Erwerbsaustrittsalter: Report offenbart große Unterschiede zwischen den Berufen

In Deutschland wird insgesamt immer länger gearbeitet, die Erwerbsintegration im Alter nimmt seit Jahren zu. Die im Frühjahr 2014 vorgelegte Studie „Entwicklung des Erwerbsaustrittsalters: Anstieg und Differenzierung“ offenbart allerdings, dass es dabei große Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen gibt.

Die von Dr. Martin Brussig, Leiter der Forschungsabteilung „Arbeitsmarkt – Integration – Mobilität“ am Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen, und von Mirko Ribbat vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen verfasste Untersuchung wurde im Rahmen des Altersübergangs-Reports veröffentlicht, der in unregelmäßiger Folge Ergebnisse des „Altersübergangs-Monitors“ zusammenfasst.

Die Alterserwerbsbeteiligung ist in Deutschland in den letzten zehn Jahren sehr stark angestiegen. Bei den 55- bis 64-Jährigen weist die Bundesrepublik innerhalb der Eurozone mittlerweile die höchste Erwerbsbeteiligung auf. EU-weit erreicht nur Schweden einen höheren Wert. Noch in den 1990er Jahren war in Deutschland ab dem 52. Lebensjahr ein beinahe gleichmäßiger Rückgang der Erwerbstätigkeit zu verzeichnen. In den Jahren 2001 bis 2007 schwächte sich dieser Rückgang im Alter ab 52 Jahre jedoch deutlich ab.

© DRP https://www.flickr.com/photos/drp/26067618/

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Dieser positive Trend hält bis heute an, doch die Erwerbsintegration im Alter ist heterogen verteilt. Analysiert wurden im Report insbesondere die berufsspezifischen Unterschiede beim Erwerbsaustrittsalter. Die Datengrundlage bildete der Mikrozensus, eine jährlich durchgeführte Befragung der Bevölkerung. Ein Ergebnis der Untersuchung ist, dass die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe nicht nur eine entscheidende Rolle für die Tätigkeitsdauer eines Arbeitnehmers spielt, sondern auch ein wesentlicher Faktor beim Erreichen der Regelaltersgrenze ist.

„Berufe sind komplexe Felder sozialer Strukturierung“

Die Forscher fordern dazu auf, den Beruf nicht als isoliertes „Belastungsbündel“ zu betrachten, sondern vielmehr als Teil eines komplexen Zusammenhangs, in dem auch viele andere Aspekte zu Belastungen führen können, die nicht unmittelbar tätigkeitsgebunden sind. „Berufe sind komplexe Felder sozialer Strukturierung, in denen sich typische Arbeitsweisen, der Umgang mit Technologien, Umwelten, soziale Standards und spezifische Akteurskonstellationen überlagern“, erklären die Wissenschaftler. Häufig seien Berufe „Teil der sozialen Identität, die auch Erwartungen über Berufsverläufe und berufstypische Risiken beinhalten.“

Als Beispiele für Tätigkeitsmerkmale, die gemeinhin nicht mit der Ausübung eines Berufes in Verbindung gebracht werden, nennen die Forscher befristete Arbeitsverträge, eine weit entfernte Arbeitsstätte und eine nicht vorhandene Interessenvertretung. Sie betonen, dass solche Belastungen oft in spezifischen Berufsgruppen auftreten: „Beispielsweise sind Bergleute stets im Schichtdienst tätig, Beschäftigte im Gastgewerbe sehr oft im Saisongeschäft und Arbeiter in Hoch- und Tiefbauberufen überwiegend in kleinen und mittelgroßen Betrieben und wegen ständig wechselnder Baustellen auch oft mit langen Wegezeiten.“ Insgesamt bleibt festzuhalten, dass das Risiko einer vorübergehenden oder dauerhaften Erwerbsunfähigkeit wesentlich von berufsspezifischen Belastungsfaktoren beeinflusst wird.

Allgemein diagnostizierten die Wissenschaftler für die späte Erwerbsphase einen „typischen Alterseffekt“. Erwartungsgemäß ist der Rückgang der Erwerbstätigkeit an den institutionalisierten Altersgrenzen der Arbeitsmarktpolitik und der Rentenversicherung besonders ausgeprägt. Der Effekt manifestiert sich jedoch auch deutlich in einem graduellen Rückgang der Erwerbsintegration mit steigendem Alter. Das Erreichen der Regelaltersgrenze ist trotz mittlerweile längerer Erwerbsphasen ganz wesentlich vom ausgeübten Beruf abhängig. Die Spanne kann dabei mehr als ein halbes Jahrzehnt betragen: „Die mittleren Erwerbsaustrittsalter der beiden Berufe mit dem höchsten und dem niedrigsten Wert liegen mehr als 5,5 Jahre auseinander.“

Hohes Erwerbsaustrittsalter überwiegend im Dienstleistungsbereich

Ein hohes Erwerbsaustrittsalter wird überwiegend im Dienstleistungsbereich erreicht, dem auch die Sozial- und Erziehungsberufe zugeordnet sind. Die „sonstigen Dienstleistungsberufe“ umfassen mit dem Gastgewerbe und der Reinigung auch zwei Bereiche mit Anlerntätigkeiten, für die kurze Einweisungen genügen. Stark gestiegen ist das Austrittsalter in den Metallberufen, was in der dort weit verbreiteten Altersteilzeit begründet liegen könnte. Ebenso arbeiten viele Hochqualifizierte länger. Hier vermuten die Forscher vor allem, dass es in den entsprechenden Branchen bessere Ressourcen zur Kompensation der Arbeitsbelastungen gibt.

