Bundestagswahl
Altern in Deutschland: Was sagen die Parteien?

Beispiel Gesundheit

Der Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl der Bundeszentrale für politische Bildung vergleicht die Positionen der Parteien zu 38 Thesen – die Themen Altern und demographischer Wandel sind aber nicht dabei. Im Vorfeld der Bundestagswahl haben wir daher zusammengetragen, welche Ziele die fünf großen Parteien in Deutschland in ihren Parteiprogrammen im Hinblick auf den demographischen Wandel definieren. Die Stichpunkte sind Arbeit für Ältere, Rentenalter, Gestaltung der Berufsbiografie, Weiterbildung, Altersdiskriminierung sowie Altersbilder, Ehrenamt, Generationenverhältnis und Gesundheit.
Dafür haben wir die Parteiprogramme hinsichtlich wichtiger Schlagworte unserer Empfehlungen untersucht. Die Auflistung der entsprechenden Passagen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und die Akademiengruppe leitet daraus keine Wahlempfehlung ab.

Gesundheit

 

Parteien

SPD

Arbeit „Menschen für Menschen“. Neue Arbeit entsteht zudem dort, wo Menschen Dienstleistungen für Menschen erbringen: in der Betreuung, der Bildung, der Pflege. Im Gesundheitswesen ist schon heute jeder zehnte Erwerbstätige beschäftigt. Mit steigender Lebenserwartung und höherer Erwerbsbeteiligung der Frauen steigt die Nachfrage nach personalintensiven Dienstleistungen weiter an. Um diese Beschäftigungspotenziale zu nutzen, wollen wir auch private Haushalte als Auftraggeber und Arbeitgeber stärker unterstützen. (S. 21)

Wohnortnahe ärztliche Versorgung. In einer „Gesellschaft des längeren Lebens“ gilt es, die Teilhabe aller auch am Gesundheitswesen zu sichern. Dazu gehören eine wohnortnahe ambulante Versorgung durch niedergelassene Haus- und Facharzte, die Sicherung der freien Arztwahl und die Stärkung der Zusammenarbeit der ambulant tätigen Haus- und Facharzte mit Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. (S. 53)

Eine ganz besondere Herausforderung ergibt sich aus dem demographischen Wandel: Für alle Gesundheitsberufe müssen die Geriatrie und die Palliativversorgung wichtige Schwerpunkte in Ausbildung, Forschung und Arbeit werden. (S. 53)

Wir wollen erreichen, dass möglichst alle Menschen mit Behinderungen so lernen, arbeiten, wohnen und leben können, wie sie es selbst möchten. Dafür brauchen wir ein Gesamtkonzept für Teilhabe und Inklusion behinderter, pflegebedürftiger und alter Menschen, das sich nicht auf Versorgung beschränkt, sondern an den Bürger- und Menschenrechten dieser gesellschaftlichen Gruppen orientiert. (S. 62)

CDU/CSU

Wir wollen mehr Chancen und Arbeitsplätze in diesem wichtigen Feld ermöglichen: für Lehrerinnen und Lehrer, für Erzieherinnen und Erzieher, für Pflegerinnen und Pfleger, für Krankenschwestern und Krankenpfleger sowie für Ärztinnen und Ärzte. Bessere Qualifikationsangebote für Menschen, die eine Betreuung eines Angehörigen zu Hause übernommen haben, sind uns besonders wichtig. (S. 11)

Der demographische Wandel eröffnet neue Berufsperspektiven. Besonderes Augenmerk ist auf Beschäftigungsperspektiven in personenbezogenen Dienstleistungen, wie etwa dem „Dienst am Menschen“ zu legen. Wir widmen dem „Dienst am Menschen“ ein Zukunftsprojekt. Gerade hier gilt für uns: „Qualifizierung geht vor Zuwanderung.“ Wir werden die Attraktivität der Berufsgruppe der Kranken- und Altenpfleger steigern und Umschulungsprogramme in diese Berufsgruppe stärken. Wir wollen Weiterbildungsmaßnahmen für die Pflege von Angehörigen ausbauen und fördern. (S. 30)

Wir achten die Leistung pflegender Angehöriger und wollen die Pflege in der Familie stärken. Wir wollen die Pflegeund Betreuungsqualität älterer Menschen und die Vereinbarkeit von beruflichen Tätigkeiten und privater Pflegeverbessern. Die Unternehmen sollen motiviert werden, sich an Programmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu beteiligen. Dazu sollen auch Kooperationen der Unternehmen mit Tagespflegeeinrichtungen angestoßen und organisiert werden. Wir wollen Pflegestützpunkte als Anlaufstellen für Angehörige qualifizieren. Wir werden die bereits bestehenden Netzwerke wie z. B. „Erfolgsfaktor Familie“, „Lokale Bündnisse“ und Mehrgenerationenhäuser für die Unternehmen nutzbar machen. (S. 37f.)

