Freunde fürs Leben

Viele alte Menschen leben ohne Partner und ein wachsender Anteil hat keine Kinder. Ist deshalb eine Epidemie der Vereinsamung zu befürchten? Aktuelle Forschungsergebnisse geben Entwarnung.

„Neben den eigenen Angehörigen zählen Freunde zunehmend zu den engsten Bezugspersonen älterer Frauen und Männer“, sagt der Entwicklungspsychologe Oliver Huxhold vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Freunde leisteten nicht nur Gesellschaft, sie seien immer öfter auch die erste Wahl, wenn es um einen guten Rat oder ein tröstendes Wort gehe. Dieser Trend halte seit vielen Jahren ungebrochen an, sagt der 44-Jährige, der seit vielen Jahren zu sozialen Beziehungen forscht: „Im Jahr 2014 zählten bundesweit rund 56 Prozent der 40- bis 85-Jährigen mindestens eine befreundete Person zu ihrem engsten Netzwerk, zwei Jahrzehnte davor traf das nur auf 46 Prozent in dieser Altersgruppe zu.“

Die Zahlen stammen aus einer bundesweit repräsentativen Studie zur Lebenssituation von Erwachsenen mittleren und höheren Alters, dem Deutschen Alterssurvey (DEAS). Für die aktuelle Version wurden im Jahr 2014 mehr als sechstausend Frauen und Männer im Alter von 40 bis 85 Jahren befragt, etwa zu ihren sozialen Beziehungen und Freundschaften. Die erste Erhebung im Rahmen von DEAS fand bereits 1996 statt, danach folgten weitere Befragungen. Sie ermöglichen heute Aussagen zur Entwicklung in bestimmten Lebensbereichen über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg.

Photo by eberhard grossgasteiger on Unsplash

Photo by eberhard grossgasteiger on Unsplash

Stärkere Netzwerke

In diesem Zeitraum ist nicht nur die Bedeutung von Freunden für ältere Menschen gestiegen. Auch insgesamt seien die persönlichen Netzwerke stärker geworden, sagt Oliver Huxhold, der im aktuellen DEAS das Kapitel über Freundschaften mitverfasst hat: „In der aktuellen Befragung  berichten Menschen mittleren und höheren Alters im Schnitt über fünf Personen, mit denen sie regelmäßig Kontakt pflegen – das ist eine Person mehr als bei der ersten Befragung von 1996.“

Der Berliner Alternsforscher begrüßt diesen Trend. Denn ein dichtes Netz sozialer Beziehungen fördere nicht nur die Gesundheit und Lebenszufriedenheit, es sei auch wichtig für die praktische Unterstützung im Alltag. Besonders positiv wirken sich offenbar Freundschaften aus: „Zeit mit Freunden zu verbringen und gemeinsam mit ihnen aktiv zu sein, hilft das emotionale Wohlbefinden im Alter aufrechtzuerhalten.“

Der neue Freundschaftsboom fällt in eine Zeit,  in der traditionelle Bindungen schwächer werden. Weil weniger Kinder geboren werden, schrumpfen familiäre Netzwerke oder sie sind kaum belastbar, weil die erwachsenen Kinder weit weg von ihren alten Eltern leben. Selbstgewählte Bindungen einzugehen passt auch zum zeittypischen Streben nach Autonomie und Selbstentfaltung. „Die Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon“, sagt Oliver Huxhold, der einen weiteren Bedeutungszuwachs der Wahlverwandtschaften prognostiziert.

Wenn Trost gefragt ist

Doch was ist mit denen, die keine guten Freunde haben? Das trifft auf heute auf mehr als drei Viertel der 70- bis 85-Jähringen zu: In schweren Zeiten, so ein Ergebnis der aktuellen Befragung, gibt es für sie keinen Freund, der Trost spenden könnte. „Trösten, ermutigen, beraten – das  sind mit die deutlichsten Kennzeichen einer Freundschaft“, sagt Huxhold. In der mittleren Generation der 40- bis 54-Jährigen ist die emotionale Unterstützung in selbstgewählten Beziehungen offenbar  selbstverständlicher: Rund 45 Prozent der Befragten nannten Freunde als Trostspender in Krisen. 

Wenn es um Freizeitaktivitäten mit Freunden geht, sind höher Gebildete im Vorteil. Mehr als zwei Drittel (69,7 Prozent) von ihnen berichten im neuen Alterssurvey über Unternehmungen mit befreundeten Personen. Bei den niedrig Gebildeten gilt das für nur 43,9 Prozent der Befragten.

Wege aus der Einsamkeit

Um solchen Ungleichheiten entgegenzuwirken, regen die Autoren des  Alterssurvey gezielte Maßnahmen zur sozialen Integration an. Modellhaft könnte hier das Projekt „MIASA – Mittendrin im Leben statt allein“ sein. Das an der Katholischen Hochschule Köln entwickelte Kleingruppenprogramm führt sozial isolierte Senioren in zehn wöchentlichen Therapiesitzungen zusammen. Bei Diskussionen und durch Übungen lernen die Teilnehmer, negative Denkmuster zu verändern, offener auf andere zuzugehen und ihr eigenes Wohlbefinden zu stärken. Das Programm sei gut angelaufen, berichtet Oliver Huxhold, der im Beirat der Kölner Hochschule sitzt – jetzt müsse es sich in der wissenschaftlichen Evaluation bewähren.

Der Alternsforscher weist auch auf das seit Langem bestehende Projekt „Freunde alter Menschen“ hin. In Berlin, Köln und Hamburg vermittelt der gleichnamige Verein Besuchspartnerschaften zwischen freiwilligen Mitarbeitern und betagten Frauen und Männern, um diese aus der Einsamkeit herauszuholen.

Die Freundschaftsforschung ist international im Aufwind. Denn überall auf der Welt stellt die demografische Alterung  klassische Unterstützungssysteme auf die Probe. Doch wie tragfähig sind Freundschaften, wenn es um praktische Hilfe im Alltag oder gar um Pflegeleistungen geht? Das sei noch weitgehend unklar, sagt Oliver Huxhold – und eine zentrale Frage für die künftige Forschung.

Von Lilo Berg

Literatur:

Katharina Mahne, Julia K. Wolff, Julia Simonson und Clemens Tesch-Römer (Hrsg.): Altern im Wandel. Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey (DEAS), Berlin 2016

Zentrale Befunde DEAS

Oliver Huxhold, Martina Miche & Benjamin Schüz (2013): Benefits of Having Friends in Older Ages: Differential Effects of Informal Social Activities on Well-Being in Middle-Aged and Older Adults. Journals of Gerontology, Series B: Psychological Sciences, 69(3), 366-375

Links

Projekt MIASA

Projekt „Freunde alter Menschen“

Foto Startseite: Photo by joyce huis on Unsplash

Oben: Photo by eberhard grossgasteiger on Unsplash