Alte im Ehrenamt: soziales Engagement oder Ersatz für Erwerbstätigkeit?

Pressemitteilung 05. Mai 2009

 

Berlin, 5. Mai 2009. Die steigende Lebenserwartung und Zahl gesunder Jahre bringen mehr alte Menschen in die Ehrenämter. Ehrenamt darf kein Ersatz für Erwerbstätigkeit der jungen und gesunden Alten sein. Es sollte durch Qualifizierung vorbereitet sein, sonst kostet es den Einzelnen und die Gesellschaft mehr als es bringt. Es setzt zudem nicht nur materielle Sicherung, sondern auch eine Fähigkeit zur Organisation voraus.

In Deutschland engagieren sich an die 40% der 60-69-Jährigen (2004). Der Vergleich mit USA, Niederlande, Schweden zeigt: hier ist noch Luft nach oben. „Die zunehmende Zahl älterer Menschen stellt für die Zivilgesellschaft eine große und wachsende Ressource dar, die noch stärker gefordert und gefördert werden kann“, sagt Professor Jürgen Kocka, Historiker und Sprecher der Akademiengruppe Altern in Deutschland, die das freiwillige Engagement der Alten als Ausdruck der Generationenbeziehungen untersucht hat.
Verbesserte Gesundheit in einem längeren Leben, länger anhaltende und trainierbare Leistungsfähigkeit Älterer, ein gewandeltes Verständnis von der Rolle alter Menschen sind die Gründe dafür, dass mehr und mehr alte Menschen gesellschaftliches Engagement dem rein im Privaten verbrachten Ruhestand vorziehen. Viele alte Menschen würden aber nach dem gesetzlichen Renteneintrittsalter auch gern einer entlohnten Tätigkeit nachgehen, sofern sich die Gelegenheit böte. Auch Unternehmen und die Volkswirtschaft sind auf die Expertise und das Können älterer Menschen angewiesen. „Das Ehrenamt kann weder individuell noch gesellschaftlich betrachtet diese Nachfrage nach bezahlter Arbeit auffangen. Es setzt ein falsches Signal, wenn man ältere Menschen in erster Linie auf das Ehrenamt orientieren will. Wir brauchen die noch gesunden und jüngeren Alten vor allem als Erwerbstätige“, sagt der Ökonom Professor Axel Börsch-Supan, Mitglied der Akademiengruppe.
Das Ehrenamt wird von alten Menschen nicht in erster Linie ausgeübt, um die freie Zeit zu füllen, sondern um für Leistungen gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten, gesellschaftliche Probleme anzugehen und sich individuell weiterzuentwickeln. Sportplatz, Kirche, Kegelbrüder, die traditionellen Gemeinschaftsformen im Ehrenamt, verlieren an Popularität. Die „neuen Alten“ sind individualistischer, spontaner und weniger bindungsbereit. Das Ehrenamt drückt schließlich Solidarität zwischen den Generationen aus, die Alten engagieren sich in Familie und Gesellschaft für die Jüngeren. Der Kampf der Generationen fällt somit aus.
Will die Gesellschaft das freiwillige Engagement der Alten nutzen, so muss sie für eine ausreichende Qualifizierung und professionelle Grundlagen sorgen. Pflegedienste und andere häusliche Dienstleistungen sind ein Beispiel dafür, dass unprofessionelle Bewältigung von Aufgaben die Freiwilligen überlastet und den Betroffenen die angemessene Qualität der Versorgung verwehrt.
Dabei sind in der Unterstützungsbilanz zwischen den Generationen die Älteren vor allem die Gebenden und die Jüngeren vorwiegend die Nehmenden. Damit das so bleibt, müssen in der alternden Gesellschaft flexible Modelle für die Kombination von Erwerbstätigkeit und Ehrenamt, von freiwilliger Unterstützung und professionellen Diensten gefunden werden. Dem entspricht auch der Trend, dass neue Formen des Engagements die traditionellen ergänzen, z.B. dass der Zeiteinsatz individuell gestaltet werden kann.
Mit diesem Thema des zivilgesellschaftlichen Engagements hat sich die Akademiengruppe Altern in Deutschland in ihren Untersuchungen zum demographischen Wandel beschäftigt. Um die Chancen und Probleme einer alternden Gesellschaft auszuloten, konzentrierten sich ihre Arbeiten auf die Welt der Arbeit und des lebenslangen Lernens. Das gemeinsame Projekt der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) wurde von der in Zürich ansässigen Jacobs-Stiftung drei Jahre lang (2006 - 2008) finanziell gefördert. Sprecher der Akademiengruppe war der Sozialhistoriker Prof. Dr. Jürgen Kocka, ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die Alternsforscherin und Psychologin Prof. Dr. Ursula M. Staudinger seine Stellvertreterin.

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