Der nächste Beruf

Krankenpflege zwischen „Entzauberung“ und neuen Tätigkeitsbildern

Durchschnittlich nur vier bis zehn Jahre arbeiten Fachkräfte im Kranken- und Pflegebereich in ihrem Beruf. Zahlen, die das Image der Pflegeberufe nicht unbedingt verbessern. Obwohl dies gerade angesichts des demografischen Wandels dringend notwendig wäre. Das Projekt „Mein nächster Beruf“ der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) erforscht Möglichkeiten, länger im Beruf zu verweilen oder in eine alternative Tätigkeit zu wechseln.

Laut Pflege-Thermometer 2009 plant nur jeder Zweite der Befragten, den Pflegeberuf bis zum Rentenalter auszuüben. 40 Prozent haben laut „Nurses’ early exit study“ (NEXT) Sorge, ihren Beruf aufgrund körperlicher oder psychischer Erkrankungen nicht mehr ausüben zu können. Die wichtigsten Belastungsfaktoren sind wachsender Zeitdruck, geringe Mitgestaltungsmöglichkeiten, körperliche Belastungen, soziale Konflikte und geringer Handlungsspielraum. Der Krankenstand liegt fast vier Prozent über dem Durchschnitt. Und so zählt die Krankenpflege wegen hoher körperlicher und psychischer Belastungen zu den Berufsgruppen „mit begrenzter Tätigkeitsdauer“. Die NEXT-Studie zeigt sogar, dass 2003 nicht einmal elf Prozent des Pflegepersonals in deutschen Krankenhäusern über 50 Jahre alt waren.

Doch was folgt, wenn ein Arbeitnehmer den gelernten Beruf nicht mehr ausüben kann? Vorgezogener Ruhestand, die Verrentung wegen Berufsunfähigkeit, eine Abfindung oder auch Arbeitslosigkeit im Alter sind die üblichen Lösungen.

Das Projekt „Mein nächster Beruf“ der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) widmet sich einem neuen Weg: Ergänzend zu klassischen Präventionsansätzen erforscht die Initiative Möglichkeiten, in Berufen mit besonderen Belastungen rechtzeitig in eine alternative Tätigkeit oder einen neuen Beruf zu wechseln – was sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber und Versicherungsträger oft eine gleichermaßen akzeptable Lösung ist.

Ein Teilprojekt widmet sich der stationären Krankenpflege. Im Gegensatz zu anderen Berufen ist hier eine große Diskrepanz auffällig. Krankenschwester oder -pfleger zu werden, war bei vielen von Jugend an der Wunschberuf. Patienten zu helfen erzeugt bei vielen Pflegekräften einen starken Berufsethos, dem im Arbeitsalltag oft eine „Entzauberung des Berufsbildes“ droht, wie der iga.Report von 2008 berichtet .

Eine der Aussagen von Krankenschwestern, die über ihren erfolgreichen Berufswechsel befragt wurden, war: „Man war ja gar nicht mehr für den Patienten da, der war doch nur noch eine Kostenstelle.“ Eine andere: „Ich war immer mehr frustriert. Das war nur noch eine Massenabfertigung. Nichts war mehr, wie ich es gelernt hatte. Irgendwann war mir klar, das will ich nicht bis zur Rente machen. Ich wollte selbstständiger arbeiten. Mehr Verantwortung übernehmen. Hier war das ja alles nur noch arbeiten nach Vorschrift und unter hohem Zeitdruck.“

Die Krankenpflege ist stark von einem Strukturwandel betroffen. Das Finanzierungssystem wurde umgestellt. Der Wettbewerb zwischen den Kliniken wächst. Es gibt ein neues Arbeitszeitgesetz, leistungsorientierte Vergütungssysteme und ein verbindliches Qualitätsmanagement. Und nicht zuletzt wurden allein im Jahr 2007 in Deutschland 15.000 Stellen in Krankenhäusern abgebaut. Das alles gestaltet den Arbeitsalltag von Krankenschwestern und -pflegern neu.