Wir wollen die lokale Kooperation von Alzheimergesellschaften ausbauen, um die Enttabuisierung des Themas Demenz zu erreichen und damit die betroffenen Familien in die Mitte der Gesellschaft zu holen. (S. 40)

Die Grünen

Die demographische Entwicklung, die steigende Lebenserwartung und der medizinische Fortschritt führen zu einer absehbar steigenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen. Wir Grüne diskutieren darum Gesundheit nicht als Problemfall, sondern als wirtschaftliches und soziales Innovationsthema. Investitionen in Gesundheit sind kein Negativposten. Im Gegenteil: Wenn wir wollen, dass die Branche wächst, brauchen wir mehr Ausgaben. (S. 31)

Aber auch in anderen Berufen wie zum Beispiel in der Pflege und in Gesundheitsberufen zeichnet sich ein erheblicher Fachkräftemangel ab. Um diese Engpässe mit qualifiziertem Personal zu beseitigen, müssen wir die Attraktivität und gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufe steigern und auch die Finanzierung der Ausbildung verbessern. (S. 82)

Wir Grüne wollen Pflege in die Mitte unserer Gesellschaft holen. Pflege ist Teil des Lebens, nicht die »Endstation«. Grüne Pflegepolitik wird der Individualität und Selbstbestimmung der Menschen gerecht und fördert Alternativen zu herkömmlichen Konzepten und Einrichtungen. Pflege muss zu den Menschen kommen. Da die meisten Menschen nicht in traditionellen Großeinrichtungen gepflegt werden wollen, sondern in einer vertrauten Umgebung, wollen wir dies mit flexiblen Wohn-, Pflege-, und Hilfeangeboten fördern. Dazu gehören neue Wohn- und Pflegeformen, wie etwa Haus- und Wohngemeinschaften und das Wohnen mit Versorgungssicherheit im vertrauten Wohnquartier. Dabei wollen wir auch Menschen mit Migrationshintergrund, Lesben und Schwule sowie Alleinerziehende stärker einbeziehen. Dazu gehört auch eine neue Kultur der Unterstützung, mit einem individuellen Pflege- und Hilfe-Mix aus bedarfsgerechten und bezahlbaren Angeboten – vom ehrenamtlichen Besuchsdienst bis zur professionellen Pflege und haushaltsnahen Dienstleistung. (S. 87)

Wir wollen die Qualität in der Pflege durch mehr Transparenz und durch die Einbeziehung der Betroffenen verbessern. Pflegekräfte brauchen mehr Anerkennung und bessere Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung. Zudem wollen wir das Persönliche Budget in der Pflege einführen und weiterentwickeln. Zudem wollen wir das Persönliche Budget in der Pflege einführen und weiterentwickeln. Wir brauchen wohnortnahe und interessenunabhängige Angebote zur Beratung und Begleitung. Ein solches Hilfenetz muss vor Ort geknüpft werden. Damit es hält, müssen alle im Sinne der Pflegebedürftigen und ihrer Bezugspersonen zusammenarbeiten. Dabei müssen wir auch mehr für pflegende Angehörige tun. Familie, Pflege und Beruf müssen vereinbar sein. Deshalb wollen wir eine dreimonatige Pflegezeit mit einer Lohnersatzleistung einführen. Die grüne Pflegezeit soll nicht nur engen Verwandten offen stehen, sondern allen, die die Pflege von Angehörigen oder Freundinnen und Freunden organisieren oder sie beim Sterben begleiten. Damit Pflegepolitik diesen Anforderungen gerecht werden kann, muss die Finanzierungsgrundlage für die Pflege deutlich erweitert werden. Deshalb wollen wir die Pflegeversicherung zu einer Bürgerversicherung weiterentwickeln. (S. 88)

Die meisten Menschen sterben in Institutionen wie Pflegeheimen und Krankenhäusern, obwohl der größte Teil der Menschen es vorziehen würde, im Kreis von vertrauten Personen die letzte Lebenszeit zu verbringen. Vor diesem Hintergrund ist die Hospizbewegung durch weitere Gründungen und den Ausbau von wohnortnahen Hospizeinrichtungen zu unterstützen. […] Die Professionalität der Hospize ist zu stärken, um auch das Lebensende und Sterben schwerstkranker Menschen menschenwürdig und in der Nähe ihrer Angehörigen sicher zu stellen. Hierzu zählt auch die weitere Förderung der Palliativmedizin. […] Damit die Sorge für Andere nicht mit der Erwerbstätigkeit kollidiert, haben wir GRÜNE eine dreimonatige Pflegezeit ähnlich der Elternzeit vorgeschlagen, für alle, die die Pflege von Angehörigen oder Freunden organisieren oder diese beim Sterben begleiten. (S. 122)

