Geben und Nehmen bis ins hohe Alter

Selbstständig in den eigenen vier Wänden leben – das wünschen sich die meisten Deutschen für ihr Alter. In einer Seniorengenossenschaft kann dieser Traum in Erfüllung gehen, wie immer mehr Beispiele in Deutschland zeigen.  

Sie heißen „Wir gemeinsam“, „Hand in Hand“ oder „Gemeinsam nicht allein sein“ und ihre Zahl wächst ständig: Im Jahr 2004 gab es nur 20 Seniorengenossenschaften in Deutschland, heute sind es bereits mehr als 220. Die meisten von ihnen finden sich im Süden des Landes und die wenigsten in Ostdeutschland, doch das Bild ändert sich fortlaufend.  

Einen Überblick über die aktuelle Situation bot ein Vortrag der Sozialwissenschaftlerin Doris Rosenkranz (Foto) am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin. Die Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg hat zusammen mit ihrem Team die erste umfassende empirische Untersuchung der bestehenden Seniorengenossenschaften in Deutschland erarbeitet. Die vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderte Studie wird in Kürze veröffentlicht.

„Wir haben zwei Jahre lang in einem aufwändigen Verfahren bundesweit nach Seniorengenossenschaften gesucht, diese befragt und vielfältige Rückmeldungen erhalten“, berichtet Doris Rosenkranz. So konnte ein facettenreiches Panorama entstehen: mit Informationen über Mitgliederstrukturen und Organisationsformen, Problemen und Erfolgsfaktoren von Seniorengenossenschaften.

„Im Prinzip funktionieren solche Genossenschaften wie die Nachbarschaftshilfe“, sagt Rosenkranz, „sie sind jedoch deutlich verbindlicher“. Charakteristisch sei der langfristige Austausch von Unterstützungsleistungen auf ehrenamtlicher Basis. Und auch wenn solche Kooperativen allen Altersgruppen offen stünden: Verpflichtet seien sie doch in erster Linie dem Wohl von Senioren.

Besonders begehrt sind Einkaufsdienste

 © Boris Ott 2016 https://flic.kr/p/Hnn4mr CC BY-NC 2.0Um als Seniorengenossenschaft zu gelten, müssen die Mitglieder keineswegs in einem Gebäude zusammenleben. Es geht vielmehr darum, Hilfen für Menschen zu organisieren, die in ihren eigenen Wohnungen leben. Nachgefragt werden, wie die neue Studie zeigt, in erster Linie Einkaufsdienste (87 Prozent der Anfragen), Besuchs- und Begleitdienste (je 86 Prozent) und Fahrdienste (80 Prozent).

Zwei Drittel der Mitglieder von Seniorengenossenschaften sind Frauen, wie die Untersuchung aus Nürnberg weiterhin zeigt. Das Altersspektrum ist sehr breit gefächert und reicht von 16 Jahren bis 93 Jahre. Neben großen Seniorengenossenschaften mit bis zu 2300 Mitgliedern gibt es auch ganz kleine, in denen sich nur ein Dutzend Menschen zusammengetan haben.

Gegründet werden Seniorengenossenschaften traditionell von engagierten Bürgern. Doris Rosenkranz: „Neuerdings kommen weitere Akteure hinzu, darunter Wohnungsbaugesellschaften, Sportvereine und Wohlfahrtsverbände.“

Der Begriff Seniorengenossenschaft habe sich unabhängig von der tatsächlichen Rechtsform im Alltag etabliert, sagt Doris Rosenkranz. Gemeint sei jedoch immer eine Form der Hilfe, in der man als Mitglied wechselseitig Hilfe gibt und Hilfe empfängt. Überwiegend werde die Rechtsform des eingetragenen Vereins gewählt (77 Prozent), seltener die eingetragene Genossenschaft (eG, 6 Prozent) und nur vereinzelt die gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH, 1 Prozent).

