Bundestagswahl
Altern in Deutschland: Was sagen die Parteien?

Gestaltung der Berufsbiografie

Der Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl der Bundeszentrale für politische Bildung vergleicht die Positionen der Parteien zu 38 Thesen – die Themen Altern und demographischer Wandel sind aber nicht dabei. Im Vorfeld der Bundestagswahl haben wir daher zusammengetragen, welche Ziele die fünf großen Parteien in Deutschland in ihren Parteiprogrammen im Hinblick auf den demographischen Wandel definieren. Die Stichpunkte sind Arbeit für Ältere, Rentenalter, Gestaltung der Berufsbiografie, Weiterbildung, Altersdiskriminierung sowie Altersbilder, Ehrenamt, Generationenverhältnis und Gesundheit.
Dafür haben wir die Parteiprogramme hinsichtlich wichtiger Schlagworte unserer Empfehlungen untersucht. Die Auflistung der entsprechenden Passagen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und die Akademiengruppe leitet daraus keine Wahlempfehlung ab.

Gestaltung der Berufsbiografie: Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit

 

Parteien

SPD

Das Langzeitkonto – ein neues Modell der Arbeit. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen souverän mit ihrer Zeit umgehen. Dazu schaffen wir die rechtlichen Möglichkeiten. Mit der Insolvenzsicherung und Übertragbarkeit der Wertguthaben aus Langzeitkonten haben wir dafür wesentliche Grundlagen gelegt. Wir wollen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Wertguthaben ansparen und im Laufe ihres Berufslebens flexibel entnehmen können – fur Weiterbildung, Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen. Diese Aspekte können durch branchenspezifische Arbeitszeitkonten von den Tarifpartnern geregelt werden. Zusammen mit den bereits etablierten Rechten auf Teilzeitarbeit generell und auf Teilzeitarbeit bei Kindererziehung ermöglichen wir einen flexiblen und jeder Lebensphase angemessenen Umgang mit Arbeitszeit. Daraus kann sich ein neues Modell der Arbeit entwickeln, das Flexibilitäts- und Sicherheitsansprüche miteinander verbindet. (S. 35)

Humane Arbeitszeiten. Arbeit muss auch zeitlich gesundheitsverträglich gestaltet werden. Das gilt gerade für Schicht- und Wochenendarbeit. In Zusammenarbeit mit Sozialpartnern, Betrieben und Forschung sollen Modellprojekte weiterentwickelt werden, die es ermöglichen, dass Ältere langer gesund arbeiten können.
Vorausschauende Personalentwicklungsplanung. Die Belegschaften in den Betrieben werden älter. Darum kann eine vorausschauende Personalentwicklungsplanung sowohl das Qualifikationsniveau der Belegschaften als auch alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen verbessern.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Neben den familienpolitischen Initiativen, wie dem Ausbau der Kindertagesbetreuung und dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, die wir durchgesetzt haben, wollen wir auch den Ausbau von Betriebskindergärten weiter vorantreiben. Wir müssen uns ganz besonders um diejenigen kümmern, die in der so genannten „rush hour des Lebens“ stecken und im Alter zwischen 25 und 40 Jahren gleichzeitig berufliche Karriere, Familiengründung und möglicherweise Pflege von Angehörigen bewältigen müssen. Daher muss ein Anspruch auf Teilzeitarbeit auch befristet mit einer Mindestdauer von zwei Jahren ermöglicht werden. Für unerwartet eintretende Pflegesituationen wollen wir bis zu zehn Tage bezahlte Freistellung einführen. (S. 37f.)

Zeitsouveränität. Arbeit ist das halbe Leben. Wir wollen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer selbstbestimmter mit ihrer Arbeitszeit umgehen können. Flexibilisierung von Arbeitszeit kann und soll ein Vorteil fur Arbeitnehmer sein. Das lässt sich durch den gezielten Einsatz von Langzeitkonten erreichen, mit denen Beschäftigte Freizeiten ansparen konnen. Darüber hinaus muss Zeitsouveränität für Familien, aber auch fur ehrenamtliches Engagement, Kultur, Sportvereine, etc. gewährleistet sein. Wir wollen die nötigen Rahmenbedingungen setzen, um Betriebsräten Initiativerechte und den Tarifparteien mehr Spielraum in diesen Fragen zu geben. (S. 38)

