebenslangen Prozess versteht, den wir  durch unser Verhalten in jungen und mittleren Jahren stark beeinflussen können. Die individuelle genetische Ausstattung spielt nach Überzeugung unserer Experten nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Viel entscheidender für die Lebensqualität im Alter sind Faktoren wie Bildung, Ernährung und soziales Engagement. Entsprechende Voraussetzungen werden nachweislich sehr früh und sogar schon im Mutterleib angelegt. Gesundes, glückliches Altern ist also eine Aufgabe für alle Generationen, wie der interdisziplinär angelegte SAPEA-Bericht in umfassender Weise darlegt.  

Was folgt jetzt daraus?

Der vorliegende Evidence Review Report untersucht, was aus wissenschaftlicher Perspektive getan werden kann, um EU-Bürgern heute und in Zukunft ein gesundes Altern zu ermöglichen. Er formuliert forschungsbasierte Handlungsoptionen, enthält aber keine Empfehlungen für Gesetzgeber. Das ist Sache der offiziellen EU-Kommissions-Berater in Wissenschaftsfragen. Sie werden voraussichtlich bis Ende des Jahres eine sogenannte Scientific Opinion zum politischen Umgang mit unseren älter werdenden Gesellschaften vorlegen. Unser Report bildet dafür die wissenschaftliche Grundlage.

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Das Altern birgt Chancen und Risiken. Zu welcher Seite neigt sich die Waage aus Sicht der Arbeitsgruppe?

Die Zuversicht überwiegt. Dass die Menschen heute so lange leben wie noch nie zuvor ist einer der größten Erfolge der letzten hundert Jahre und eröffnet enorme persönliche und gesellschaftliche Chancen. Aller Voraussicht nach wird die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt von derzeit rund 81 Jahren in den EU-Mitgliedsstaaten noch weiter steigen. Damit kommen aber auch Herausforderungen auf uns zu. Vor allem gilt es, die gewonnenen Lebensjahre gesund und aktiv zu gestalten. Wir müssen uns auch vorbereiten auf eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung und Wege finden, allen eine bestmögliche und gleichzeitig finanzierbare Gesundheitsversorgung zu bieten.

Wie kann all das gelingen?

Dazu hat die Arbeitsgruppe eine Reihe von Vorschlägen erarbeitet, die auf den Ergebnissen großer internationaler Studien beruhen. Einige Strategien sind demnach besonders erfolgversprechend. Ein präventiver Lebensstil von Kindesbeinen an – mit viel Bewegung, wenig Alkohol und Nikotinverzicht, um nur ein paar Beispiele zu nennen – gehört ebenso dazu wie Gesundheitsförderung in Schulen, Betrieben und im Alltag. Wir brauchen auch mehr Städte und Gemeinden, die alten Menschen Sicherheit und Komfort bieten und gleichzeitig attraktiv für jüngere Generationen sind. Hier sind Architekten, Stadtplaner, Mediziner und andere Berufsgruppen gefordert, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.  So lange wie möglich zu Hause leben – das wollen die meisten Älteren und das sollte künftig deutlich erleichtert werden. Dabei können neue Technologien, angefangen bei der Internetkommunikation über Smart Homes bis hin zu Assistenz durch Roboter, eine große Hilfe sein. In der Welt von morgen nutzt man diese Optionen voraussichtlich viel mehr als heute.

Wächst dadurch nicht auch die Gefahr der Vereinsamung?

Darüber haben wir in der Arbeitsgruppe ausgiebig diskutiert. Die Forschung zeigt ja immer deutlicher, wie sehr Einsamkeit Körper und Psyche belasten kann. Da brauchen wir neue, kreative Lösungen, die ein eigenständiges Leben zu Hause mit sozialer Integration verbinden. Ein ermutigendes Beispiel kommt aus den Niederlanden: Dort gibt es den Freiwilligendienst für ältere Bürger – ein sehr erfolgreiches Großprogramm, das europaweit Schule machen könnte.

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Wie zukunftstauglich ist die derzeitige Altenpflege nach Einschätzung der Experten?

In der Frage geht der Daumen klar nach unten. Es besteht ein großer Bedarf an humaneren Pflegesystemen, da ist man sich einig. Verbesserungen erwartet die Arbeitsgruppe etwa von der Einführung eines obligatorischen geriatrischen Assessments, bei dem der Gesundheitszustand älterer Patienten umfassend dokumentiert wird, attraktiven Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte und einem Ausbau geriatrischer Forschung und Lehre.

Die alternde Gesellschaft ist unsere Zukunft und doch rangiert das Thema politisch eher unter ferner liefen. Wird sich das bald ändern? 

Das wird sich sehr bald ändern müssen, denn der demografische Wandel geht ja weiter und die Zustände in der Altenpflege sind sogar in bessergestellten EU-Ländern jetzt schon erschütternd. Der Anteil der Bevölkerung, der von der Vernachlässigung dieses Themas unmittelbar betroffen ist, nimmt damit also ständig zu. Ich hoffe, dass der Einsatz der europäischen Wissenschaftsakademien – das langjährige Engagement der Leopoldina beispielsweise und der aktuelle Report des Dachverbands der europäischen Akademien, SAPEA – sich bald in erkennbaren politischen Veränderungen niederschlägt. An guter Wissenschaftsberatung für die Politik mangelt es definitiv nicht. Andererseits kann die Politik immer nur einen Rahmen schaffen – gesund und aktiv zu altern liegt auch in der Verantwortung jedes Einzelnen.

Sie haben sich gut ein Jahr lang intensiv mit der Materie befasst. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Ich gehöre ja zur mittleren Generation und fühlte mich durch die Diskussionen oft unmittelbar angesprochen. Das hat Folgen: Ich habe zum Beispiel wieder mit dem Joggen angefangen.

Interview: Lilo Berg

Report zum Download und weitere Information

Forschungswissen für die EU-Kommission

Ob Mikroplastik, Treibhausgase oder demografische Alterung: Mit ihrem Know-how unterstützt die Dachorganisation SAPEA (Science Advice for Policy by European Academies) die Europäische Kommission in vielen wissenschaftsnahen Politikfeldern. Sie arbeitet dabei eng mit einer Gruppe offizieller EU-Wissenschaftsberater zusammen, den Chief Scientific Advisors. Als Zusammenschluss von mehr als hundert Wissenschaftsakademien und Gelehrtengesellschaften aus rund vierzig Ländern Europas vereint SAPEA exzellentes Fachwissen aus dem gesamten akademischen Spektrum.

Gegründet wurde die Dachorganisation im Jahr 2016 von fünf europäischen Akademien-Netzwerken. Ihr erklärtes Ziel ist die Förderung öffentlicher Debatten zu aktuellen Wissenschaftsthemen. Koordiniert wird SAPEA über das Berliner Büro der Akademie der Technikwissenschaften acatech; ihre Finanzmittel kommen aus dem EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“.

Das Projekt „Transforming the Future of Ageing“ wurde vom Akademiennetzwerk FEAM (Federation of the European Academies of Medicine) geleitet; Sprecher der Arbeitsgruppe ist Jean-Pierre Michel, Professor für geriatrische Medizin an der Universität Genf.

Dr. Nina Hobbhahn (Foto oben: Francois Rossouw, Kapstadt) hat die Entstehung des Wissenschaftsreports „Transforming the Future of Ageing“ mit koordiniert. Sie arbeitet als Referentin für Wissenschaftspolitik für das European Academies’ Science Advisory Council (EASAC) in Halle/Saale.

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