Die Zukunft der Rente

Dank der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt steigen die Renten und die Rentenbeiträge sinken. Ein stabiler Trend sei das jedoch nicht, mahnen Experten.  Sie sehen neue Risiken heraufziehen – vor allem für bestimmte Gruppen.

Seit einigen Jahren versucht die Politik, das System der Alterssicherung an den demografischen Wandel anzupassen. Sie erhöhte das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre und vereinfachte die Weiterbeschäftigung jenseits der Altersgrenze. Darüber hinaus setzt sie nun stärker als früher auf private und betriebliche Vorsorge, um nachfolgende Generationen zu entlasten. Doch reichen die bisherigen Reformen aus, um künftige Herausforderungen meistern zu können? Müssen sich Rentner in spe keine Existenzsorgen mehr machen?

Altersarmut betrifft heute drei Prozent der Rentner in Deutschland – sie sind auf Leistungen der Grundsicherung angewiesen. In Zukunft werde sich dieser Anteil wohl verdoppeln, warnte der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan (Foto: Jan Roeder/ MEA) jetzt bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Berlin. Unter dem Titel „Gut für alle?“ hatte das Max-Planck-Forum drei Experten zu einer kritischen Einschätzung bisheriger Rentenreformen eingeladen. 

Gleich zu Beginn der Debatte wies Börsch- Supan – er ist Direktor des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Münchener Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik – auf die Risikogruppe der Alleinerziehenden hin. Ein Viertel von ihnen sei im Alter von Armut bedroht und unter den Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund liege dieser Anteil sogar bei 50 Prozent. Betroffen seien meist Frauen, die kaum private Rücklagen bilden können – auch weil sie wegen der Kindererziehung oft nur in Teilzeit erwerbstätig sind.

Traum vom sorgenfreien Alter

Ein karges Alter drohe aber auch Geringverdienern, Langzeit-Arbeitslosen und Selbstständigen, die mit ihren Einnahmen nie wirklich auf einen grünen Zweig gekommen seien, sagte Börsch-Supan. Zur Risikogruppe zählen für ihn auch viele Flüchtlinge, deren Qualifikation man anfangs überschätzt habe: „Da rollt eine Welle auf uns zu, das verstehen wir erst langsam“, sagte der Münchener Wirtschaftswissenschaftler. Seiner Prognose zufolge werden insgesamt rund 80 Prozent der künftigen Rentner über ein ordentliches Einkommen verfügen, die übrigen 20 Prozent erreichen es nicht.

„Das größte Armutsrisiko entsteht, wenn gesunde Leute mit 63 Jahren in Rente gehen“ – mit diesem Satz schaltete sich James Vaupel (Foto: MPIDR), Direktor am Rostocker Max-Planck-Institut für Demografische Forschung, in die Diskussion ein. Er wies zunächst auf die steigende Lebenserwartung hin: Seit 1950 sei diese in Deutschland um 2,5 Jahre pro Lebensjahrzehnt gewachsen. Vaupel: „Das heißt, für jedes gelebte Jahr bekommen wir drei Monate dazu und für jeden Tag gibt es sechs Stunden extra.“ Der Trend setze sich bislang ungebrochen fort, eine  Obergrenze der Lebenserwartung sei nicht in Sicht. „Die meisten Deutschen, die nach dem Jahr 2000 auf die Welt kamen, werden 100 Jahre alt“, sagte der Bevölkerungsforscher, der aus den USA stammt und in Dänemark lebt.

Die Zukunft bringe vielen Menschen aber nicht nur mehr Lebenszeit, sondern auch mehr Gesundheit im Alter. Eine Untersuchung in Dänemark habe kürzlich ergeben, dass rund 80 Prozent der 70-Jährigen noch arbeitsfähig seien, berichtete Vaupel. Er ist 72 Jahre alt, arbeitet mit Begeisterung in seinem Institut und denkt nicht ans Aufhören. Viele 100-Jährige der Zukunft, davon ist er überzeugt, werden sich ähnlich entscheiden.

