Einfach gesund altern

Gibt es einfache, wirksame und erschwingliche Methoden, um gesund alt zu werden? Dieser Frage geht die große europäische Altersstudie DO-HEALTH nach. Jetzt wurden interessante Zwischenergebnisse publik.

Vor einigen Jahren stellten sich mehr als zweitausend Frauen und Männer in den Dienst der Wissenschaft. Sie leben in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, Frankreich und Portugal, sind mindestens 70 Jahre alt und machen alle mit bei der multinationalen Altersstudie DO-HEALTH. „Es handelt sich um die größte klinische Studie zum gesunden Altern in Europa“, sagt Heike Bischoff-Ferrari (Foto © Sabina Bobst), die Leiterin der Studie und Professorin für Geriatrie und Altersforschung am Universitätsspital Zürich.

Erprobt wird ein einfaches Präventionsprogramm, das praktisch jeder ältere Mensch selbsttätig zu Hause anwenden kann. Insofern sei der Name DO-HEALTH durchaus als Appell zu verstehen, die eigene Gesundheit gezielt zu stärken, sagt Bischoff-Ferrari. Mit ihrer Studie wolle sie dringend benötigte wissenschaftliche Nachweise liefern: „Wir untersuchen, wie bestimmte Maßnahmen wirken und wie sie älteren Menschen helfen, ihr Leben länger gesund  und aktiv zu gestalten.“

Von Kopf bis Fuß untersucht

Um das herauszufinden, machen die Teilnehmer drei Mal pro Woche ein leichtes Bewegungstraining in den eigenen vier Wänden und nehmen regelmäßig Präparate mit Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren ein. Seit Beginn der Studie im Jahr 2011 wurde jeder Proband in speziellen Studienzentren im Verlauf von drei Jahren vier Mal einen ganzen Tag lang von Kopf bis Fuß untersucht. Bischoff-Ferrari: „Hinzu kommen ausführliche Telefongespräche zur gesundheitlichen Situation alle drei Monate.“

So wollen die Wissenschaftler ermitteln, wie sich die Präventionsmaßnahmen auf Knochenbruchrisiko, Muskel- und Gedächtnisfunktion, Blutdruck und die Infektionshäufigkeit auswirken. Bei den regelmäßigen Untersuchungen werden   auch Gelenkfunktion, Sturzneigung, Herz-Kreislauf-Funktion sowie Mund- und Zahngesundheit untersucht. Bischoff-Ferrari: „Darüber hinaus achten wir auf Frühzeichen von Diabetes und Gebrechlichkeit und stellen Fragen zu Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alltag.“

Für Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Bewegung gebe es schon eine Reihe überzeugender Ergebnisse aus kleineren Studien, sagt die Leiterin von DO-HEALTH. „Außerdem ergänzen sich die drei Interventionen hervorragend“, fügt sie hinzu und verweist auf den jeweils eigenen Wirkmechanismus der drei Maßnahmen, deren Vorteile sich aufsummieren können. Da es sich zudem um gut verträgliche Maßnahmen handle, die nicht viel kosten, habe man sich für sie entschieden. Bischoff-Ferrari: „Sofern sich ihr Nutzen in unserer Studie bestätigt, können viele Menschen von den einfachen Strategien profitieren.“

Die richtige Dosis finden

Bereits jetzt wisse man beispielsweise, dass die Lebenserwartung von Menschen mit Vitamin-D-Mangel niedriger ist als jene von Menschen mit ausreichender Versorgung. „Darüber hinaus zeigen Resultate von Vorstudien, dass Vitamin D einen positiven Effekt auf die Muskulatur hat.“ Bei der ergänzenden Zufuhr von Vitamin D zur Sturzprävention scheint, das zeigten Vorstudien, die richtige Dosierung zentral zu sein, berichtet Heike Bischoff-Ferrari. Demnach können sehr hohe Dosen den schützenden Effekt von Vitamin D sogar ins Gegenteil verkehren. Bei DO-HEALTH nehmen die Teilnehmer Präparate mit 2000 IE (Internationale Einheiten) pro Tag ein. Ihre tägliche Dosis an antientzündlich wirkenden Omega-3-Fettsäuren liegt bei einem Gramm.

