Flynn-Effekt: Alternde Gesellschaften werden intelligenter

Ein häufig diskutiertes Phänomen in der Intelligenzforschung ist der sogenannte Flynn-Effekt. Bis in die 1990er Jahre war zu beobachten, dass sich die Ergebnisse von IQ-Tests mit jungen Erwachsenen in Industrieländern von Generation zu Generation im Durchschnitt stetig verbesserten. Eine aktuelle Studie weist diesen Effekt nun auch für Menschen mittleren und höheren Alters nach.

Der Flynn-Effekt wurde vielfach wissenschaftlich dokumentiert – ebenso wie die Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit im ansteigenden Lebensalter. Die Forschung legte bislang jedoch keinen besonderen Fokus darauf, beide Aspekte im Zusammenhang zu betrachten. In der renommierten Fachzeitschrift „Intelligence“ publizierten Vegard Skirbekk, Marcin Stonawski, Eric Bonsang und Ursula M. Staudinger unter dem Titel „The Flynn effect and population aging“ jüngst eine Studie, die sich diesem Thema widmet. „Ob der Flynn-Effekt sich in höherem Alter fortsetzt, hatte vorher noch niemand untersucht“, erklärt die Altersforscherin Prof. Ursula M. Staudinger (Foto), Gründungsdirektorin des Aging Centers an der Columbia University, New York, und Vizepräsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Das Forscherteam analysierte zum ersten Mal gezielt Generationen 50+ auf Bevölkerungsebene und in einem historischen Kontext. Um spezifische Intelligenzleistungen höherer Altersschichten über einen längeren Zeitraum zu vergleichen, nahmen die Wissenschaftler umfangreiche Datensätze aus Großbritannien unter die Lupe. Diese enthielten Messdaten zu Erinnerungs- und Sprachvermögen (immediate recall, delayed recall, verbal fluency) aus aufeinanderfolgenden Kohorten.

Zunächst gingen sie der Frage nach, ob sich der Flynn-Effekt auch in älteren Teilen der Bevölkerung beobachten lässt. Die Analysen zeigten, dass die kognitive Leistungsfähigkeit sich zwar mit höherem Alter – bei jeder Generation für sich betrachtet – verringert. Vergleicht man jedoch aufeinanderfolgende Generationen miteinander, so steigt die kognitive Leistungsfähigkeit in der jeweiligen Altersstufe von Generation zu Generation an. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass zum Beispiel die 60-Jährigen einer später geborenen Generation im Durchschnitt die kognitive Leistungsfähigkeit der 50-Jährigen einer vorhergehenden Generation erreichen.

Auf dieser Grundlage stellte sich den Forschern eine zweite naheliegende Frage: Was bedeuten diese Resultate hinsichtlich des demografischen Wandels? Häufig wird unterstellt, dass durch die Alterung der Gesellschaften deren durchschnittliche kognitive Leistungsfähigkeit zwangsläufig abnehmen müsse, da sie ja bei jedem einzelnen Individuum mit zunehmendem Alter schwächer werde. Die Wissenschaftler untersuchten, inwieweit der Flynn-Effekt diese Abnahme kompensieren oder sogar in einen gegenläufigen Trend verwandeln könnte. In drei Szenarien projizierten sie die Messergebnisse bis ins Jahr 2042. Das wichtigste Ergebnis dabei war: Wenn der Flynn-Effekt im selben Maße wie bislang beobachtet anhält, dann wird sich die kognitive Leistungsfähigkeit alternder Gesellschaften nicht verringern, sondern steigern.

Der in den Analysen nachgewiesene Flynn-Effekt fügt den Diskussionen über den demografischen Wandel einen neuen Aspekt hinzu: „Nicht nur jeder Einzelne kann etwas verändern, wenn er möchte. Es gibt darüber hinaus auch Prozesse, die historisch ablaufen“, sagte Staudinger. Die Studie gibt somit Anlass, über einen Perspektivwechsel nachzudenken: „Das kalendarische Alter ist nicht mehr die wichtigste Größe. Für mich ist es ein sehr wichtiges Resultat, dass man kalendarisch älter und gleichzeitig kognitiv jünger sein kann.“

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

Vegard Skirbekk, Marcin Stonawski, Eric Bonsang, Ursula M. Staudinger: „The Flynn effect and population aging
Ursula Staudinger in Wikipedia und auf ihrer Webseite

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