Ohne Chance am Arbeitsmarkt

Was also spricht gegen eine weitere Erhöhung der aktuellen Regelaltersgrenze von 67 Jahren, fragte der Moderator der Runde, Ralph Bollmann, wirtschaftspolitischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin. Aus Sicht der Gewerkschaften spreche sehr vieles dagegen, konterte Ingo Schäfer, Leiter des Referats Alterssicherung und Rehabilitation beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB): „Viele Menschen sind aus gesundheitlichen Gründen gar nicht in der Lage, länger zu arbeiten.“ So erhalte heute bereits jeder fünfte Rentner eine Erwerbsminderungsrente, betonte Schäfer. Außerdem hätten viele ältere Beschäftigte am Arbeitsmarkt gar keine Chance – warum also von der Rente mit 70 und darüber hinaus reden?

Weil man bei ständig wachsender Lebenserwartung nicht an einem Rentenalter aus Bismarckzeit festhalten könne, entgegnete Axel Börsch-Supan: „Wenn wir dann irgendwann 300 Jahre alt werden, würden wir um die 230 Jahre Rente beziehen.“ Das hält natürlich kein Sozialsystem aus und deshalb sind neue Lösungen gefragt.

Dabei könne man viel von anderen Ländern lernen, regte James Vaupel an. Er warb für das dänische System, das den Bezug der vollen Altersrente an die Lebenserwartung koppelt. Die Idee ist, dass jeder Däne im Durchschnitt nur rund 15 Jahre seines Lebens im Ruhestand verbringt. Dementsprechend soll das derzeitige Renteneintrittsalter von 67 Jahren Schritt für Schritt erhöht werden. Steigt also die durchschnittliche Lebenserwartung einer Generation von derzeit rund 82 Jahren auf 90 Jahre, muss diese Generation eben bis 75 arbeiten. Vor zwei Jahren haben die Dänen die umfassende und weltweit einmalige Rentenreform ohne große Proteste akzeptiert.

Vorbild Schweden?

In Deutschland wären derart tiefgreifende Reformen derzeit schwerlich durchzusetzen. Doch welche anderen Wege gibt es, um die Gefahr der Altersarmut zu bannen, insbesondere für Risikogruppen? Dazu zählen auch die Bezieher von Erwerbsminderungsrenten: Ihr Niveau liege in Deutschland unter dem anderer Industrieländer, sagte Axel Börsch-Supan, hier müsse dringend nachgebessert werden. Um Frauen im Alter besser abzusichern, müsse man Abschied nehmen von einem Rentensystem, das dem Familienbild der 1950er Jahre folge. Damals sorgten  die Männer in der Regel für das familiäre Auskommen, heute werden viele Ehen geschieden – oft zum materiellen Nachteil der Frauen. Ein Vorbild könne Schweden sein, das zwei voneinander unabhängige Rentensysteme für Männer und Frauen geschaffen hat und damit offenbar gute Erfahrungen mache. Demgegenüber plädierte Ingo Schäfer für eine Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung für die Gesamtheit der Beschäftigten: „Alle, die von ihrem Lohn leben konnten, sollen auch von ihrer Rente leben können.“

In der Schlussrunde fragte Ralph Bollmann nach den Zukunftsplänen der Podiumsteilnehmer. Ingo Schäfer, für den das Rentenalter noch weit weg ist, hofft bis dahin auf ein stärkeres System der gesetzlichen Alterssicherung. „Ich werde mit 68 Jahren aus der Max-Planck-Gesellschaft rausgeschmissen“, sagte Axel Börsch-Supan. Deshalb gründet er gerade eine eigene Firma, um so lange weiterarbeiten zu können wie er will. Und was hat der 72-jährige James Vaupel vor? „Ich werde noch zehn Jahre weiterarbeiten – mindestens.“

Von Lilo Berg

Axel Börsch-Supan und James Vaupel sind Mitglieder der Leopoldina (Profil Börsch-Supan/ Profil Vaupel).

Stellungnahme "Produktivität in alternden Gesellschaften", hg. von Axel Börsch-Supan, Marcel Erlinghagen, Karsten Hank, Hendrik Jürges und Gert G. Wagner (Altern in Deutschland Band 4) download pdf

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