Das deutsche Studienzentrum ist an der Charité Universitätsmedizin Berlin angesiedelt. Das Team um Dieter Felsenberg am Zentrum für Muskel- und Knochenforschung hat insgesamt 350 Männer und Frauen aus der Region Berlin für die Teilnahme an DO-HEALTH gewonnen und die obligatorischen Untersuchungen durchgeführt.

Abschließende Ergebnisse der Studie seien Mitte 2018 zu erwarten, kündigt Heike Bischoff-Ferrari an: „Wir hoffen natürlich auf eine Publikation in einer hochrangigen internationalen Medizinzeitschrift“. Aber schon jetzt lägen erste, überraschende Erkenntnisse vor, sagt die Schweizer Wissenschaftlerin.

Gesundheit im Ländervergleich

Es geht dabei um die länderspezifischen Anteile von Healthy-Agern, von Personen also, die weder an chronischen Erkrankungen leiden noch markante körperliche oder geistige Einbußen aufweisen. Im Durchschnitt aller fünf Länder liegt dieser Prozentsatz der Studie zufolge bei 42 Prozent der Studienteilnehmer. An der Spitze rangieren die Tiroler aus dem Studienzentrum Innsbruck mit 58 Prozent, sehr gut schneiden auch die Schweizer (51 Prozent) ab, die von Studienzentren in Zürich, Basel und Genf betreut werden. Etwas abgeschlagen folgen die deutschen (38 Prozent) und die französischen Senioren mit  einem Healthy-Ager-Anteil von 37 Prozent. „Mit was wir jedoch überhaupt nicht gerechnet hatten“, sagt Heike Bischoff-Ferrari, „ist das schlechte Abschneiden der Portugiesen“. Zu den gesund Alternden zählen nach den Kriterien von DO-HEALTH nur neun Prozent der im Studienzentrum Coimbra untersuchten Personen.

Über die Gründe für das negative Ergebnis könne man derzeit nur spekulieren, sagt die Leiterin der Großstudie. „Wir suchen intensiv nach Erklärungen und hoffen, demnächst belastbare Aussagen machen zu können.“ Sie hält es für möglich, dass die traditionelle Art des Älterwerdens in mediterranen Ländern eine Rolle spielt: „Man ist irgendwann eben alt und lässt sich umsorgen.“

Zweifel an der Mittelmeerdiät

Der bescheidene Gesundheitszustand portugiesischer Studienteilnehmer überrascht umso mehr, als sich die meisten von ihnen mediterran ernähren. Hält also die auch bei uns von Ärzten empfohlene Kost mit viel Gemüse, Fisch und Pflanzenölen doch nicht, was sie verspricht? Als alleiniger Faktor, sagt Heike Bischoff-Ferrari, reiche die Mittelmeerdiät möglicherweise nicht aus. Ob sie ihre Vorteile nur im Konzert mit körperlicher Aktivität und anderen Faktoren voll entfalten kann, bleibe zu untersuchen.

In DO-HEALTH sind innerhalb der dreijährigen Studienlaufzeit gut 19 Millionen Franken geflossen. Die große Investition hat auch den Aufbau einer  Datenbank mit einzigartigen Patientendaten ermöglicht. Gern würde Heike Bischoff-Ferrari die gesundheitliche Entwicklung der Studienteilnehmer nun weiter verfolgen: „In den nächsten Jahren wird es richtig interessant“. Anträge für Anschlussstudien, die weitere Aspekte wie etwa den Bildungsstand der Teilnehmer berücksichtigen, sind gestellt – darüber entschieden wird 2018.

Von Lilo Berg

Webseite von DO-HEALTH

Fotos: Benno Gut, gutpictures