Dieser Wandel spiegelt sich jedoch noch nicht in der Ausbildung wider. „Wichtig wäre im Vorfeld einer Ausbildung ein Praktikum, damit die Interessenten in den Arbeitsalltag reinschnuppern können und sehen, wie der Beruf wirklich aussieht“, erklärt die Projektmanagerin Frauke Jahn vom Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). „Sonst kann es passieren, dass die Auszubildenden eine andere Vorstellung vom Beruf haben und später eine Ernüchterung erleben.“ Beispielsweise gehöre es mittlerweile dazu, dass man betriebswirtschaftlich denken und viel dokumentieren muss.

Gleichzeitig entstehen aber durch den Strukturwandel viele neue Tätigkeits- und Berufsbilder. Insbesondere Spezialwissen wird immer wichtiger. So bietet beispielsweise eine Fortbildung im Case-Management oder im Entlassungsmanagement die Chance, die körperlichen oder psychischen Belastungen des Stationsdienstes abzubauen und dabei alternsgerecht im gewählten Berufsfeld zu bleiben. Auch Weiterbildungen zur Stationssekretärin, zum Dokumentationsassistenten, zur Kodierfachkraft oder zum Gesundheitsfachwirt bieten Möglichkeiten, individuelle Laufbahnen alternsgerecht zu gestalten, ohne dass Mitarbeiter das Unternehmen verlassen müssen.

Die meisten der in der iga-Studie interviewten Krankenschwestern, die ihre Tätigkeit oder ihren Beruf erfolgreich gewechselt hatten, waren sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung – ob sie nun im selben Krankenhaus blieben oder beispielsweise in die ambulante Pflege oder einen ganz anderen Beruf wechselten. „Die hohe Zufriedenheit in der neuen Tätigkeit lag insbesondere darin, dass die jetzt ausgeübten Arbeitstätigkeiten Herausforderungen beinhalten, die Lernen erfordern, aber auch ermöglichen“, beschreibt Jahn. „Für den Bereich der stationären Krankenpflege bedeutet dies, Arbeitsbedingungen, Arbeitsinhalte und die Arbeitsorganisation so zu gestalten, das Anreize für Lern- und Entwicklungsprozesse geschaffen werden und einseitigen physischen und psychischen Fehlbeanspruchungen vorgebeugt wird.“

Zudem regt die Initiative an, das Personalmanagement um ein innovatives Konzept der Berufsberatung und Personalentwicklung für einen zweiten Beruf zu erweitern. „Die Vorbereitung auf einen Tätigkeits- oder Berufswechsel sollte nicht erst dann beginnen, wenn Gesundheit oder Leistungsfähigkeit dauerhaft eingeschränkt sind“, sagt Jahn. Dafür hat die Initiative einen Beratungsansatz von arbeitsmedizinischer Vorsorgeuntersuchung bis hin zu einer berufsbegleitenden Qualifizierung entwickelt, der Frühwarnindikatoren berücksichtigt.

„Auch wenn Erwerbsbiografien sehr viel bunter werden als früher, so ist dennoch das Ziel, dass die Menschen mit ihren Erfahrungen und Kompetenzen im Unternehmen oder zumindest in der Branche bleiben“, erklärt Jahn. „Menschen, die trotz deutlicher Anzeichen für langfristige Folgen von Fehlbeanspruchungen zu lange im Beruf verharren, werden letztlich irgendwann zum Ausstieg gezwungen. Der Beruf, der über eine Umschulung dann möglich ist, ist in der Regel nicht der Wunschberuf.“

Dabei gehe es jedoch nicht primär darum, den Ausstieg aus dem einmal angestrebten Beruf zu unterstützen. „In vielen dieser Berufe weiß man, dass man den Beruf eventuell nicht bis zum Rentenalter ausüben kann. Was man tun kann ist, Strategien zu entwickeln, wie man im Beruf dennoch erfolgreich lange verweilen kann“, sagt Jahn.

In einem zweiten Schritt des Projekts „Mein nächster Beruf“ haben die Forscher 65 Krankenschwestern im älteren Erwerbsalter befragt, die ihren Beruf noch bis zur Rente ausüben möchten. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Herbst veröffentlicht.

iga.Report 17: Frauke Jahn und Sabine Ulbricht: „Mein nächster Beruf“ – Personalentwicklung für Berufe mit begrenzter Tätigkeitsdauer. Teil 1: Modellprojekt in der stationären Krankenpflege