Wir wissen aber auch, dass die Menschen während ihrer Erwerbsphase unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind und die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch weiter verbessert werden muss. Wir wollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Zukunft mehr Flexibilität beim Übergang vom Erwerbsleben in die Rente ermöglichen: Die geförderte Altersteilzeit werden wir bis 2015 verlängern, wenn ein Unternehmen eine frei werdende Stelle mit einem Auszubildenden oder Ausbildungsabsolventen neu besetzt. Wir werden es schon ab dem 60. Lebensjahr ermöglichen, eine Altersrente auch als Teilrente bei paralleler Teilzeitbeschäftigung in Anspruch zu nehmen. Wir wollen sowohl den Versicherten, als auch den Unternehmen und tariflichen Fonds die Möglichkeit gegeben, mit zusätzlichen Beiträgen zur Rentenversicherung bei einem früheren Rentenzugang die Abschläge zu reduzieren, oder Zuschläge zur Rente zu erwerben und so den Schutz im Alter oder bei Erwerbsminderung zu erhöhen. Wir wollen alle Möglichkeiten nutzen, um die Arbeitswelt so zu verändern, dass alle Beschäftigten möglichst lange gesund am Arbeitsleben teilhaben können. Deutlich leistungsgeminderte Arbeitslose über 60 Jahre erhalten einen Anspruch auf eine geförderte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. (S. 49f.)

CDU/CSU

Wir werden einen umfassenden Bericht über Wiedereinsteigerprogramme für Berufsrückkehrer – vor allem Mütter und Väter nach einer Familienphase – ins Arbeitsleben vorlegen, gezielte Weiterbildungskonzepte entwickeln und anbieten und die Tarifpartner ermutigen, mit neuen flexiblen Arbeitszeitmodellen den Übergang ins Berufsleben zu erleichtern. (S. 42)

Wir wollen mehr Flexibilität zur Berücksichtigung familiärer und betrieblicher Erfordernisse. Deshalb werden wir – ohne Ausweitung des Gesamtanspruchs – den Anspruch der Eltern auf Freistellung bei Krankheit der Kinder um einen Anspruch der Großeltern bei Krankheit ihrer Enkel ergänzen. (S. 42)

Wir werden die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Gefragt sind familiengerechte Arbeitsplätze und nicht arbeitsplatzgerechte Familien. Dazu gibt es viele Wege: Familienbedingte Teilzeit, abgestufte Teilzeit nach Erziehungsfreistellung, Kinder-Bonuszeit, Zeitkonten, Telearbeitsplätze, Familienphasen für Mütter und Väter für die Betreuung der Kinder, aber auch von Pflegebedürftigen. Die bisher dominierende starre Ausrichtung der Arbeitswelt auf Vollzeitstrukturen lässt zu wenig Raum, die berufliche Entwicklung mit einer Familienphase zu verbinden. Wir wollen Anreize geben, mit regelmäßigen und umfassenden Audit-Verfahren (selbst gewählte Prüfungsverfahren) die Entwicklung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen voranzubringen. Dabei muss der Öffentliche Dienst beispielgebend vorangehen. (S. 44)

Die Grünen

[Wir wollen] gute Arbeit schaffen, also Arbeit, die nicht krank macht, den Menschen Zufriedenheit gibt, die sie anspornt, die ihnen Raum lässt für Familie und Privatleben oder Weiterbildung und freiwilliges Engagement und sie angemessen entlohnt. Das umfasst viele Maßnahmen: mehr Weiterbildung im Beruf, flexible Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel durch die Einführung von Lebensarbeitszeitkonten, Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf oder Beteiligungen am Unternehmensgewinn. Darüber hinaus müssen sich Berufstätige für die Organisation der familiären Pflege zeitlich begrenzt frei nehmen können. Dazu gehört auch, dass Frauen für gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn erhalten wie Männer. (S. 38)