Deshalb wollen wir 400.000 Stellen im Sozialen Arbeitsmarkt schaffen. Es gibt in unserer Gesellschaft genug zu tun: […] bei der ergänzenden Unterstützung älterer Menschen im Haushalt […] (S. 80)

FDP

Die Versorgung mit Leid mindernder Palliativmedizin sowie die Ausbildung von Ärzten und Pflegekräften in Palliativmedizin und -pflege müssen verbessert werden. Die neu eingeführte Finanzierung spezialisierter ambulanter Palliativmedizin muss endlich in die Praxis umgesetzt werden. Daneben ist die palliative Versorgung im Krankenhaus durch eine tagesbasierte Finanzierung abzusichern. Hospize und ambulante Hospizdienste müssen ausgebaut und mit der Palliativmedizin vernetzt werden. Denn die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Die Familie als kleinstes soziales Netz muss auch bei der Betreuung Sterbender gestärkt werden. (S. 20)

Die Stärkung der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Pflegebedürftigen, der Abbau von Bürokratie und eine verbesserte Transparenz über die Qualität der Pflege verändern die Stellung von Pflegebedürftigen und Angehörigen, die sich nicht mehr als Objekte eines weitgehend planwirtschaftlich organisierten Pflegesystems sehen müssen, sondern als Mittelpunkt und auswählende Kunden in einem humanen Pflegemarkt auftreten können. Die meisten Menschen wollen ihre letzte Lebensphase nicht in einem Pflegeheim zubringen, sondern zu Hause. Benötigt werden deshalb andere Formen der Versorgung in den Regionen. Wohngemeinschaften für Demenzkranke sind ein gutes Beispiel, wie den Bedürfnissen der Menschen besser Rechnung getragen werden kann. (S. 22)

Die Forschungsmittel für Gerontologie, Geriatrie und Alterspsychologie sind so aufzustocken, dass sie einem internationalen Vergleich standhalten. (S. 38)

Die Linke

• Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf unterstützen: für eine wirkliche Pflegereform hin zu einer humanen und solidarischen Pflegeabsicherung, die eine hinwendungsbezogene und ganzheitliche Pflege sowie die gesellschaftliche Teilhabe der auf Pflege und Assistenz angewiesenen Menschen gewährleistet. (S. 19)

• die Rechte von Patienten und Pflegebedürftigen ausbauen und stärken; die Forschung am medizinischen Bedarf orientieren; (S. 24)

• Pflegenotstand beseitigen: die Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegesystem besser qualifizieren und tariflich bezahlen, die Pflegesätze den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen anpassen, die stationäre Versorgung von Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern verbessern; einheitliche Personalschlüssel entwickeln, die ganzheitliche Pflege ermöglichen, Angehörige und Pflegende beraten und finanziell und sozialrechtlich besserstellen. (S. 24)

nach oben top

Altern in Deutschland

  • Um gesundes Altern zu fördern, muss die Prävention in jedem, auch im späten Lebensalter, gestärkt werden. Ein Großteil der im Alter dominierenden Erkrankungen kann durch eine präventive Beeinflussung der Hauptrisikofaktoren verhindert oder ihr Auftreten hinausgezögert werden.
  • Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Um Prävention wirksam werden zu lassen, bedarf es struktureller Voraussetzungen, für die der Gesetzgeber Sorge tragen muss. Die Bedingungen, die ein gesundheitsbewusstes Verhalten des Einzelnen ermöglichen, müssen für alle Menschen unabhängig von ihrer sozialen Stellung gleich sein.
  • Prävention ist außerdem eine individuelle Aufgabe. Sie soll so früh wie möglich beginnen und wird am wirksamsten sein, wenn präventive Inhalte in schulische und familienzentrierte Bildungsprogramme integriert und früh gelernt werden. Individuelle Prävention kann außerdem durch Anreizsysteme gefördert werden.
  • Eine alternde Gesellschaft braucht eine starke Geriatrie. Dazu gehören der Ausbau von Strukturen für die Altersmedizin sowie eine intensivierte Geriatrieausbildung des medizinischen Personals. Abgestufte Versorgungsstrukturen müssen vorrangig gestärkt werden.
  • Die Rolle der Hausärzte sollte gestärkt werden. Zur Verbesserung der Behandlungsqualität lohnt es sich, über eine qualitätsbasierte Vergütung nachzudenken.
  • Unverzichtbar in der Betreuung, Behandlung und Pflege alter Menschen ist die Nutzung modernster technischer Möglichkeiten.
  • Die meisten alten Menschen sterben heute im Krankenhaus, im Pflegeheim, auf der Palliativstation oder im Hospiz. Das sollte sich ändern: Wo immer möglich, sollte ein Mensch in seiner gewohnten Umgebung, also zu Hause, sterben dürfen.
nach oben top