Das niedrigste Erwerbsaustrittsalter ist im Hoch- und Tiefbau sowie bei Hilfsarbeitern anzutreffen. „Denkbar ist, dass mehr ältere Beschäftigte abgewandert sind, weil sie bessere Perspektiven in anderen Berufen gesehen haben – angesichts der Risiken für einen prekären Altersübergang gerade für Bau- und Hilfsarbeiter wäre ein solches Verhalten jedenfalls rational“, sagt Brussig. Insgesamt ist auffällig, dass das durchschnittliche Austrittsalter von Männern in den meisten Berufen höher als das von Frauen ist. Auch die Spanne zwischen Berufen mit hohem und niedrigem Austrittsalter ist bei Männern deutlich höher.

Hohes mittleres Austrittsalter lässt nicht unbedingt auf langes Erwerbsleben in einem Beruf schließen

Die Wissenschaftler betonen, dass sich von einem hohen mittleren Austrittsalter nicht unbedingt auf ein langes Erwerbsleben in einem Beruf schließen lässt. Verschiedene Berufe seien für die Neuaufnahme einer Tätigkeit im späten Erwerbsleben offener als andere. Auch hieraus sei zu schlussfolgern, welch hohe Bedeutung dem ausgeübten Beruf für die Verlängerung der Erwerbsphase zukomme. Zu berücksichtigen sei allerdings, dass wirtschaftliche Konjunkturen und sozioökonomischer Strukturwandel die berufsspezifischen Chancen auf eine lange Erwerbstätigkeit vorübergehend oder dauerhaft steigern oder schrumpfen können. Die unterschiedlichen sozialen Mechanismen, die für Berufe dabei eine Rolle spielten, seien nur durch Einzelfalluntersuchungen festzustellen – ein alle Berufe übergreifendes Merkmal konnten die Wissenschaftler nicht identifizieren.

Die Forschung weiter zu intensivieren, bildet somit ein wesentliches Fazit des Altersübergangs-Reports. Neben Qualifikation, Beschäftigungsstatus oder Arbeitszeit müsse auch der Beruf in die Analyse der Übergangschancen einbezogen werden. Die Wissenschaftler regen an, Fallstudien über die späte Erwerbsphase und Altersübergänge in unterschiedlichen Berufsfeldern durchzuführen, um so die Wechselwirkungen von Arbeitsbelastungen und Gestaltungsspielräumen genauer zu untersuchen.

Eine Vertiefung der wissenschaftlichen Analysen scheint in der Tat notwendig, wird doch die Berücksichtigung berufsspezifischer Belastungsfaktoren seit längerem kontrovers diskutiert. So machten im Jahr 2013 Prof. Gerhard Bäcker, Prof. Ernst Kistler und Uwe G. Rehfeld in ihrem Beitrag „Altersgrenzen nach Dauer und Art der Beschäftigung?“ darauf aufmerksam, dass das deutsche Rentenrecht für spezielle Berufsgruppen kaum spezielle, niedrigere Altersgrenzen für eine Altersrente kennt. Sie stellten die Frage, ob belastungsdifferenzierte Altersgrenzen realisierbar seien und führten den Beruf des Dachdeckers an, der in den Debatten um vorgezogene Renteneintritte zum Symbol schlechthin geworden ist. „Zweifellos ist es durchaus kompliziert, die entsprechenden Berufe zu identifizieren, Zeitdauern festzulegen, die mindestens in solchen belastenden Berufen verbracht worden sein mussten“, räumten die Wissenschaftler ein. Sie verwiesen jedoch auf internationale Beispiele für belastungsdifferenzierte Altersgrenzen, die zeigten, dass dies möglich und sinnvoll sei.

Menschen rechtzeitig in andere Jobs überführen

In der aktuellen wissenschaftlichen Debatte um die späte Erwerbsphase werden jedoch auch vielfach ganz andere Konzepte als vorgezogene Renteneintritte in den Mittelpunkt gestellt. Dies machte beispielsweise der renommierte Altersforscher Prof. Axel Börsch-Supan, Forschungsdirektor des Center for the Economics of Aging am Münchner Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik auf der im Juli 2013 veranstalteten Konferenz „Ältere am Arbeitsmarkt – Chancen, Risiken und Handlungsansätze“ deutlich. Mit Bezug auf den Musterfall Dachdecker betonte Börsch-Supan, dass es vor allem darum gehe, Menschen rechtzeitig in andere Jobs zu überführen. Dies geschehe nicht von selbst. Der Münchner Forscher sprach sich grundsätzlich für längere Erwerbsphasen aus und nannte Dänemark als positives Beispiel, wo die Menschen im Vergleich zu Deutschland früher mit dem Arbeiten anfingen und später aufhörten.

 

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weiterführende Informationen

Martin Brussig, Mirko Ribbat: Entwicklung des Erwerbsaustrittsalters: Anstieg und Differenzierung. Internet-Dokument. Duisburg, Düsseldorf: Inst. Arbeit und Qualifikation, Hans-Böckler-Stiftung. Altersübergangs-Report, Nr. 2014-01.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler, Uwe G. Rehfeld: „Altersgrenzen nach Dauer und Art der Beschäftigung?“

Wissenschaft trifft Praxis. Tagungsbericht zur Konferenz „Ältere am Arbeitsmarkt – Chancen, Risiken und Handlungsansätze“ am 9. und 10. Juli 2013

 

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