Geistig auf der Höhe in jedem Alter

Mit Anfang Dreißig ist der Höhepunkt geistiger Leistungsfähigkeit überschritten, so die landläufige Meinung. Was in der Jugend noch leicht fiel – eine fremde Sprache zu lernen oder sich schnell in neuer Umgebung zu orientieren – scheint später immer mühsamer zu werden. Doch so geradlinig wie häufig angenommen entwickelt sich die Intelligenz keineswegs, wie eine neue Studie zeigt.

Vielmehr erreichen die einzelnen Aspekte des Denkvermögens ihr Maximum in unterschiedlichen Lebensphasen: Während manche Fähigkeiten schon Anfang Zwanzig nachlassen, sind in anderen Bereichen auch jenseits der Sechzig noch Steigerungen möglich.

Die Untersuchung der beiden Psychologen Joshua Hartshorne von der Harvard University und Laura Germine vom Massachusetts General Hospital stützt sich auf Testergebnisse von insgesamt 48.537 Personen zwischen 10 und 89 Jahren. Die Studienteilnehmer hatten sich als Besucher der Internetseiten GamesWithWords.org und TestMyBrain.org bereit erklärt, eine Reihe von Sprach-, Gedächtnis- und Intelligenztests zu absolvieren.

Mit dem Wortschatz geht es lange Zeit bergauf

Ein erster Höhepunkt wird bereits mit 18, 19 Jahren erreicht – in diesem Alter kann das Gehirn Informationen besonders schnell verarbeiten. Beim Kurzzeitgedächtnis währt die Blütezeit von Mitte Zwanzig bis etwa Mitte Dreißig und lässt dann langsam nach. Zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr sind Männer und Frauen bereits sehr gut darin, die Emotionen ihrer Mitmenschen entschlüsseln – selbst wenn sie, wie in der Studie, nur ein Foto von deren Augenpartie sehen. Diese Fähigkeit wird im Laufe der Jahre sogar noch stärker, bevor sie, beginnend mit 48 Jahren, schleichend abnimmt. Mit dem Wortschatz geht es lange Zeit stetig bergauf. Ende Sechzig, Anfang Siebzig ist offenbar ein Plateau erreicht, auf dem die Teilnehmer der US-Studie sich sehr lange hielten.

„Es gibt kein Lebensalter, in dem Menschen in allen Dimensionen ihrer geistigen Leistung auf der Höhe sind“, schreiben die Autoren in der Zeitschrift Psychological Science. Die kognitiven Fähigkeiten entwickelten sich vielmehr sehr unterschiedlich im Verlauf des Lebens und die Spitzenwerte seien breit gestreut. „In jedem Alter wird man besser in bestimmten Bereichen, in anderen lässt man nach und in wiederum anderen befindet man sich gerade auf einem Plateau“, wird Joshua Hartshorne in einer Pressemitteilung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zitiert.

Das menschliche Denkvermögen könnte also weitaus komplexer sein als das derzeit gültige Modell von den zwei Intelligenzen es vermuten lässt: Darin umfasst die fluide Intelligenz Auffassungsgabe und Gedächtnisleistung, die kristalline Intelligenz steht für Wissen, Sprachgewandtheit und Erfahrung. Schon mit 25 Jahren, so die heutige Lehrmeinung, nimmt die fluide Intelligenz allmählich ab, wobei einige ihrer Komponenten durchaus erst mit 40 ihren Höhepunkt erreichen. Deutlich später ist die kristalline Intelligenz voll ausgereift: Beim Wortschatz ist das nach gängiger Überzeugung mit Ende Vierzig der Fall – die neue US-Studie sieht diesen Punkt erst gut zwanzig Jahre später erreicht.

Hat das klassische Intelligenz-Modell ausgedient?

Warum geistige Fähigkeiten derart unterschiedliche Verläufe haben, ist noch unklar und soll in weiteren Studien untersucht werden. Doch schon jetzt zeichne sich ab, dass das bisherige Intelligenz-Modell einer differenzierteren Betrachtung weichen sollte, schreiben Joshua Hartshorne und Laura Germine: "Denn nur wenn wir die kognitiven Veränderungen im Laufe des Lebens verstehen, können wir normale Alterungsprozesse von krankhaften Veränderungen unterscheiden."

Als sehr gelungene Arbeit bewertet Denis Gerstorf, Entwicklungspsychologe an der Berliner Humboldt-Universität, die neue Studie. Sie besteche durch ihre große Teilnehmerzahl und die Fülle angewendeter Testverfahren. Allerdings vergleiche die Untersuchung, so der Psychologieprofessor, lediglich verschiedene Altersgruppen miteinander. Sie liefere keine Erkenntnisse darüber, wie das geistige Vermögen der Studienteilnehmer sich über die Jahre verändere. Im Grunde, sagt Gerstorf, ließen sich die aktuellen Befunde durchaus in das klassische Zwei-Intelligenzen-Modell einordnen – für einen Paradigmenwechsel sei es definitiv zu früh.

„Einmal mehr bestätigt die Arbeit von Hartshorne und Germine, wie vielgestaltig die kognitive Leistungsfähigkeit ist und dass die Menschen immer länger geistig auf der Höhe sind“, fasst Denis Gerstorf zusammen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Entwicklungspsychologe kürzlich in einer Studie, die er zusammen mit mehreren Berliner Forschungseinrichtungen veröffentlichte: Demnach sind 75-Jährige heute geistig fitter (und auch glücklicher) als 75-Jährige vor zwanzig Jahren.

Von Lilo Berg

 

Weiterführende Informationen

Joshua K. Hartshorne, Laura T. Germine (2015), When Does Cognitive Functioning Peak? The Asynchronous Rise and Fall of Different Cognitive Abilities Across the Life Span, Psychological Science, doi:10.1177/0956797614567339

Pressemitteilung des MIT

Gerstorf, D., Hülür, G., Drewelies, J., Eibich, P., Düzel, S., Demuth, I., Ghisletta, P., Steinhagen-Thiessen, E., Wagner, G. G., & Lindenberger, U.:Secular changes in late-life cognition and well-being: Towards a long bright future with a short brisk ending? Psychology and Aging

 

Bild: By Atspear (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons