Gebrechlich war gestern

Alt, schwach und gebrechlich: Das sagt sich in einem Atemzug und erscheint vielen als der unvermeidliche Lauf der Dinge. Dabei könnte die Zukunft für viele Menschen ganz anders aussehen.

Der alte Organismus verliert zunehmend seine Leistungsfähigkeit und wird anfälliger für Erkrankungen. Fatalistisches Schulterzucken ist angesichts dieser Entwicklung jedoch völlig fehl am Platz, wie der Blick in die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeigt. Seit dem Jahr 2000 mehren sich die Studien zum Thema Frailty, einem mittlerweile weltweit akzeptierten Syndrom des höheren Alters. Ins Deutsche übersetzen lässt sich der Begriff mit Gebrechlichkeit. Doch diesem schwammigen und negativ besetzten Wort ziehen Experten auch hierzulande den genauer definierten Begriff Frailty vor, auch weil er eine konstruktivere Herangehensweise erleichtert. Über die Häufigkeit des medizinischen Syndroms und die Gegenmaßnahmen in einigen Ländern Europas und Asiens informierte kürzlich ein Symposium auf dem Berliner Demografie-Forum.

Ursula M. Staudinger

Ursula M. Staudinger

Frailty hat viele Gesichter. Muskelschwund, Blutarmut und Mikronährstoffmangel sind nur einige Beispiele für die zahlreichen körperlichen Symptome. Von zentraler Bedeutung für das Krankheitsbild sei die Verlangsamung und Destabilisierung der Fortbewegung, sagte die Psychologin und Alternsforscherin Ursula Staudinger (Foto) in ihrem Einführungsvortrag. Die Professorin an der New Yorker Columbia-Universität hatte das Panel zusammengestellt und leitete die Veranstaltung. Im Interesse eines fundierten Ländervergleichs habe man sich auf eine Definition mit fünf Leitkriterien geeinigt, berichtete Staudinger. Charakteristisch sind demnach Erschöpfung, Gewichtsverlust, körperliche Schwäche, verlangsamtes Gehen und geringe physische Aktivität im Alltag. Von Frailty spricht man, wenn eine Person mindestens drei dieser Anzeichen aufweist. 

Dass man diesen Defiziten auch im hohen Alter noch erfolgreich entgegenwirken kann, belegen inzwischen zahlreiche Studien. Ursula Staudinger wies auf aktuelle Publikationen hin, die den Forschungsstand auf therapeutischem Gebiet zusammenfassen (s. Literatur). Die Basisdaten für den in Berlin präsentierten Vergleich zwischen England, den Niederlanden, Frankreich und Japan seien, so die Alternsforscherin, sozialwissenschaftlichen Längsschnittuntersuchungen zu verdanken. Dazu zählt etwa auch die europäische SHARE-Studie zur Situation der Generation 50 plus.

Wer besonders gefährdet ist

Bei allen länderspezifischen Unterschieden im Bereich Frailty gibt es, wie das Symposium zeigte, auch zahlreiche Gemeinsamkeiten. Für beide Geschlechter steigt das Erkrankungsrisiko zwischen 75 und 80 Jahren an. Frauen sind jedoch durchweg stärker betroffen als Männer.  Grenzüberschreitend gilt auch: Eine geringe formale Bildung erhöht die Gefährdung durch Frailty, insbesondere wiederum für das weibliche Geschlecht. Und besonders oft wird das Syndrom bei sozial isolierten Alleinlebenden festgestellt.

In England leiden 14 Prozent der über 60-Jährigen unter den charakteristischen Symptomen. Das geht aus der letzten Erhebung der English Longitudinal Study of Ageing (ELSA) im Jahr 2012 hervor. Interessant ist der Rückgang bei Frauen: Mit 15,7 Prozent lag der Betroffenenanteil zuletzt unter dem früherer Jahre (2004: 17,2 Prozent; 2008: 18,5 Prozent). Ebenso wie in Frankreich nimmt die Frailty-Rate in England bei den Hochaltrigen ab – eine Beobachtung, für die es noch keine Erklärung gibt, die aber im Kontext eines  historischen Rückgangs der altersabhängigen Invalidität zu sehen ist.  Seit Kurzem nutzen britische Allgemeinärzte ein Frailty-Identifikationssystem bei Patienten ab 65 Jahren. Und ein Toolkit namens „Fit for Frailty“ hilft ihnen, die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen.

In den Niederlanden werden gut 8 Prozent der Männer und Frauen jenseits der 65 als frail eingestuft. Die Angaben basieren auf der SHARE-Erhebung von 2013. Besonders ausgeprägt ist in den Niederlanden der Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und dem Auftreten von Frailty: Während Frauen mit dem höchsten Bildungsgrad nur zu 4,6 Prozent betroffen sind, betrifft das Syndrom fast 18 Prozent der gering Qualifizierten.   Derzeit diskutiert man in den Niederlanden über ein Frailty-Screening ab 75 und über spezielle Angebote für Risikogruppen.