Die Lebensrealität älterer Menschen, aber auch die Realitäten des Arbeitsmarktes haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt und werden dies auch weiter tun. Viele Menschen können und wollen auch im Alter tätig sein. In den Betrieben muss sich die Kultur der Altersarbeit in Deutschland noch entscheidend verändern. Derzeit herrscht auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch immer der Jugendwahn. Jedes zweite Unternehmen beschäftigt keine Über-50-Jährigen. Berufliche Berufliche Weiterbildung, altersgerechte Arbeitsplätze und Gesundheitsförderung sind das Gebot der Stunde, werden aber in den wenigsten Unternehmen umgesetzt. Eine längere Lebensarbeitszeit ist nur dann zu vertreten, wenn es für die älteren Menschen auch die Chance gibt, zu arbeiten […] Wir benötigen aber flexible Übergangsmöglichkeiten in den Ruhestand. Es macht einen Unterschied, ob jemand lange Zeit auf dem Bau oder an der Universität gearbeitet hat. Wir wollen die Altersgrenze für eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente wieder auf 63 Jahre senken. Auch sollte ein Bezug von Teilrente bereits ab dem 60. Lebensjahr möglich sein. Das macht es für ältere Beschäftigte leichter, bis zur Regelaltersgrenze weniger Stunden zu arbeiten und mit der verbleibenden Arbeitszeit weiterhin Rentenanwartschaften aufzubauen. Wir wollen in einem ersten Schritt die Garantierente einführen. (S. 95f.)

FDP

Um die Beschäftigung Älterer zu fördern, sollen alle Barrieren für Arbeit im Alter beseitigt werden. Daher fordert die FDP, alle Zuverdienstgrenzen neben dem Rentenbezug aufzuheben. Für den Zuverdienst entfällt der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Das erhöht den Anreiz für Arbeitgeber, ältere Beschäftigte einzustellen, und für Arbeitnehmer, auch noch im Alter eine Beschäftigung aufzunehmen. Die Versicherten können so ab dem 60. Lebensjahr ihre Arbeitszeit reduzieren und den Verdienstausfall durch Bezug einer Teilrente kompensieren. (S. 17)

Die FDP fordert einen bedarfsgerechten Ausbau qualitativ hochwertiger Betreuungsangebote für Kinder ab dem ersten Lebensjahr und die Schaffung von flexiblen Arbeitszeitmodellen. Damit können die Beschäftigungsfähigkeit und der schnelle Wiedereinstieg ins Berufsleben für junge Eltern sichergestellt werden. Ähnliche Problemstellungen sind auch bei der Pflege von Angehörigen zu lösen. Auch hier tragen in der Regel Frauen die Hauptlast. (S. 36)

Die Linke

• Arbeitszeitmodelle fördern, mit denen die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Familienarbeit und individueller Lebensgestaltung verbessert wird (mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten statt angeordneter Flexibilität, Arbeitszeitkonten, Sabbatjahr, Heimarbeit als Option); (S. 9)

• für ältere Beschäftigte durch Weiterbildung, gesundheitliche Prävention und altersgerechte Arbeitsbedingungen bessere Möglichkeiten schaffen, bis zum Eintritt in die Rente versicherungspflichtig tätig zu sein (S. 9)

• die Förderung der Alters-Teilzeit durch die Bundesagentur für Arbeit fortsetzen und einen erleichterten und abschlagsfreien Zugang zu Erwerbsminderungsrenten eröffnen; (S. 23)

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Altern in Deutschland

  • Angesichts des demographischen und des wirtschaftlichen Wandels sowie des individuellen Potentials im Alter ist die streng abgegrenzte Aufeinanderfolge von Bildung – Arbeit – Ruhestand ein zukunfts- und entwicklungsfeindliches Modell. Eine stärkere zeitliche Überlappung dieser drei Bereiche gilt es zu unterstützen.
  • Tarifvereinbarungen eignen sich gut, um die Rahmenbedingungen nachhaltiger Personalentwicklung zu definieren. Wie es in bestimmten Branchen schon der Fall ist, könnten sie die Bedingungen der Arbeitsorganisation, Gesundheitsvorsorge und Qualifizierung festlegen.
  • Langsames Auspendeln und gleitende Übergänge in den Ruhestand sollten statt abrupter Ausstiege die Norm werden. Auch Wiedereinstieg in Erwerbstätigkeit aus der Rente sollte möglich sein. Dazu könnten Teilzeitarbeitseinkommen mit Teilrenten verknüpft werden.
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