Auf der Suche nach dem passenden Tauschmittel

Die meisten Seniorengenossenschaften verfügen über eine Koordinierungsstelle, bei der die Fäden zusammenlaufen. Die oft ehrenamtlichen Koordinatoren vermitteln zwischen Angebot und Nachfrage und sorgen für die Einhaltung von Regeln, etwa wenn es um das Anerkennungssystem der Gemeinschaft geht. „Anfangs haben die meisten Genossenschaften den Tauschwert von Leistungen entsprechend der dafür aufgewendeten Zeit oder nach Punkten festgesetzt“, berichtet die Nürnberger Wissenschaftlerin. Doch weil der eine fürs Rasenmähen drei Stunden, die andere aber nur eine Stunde brauche, sei man vielerorts von dieser Lösung abgekommen. Inzwischen bevorzugten die meisten Genossenschaften ein System von festgelegten Geldleistungen für  bestimmte Dienste. Rosenkranz: „Dann kostet eine Stunde Haare schneiden oder Handy erklären zum Beispiel 3,50 Euro, wovon ein Euro an die Koordinierungsstelle geht.“

Zu Problemen kommt es in Seniorengenossenschaften typischerweise, so die Studie, wenn öffentliche Finanzierungen auslaufen oder die Gründergeneration nicht früh genug für ihre Nachfolge gesorgt hat. Oft tue man sich schwer mit der Koordination von freiwilligen Helfern. Hier seien Management-Fertigkeiten gefragt, die Genossenschaftler in einem an der Technischen Hochschule Nürnberg entwickelten  Weiterbildungsprogramm lernen können (siehe „Weiterführende Informationen“).

Nach den Erfolgsfaktoren für Seniorengenossenschaften gefragt, sagt Doris Rosenkranz: „Es braucht mindestens eine Person in der Mitte, die den Überblick hat und sich um das große Ganze kümmert.“ Und ohne ausreichende finanzielle Unterstützung könne kein Projekt bestehen.

Die Nachfrage nach Seniorengenossenschaften steigt, und die Politik interessiert sich zunehmend für solche Projekte. In Bayern und Thüringen haben entsprechende Landesförderprogramme bereits zu Neugründungen geführt. Deutliche Signale kommen auch vom Bund: Auf ihrer Sommerreise 2016 zum Thema „Zukunft des Lebens im Alter“ besucht Bundesforschungsministerin Johanna Wanka mit Journalisten die Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft. Das ist eine der wenigen Seniorengenossenschaften im Osten Deutschlands – noch.

 

Von Lilo Berg

 

Literatur:

Thomas Beyer, Edmund Görtler, Doris Rosenkranz  (Hrsg.): Seniorengenossenschaften – Organisierte Solidarität, Weinheim und Basel 2015, Verlag Beltz Juventa, 298 Seiten, ISBN: 978-3-7799-2993-2

Stephan Beetz et al. (Hrsg.): Altern in Gemeinde und Region, Reihe Altern in Deutschland Band 5, Stuttgart 2009 Freier Download (pdf)

 

Weitere Informationen:

Wegweiser Seniorengenossenschaften (pdf)

Generali-Zukunftsfonds-Monitor „Auf gute Nachbarschaft. Zeit für Seniorengenossenschaften“

BMBF-Projekt „Seniorengenossenschaften“ mit kostenlosem Newsletter

Weiterbildungsprogamm „Professionelles Management von Ehrenamtlichen“

 

Kontaktadresse für alle, die auf der Suche nach einer passenden Seniorengenossenschaft sind:

Prof. Dr. Doris Rosenkranz

Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon-Ohm

Postfach

90121 Nürnberg

Foto Startseite: © Sonny Abesamis 2013 via Flickr  https://flic.kr/p/dQJqFn (Lizenz CC BY 2.0)

Foto Hinterhof:  © Boris Ott 2016 https://flic.kr/p/Hnn4mr (Lizenz CC BY-NC 2.0)