Photo by Cristian Newman on UnsplashRätselhafte Unterschiede

In Frankreich erfüllen laut SHARE-Daten rund 10 Prozent der Über-50-Jährigen die Frailty-Kriterien. In der Altersgruppe ab 75 machen sich dort starke geschlechtsspezifische Unterschiede bemerkbar: Bei den Frauen ist der Anteil der Betroffenen in den vergangenen Jahren auf 34 Prozent im Jahr 2015 gestiegen, bei den Männern sank er kontinuierlich auf zuletzt 18,5 Prozent. Über die Gründe für das Auseinanderdriften wird noch gerätselt. Interessantes Detail: Das Zusammenleben in einer Beziehung schützt Männer offenbar stärker vor Frailty als Frauen. Ein einfaches Präventionsprogramm für zu Hause hat sich in Frankreich bewährt: Es umfasst ein  Bewegungstraining unter Anleitung ambulanter Helfer und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Für die Altersgruppe 70 plus wird derzeit ein Frailty-Fragebogen zur Selbstauskunft erprobt, der ein gezieltes Gegensteuern erleichtern soll.

Japan verfügt über einen reichen Daten- und Erfahrungsschatz zum Thema Frailty. So geht aus der OSHPE-Studie (Obu Study of Health Promotion for the Elderly) hervor, dass fast 35 Prozent der Über-80-Jährigen betroffen sind. Als gesichert gilt ein starker Zusammenhang zwischen der Einnahme vieler Medikamente und dem Auftreten von Frailty. Präventionsprogramme mit Bewegung und Nahrungsergänzung haben sich in Japan bewährt und werden auf Gemeindeebene weiter ausgebaut. In diesem Jahr startet ein landesweites Großprojekt zur Prävention und Therapie des Syndroms. Insgesamt gibt es viel öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema.

In Deutschland können laut SHARE-Daten von 2004 rund 12 Prozent der Über-65-Jährigen als frail eingestuft werden; ein Vorstadium („prefrail“) wurde sogar bei 35 Prozent festgestellt. Bei einem Vergleich von 2005 bis 2015 gewonnenen Daten zur Generation 50 plus in zehn europäischen Ländern fällt das starke Nord-Süd-Gefälle auf – mit Schweden am unteren Ende der Skala und Italien am oberen Ende. Für Männer über 75 ist das Frailty-Risiko demnach nicht nur in Frankreich, sondern im Ländermittel auch europaweit zurückgegangen.

Fast so verbreitet wie Diabetes

Auf diese Ergebnisse wies Ulrike Junius-Walker im Diskussionsteil der Veranstaltung hin. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin leitet an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Arbeitsgruppe Geriatrische Versorgung. In Europa erhalte Frailty noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit und werde allzu oft als normale Folge des Alterns betrachtet, monierte die Medizinerin. Dabei lasse sich das fast ebenso weit wie Diabetes verbreitete Syndrom oft kurieren. Junius-Walker: „Um Frailty wirksam zu bekämpfen, müssen wir jedoch unser Gesundheitswesen ändern.“

Erste Ideen dazu gibt es schon. Entwickelt wurden sie im Rahmen einer europäischen Initiative namens ADVANTAGE – European Action Group on Frailty, an der sich 22 EU-Mitgliedsländer beteiligen. Wünschenswert sei zum Beispiel ein Frailty-Screening-Programm für alle Bürger ab dem 70. Lebensjahr, sagte Ulrike Junius-Walker, die an der MHH die ADVANTAGE-Aktivitäten koordiniert. Mehr Werbung für einen gesunden Lebensstil, eine bessere medikamentöse Einstellung chronisch kranker Patienten und individuell betreute Unterstützungsleistungen für Frailty-Betroffene – das sind weitere Vorschläge aus dem europäischen Konsortium.  Junius-Walker: „Hier können wir viel von beispielhaften Aktivitäten einzelner Länder lernen.“

Von Lilo Berg

Literatur

Puts MTE, Toubasi S, Andrew MK, et al. Interventions to prevent or reduce the level of frailty in community-dwelling older adults: a scoping review of the literature and international policies. Age and Ageing. 2017;46(3):383-392. doi:10.1093/ageing/afw247

Trombetti A, Hars M, Hsu F, Reid KF, Church TS, Gill TM, et al. Effect of Physical Activity on Frailty: Secondary Analysis of a Randomized Controlled Trial. Ann Intern Med. 2018;168:309–316. doi: 10.7326/M16-2011

Foto Startseite: Photo by Alex Boyd on Unsplash; Fot oben: Photo by Cristian Newman on Unsplash