Buchrezension: Altern und Technik

Altern und Technik Buchcover Nova Acta Leopoldina N. F. Bd. 104, Nr. 368 (2011)
Altern in Deutschland Band 6
Altern und Technik
Herausgegeben von Ulman LINDENBERGER, Jürgen NEHMER, Elisabeth STEINHAGEN-THIESSEN, Julia DELIUS und Michael SCHELLENBACH
(2011, ISBN: 978-3-8047-2547-8)
Ihre Aufgabe ist es, Chancen und Probleme einer alternden Gesellschaft zu untersuchen. Der Fokus richtet sich auf die Welt der Arbeit und des lebenslangen Lernens. Sprecher der Akademiengruppe ist Prof. Dr. Jürgen Kocka, ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

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Altern und Technik – auf den ersten Blick scheint das Wortpaar nicht gut zusammenzupassen. Noch immer gilt das Vorurteil, dass ältere Menschen an moderne Technik nur schwerlich heranzuführen sind. Und meist wird Technik im Zusammenhang mit Alter als reine Technik der Not verstanden: Zur medizinischen Versorgung bei Krankheit oder zur Unterstützung grundlegender Funktionen wie Hören und Sehen. Doch die Autoren zeigen in zehn Beiträgen auf 174 Seiten, dass Technik angesichts des demografischen Wandels viel mehr sein kann: Eine echte „Freundin des Alterns“, wie es Professor Ulman Lindenberger im ersten Kapitel „Psychologische Kriterien für erfolgreiche Alterstechnologie“ formuliert. Er und seine Kollegen beschreiben in diesem Kapitel, wie technische Geräte grundlegend funktionieren müssten, die das Älterwerden sinnvoll begleiten und den Menschen zugleich helfen, länger selbstständig und selbstbestimmt zu leben.

senior mit mobiltelefonDrei Kriterien sind dabei nach den Erkenntnissen der Autoren besonders wichtig: Technische Hilfsmittel für Ältere, wie zum Beispiel ein Navigationssystem für Fußgänger, werden in der Alltagspraxis nur genutzt werden, wenn der Aufwand, um die Technik zu verstehen, geringer ist als ihr Nutzen. Geräte, für die man erst vielseitige Handbücher lesen muss, um sie zu verstehen, sind also wenig zukunftsträchtig. Eine Anleitung für alle würde aber sowieso nicht funktionieren, wissen die Wissenschaftler. Denn mit dem Alter nehmen auch die individuellen Unterschiede der Menschen zu. Erfolgversprechende Technologie stellt sich deshalb selbstlernend auf den Nutzer ein – das Gerät kann nach einer Weile genau das, was der Klient braucht. Zum Dritten dürfe Technologie nicht dazu führen, dass ältere Menschen Kompetenzen verlernen, weil sie ihnen abgenommen werden, wissen die Autoren. Vielmehr müsse die Technik eine „Kombination von Unterstützung und Anregung“ bieten. Im Idealfall unterstützt sie Ältere dort, wo sie wirklich Unterstützung brauchen und regt sie zugleich zum Lernen und selbstständigen Handeln an, wo das gut möglich ist. Auf diese Weise könnten innovative technische Geräte dafür sorgen, dass Menschen sehr viel länger als heute selbstständig in ihren Wohnungen leben und ihr Leben aktiv gestalten können. Wie das in der Praxis aussehen könnte, lesen Sie hier:

Frau Müller, eine 90-jährige Witwe, […] erhält zu ihrem Geburtstag von einem ihrer Enkel ein elektronisches Gerät. Es sieht aus wie ein zu groß geratenes Mobiltelefon, und es funktioniert auch wie ein Mobiltelefon. Frau Müller hat schon seit Jahren Mobiltelefone benutzt, und die Umstellung auf das neue Gerät bereitet ihr keine Schwierigkeiten. Als Mobiltelefon nimmt sie es immer mit, wenn sie ihre Wohnung verlässt. Das Gerät besitzt zusätzliche Funktionen und Ausstattungsmerkmale. […] Es verfügt über eine GPS-Funktion und kann im Freien gut geortet werden. Außerdem besitzt es einen Bewegungssensor, eine Funkschnittstelle und die Fähigkeit zum maschinellen Lernen. Wenn Frau Müller zu Hause ist, nimmt das Gerät Kontakt zu ihrem Festnetztelefon auf und registriert die Anrufe.
Anfänglich nutzt Frau Müller das Gerät nur als Mobiltelefon. Das Gerät erlernt im Laufe der Zeit die wiederkehrenden Muster im Alltag von Frau Müller. So entdeckt es, (a) dass Frau Müller ungefähr alle zwei Tage am Nachmittag ihre jüngere Tochter anruft; (b) dass sie die ältere Tochter täglich am frühen Morgen anruft; (c) dass sie einmal in der Woche, zumeist am Sonntag, das Grab ihres verstorbenen Mannes besucht; (d) dass sie jeden Samstag zum Friseur geht; (e) dass sie morgens spätestens um 9 Uhr das Gerät bewegt.
Ab dem 94. Lebensjahr treten bei Frau Müller kognitive Leistungseinbußen auf, die ihr im alltäglichen Leben Probleme bereiten. So vergisst sie öfter, was sie gerade vorhatte, und lässt sich leichter ablenken. Ihr Zeitgefühl und ihr räumliches Orientierungsvermögen lassen ebenfalls nach. Das Gerät übernimmt nun allmählich Hinweisfunktionen. „Tochter Anna anrufen!“ oder „Wie wäre es damit, zum Friseur zu gehen?“ – zunächst ist Frau Müller etwas irritiert, als ihr Handy beginnt, ihr solche Fragen zu stellen. Mit der Zeit gewöhnt sie sich jedoch an diese Hinweise und empfindet sie sogar als angenehm und entlastend, zumal sie bemerkt, wie sehr sie ihre Töchter mit ihrer Alltagskompetenz und Unabhängigkeit beeindrucken kann. Das Gerät bemerkt auch Veränderungen im Alltag von Frau Müller. Zum Beispiel besucht Frau Müller das Grab ihres verstorbenen Mannes nur noch alle zwei Wochen statt wöchentlich. Dabei nutzt sie mittlerweile den Navigationsassistenten, der die von ihrer Wohnung zum Friedhof führt. […]
Frau Müller hat sich auch angewöhnt, die Einkaufsfunktion des Geräts zu nutzen. Bevor sie das Haus verlässt, setzt sie sich an den Küchentisch und liest dem Gerät die Einkaufsliste vor. Die Läden der Kleinstadt sind mittlerweile mit einem Funknetz ausgestattet, und dem Gerät ist bekannt, welche Läden Frau Müller oft besucht. Das Gerät gleicht die Einkaufsliste mit dem Angebot der Läden ab und schlägt Frau Müller einen Einkaufsweg vor. […] Beim Bezahlen werden die Dinge, die sie kaufen wollte, durch ein Funksignal der Kasse als erledigt gekennzeichnet und von der Liste genommen.
Eines Morgens geht es Frau Müller nicht gut, und sie ist nicht imstande, ihr Bett zu verlassen. Das Gerät fängt an zu klingeln, weil es bereits 9:15 Uhr ist und es noch nicht bewegt wurde. Frau Müller kann es jedoch nicht erreichen. Um 9:30 Uhr alarmiert das Gerät den ärztlichen Notfalldienst, und ein Krankenwagen fährt Frau Müller rechtzeitig zur medizinischen Behandlung ins Krankenhaus.
Alle in diesem Gerät verwendeten technischen Komponenten sind bekannt und erprobt (Krüger et al. 2004, Baus et al. 2005, Stahl et al. 2005). Das komplette Gerät gibt es aber unseres Wissens derzeit noch nicht.


Im Anschluss an diese eher grundsätzlichen Überlegungen stellen die Wissenschaftler eine Reihe innovativer Projekte und technische Innovationen vor, die in Zukunft immens an Bedeutung gewinnen könnten: Internetbasierte Trainingsprogramme oder Navigationssysteme für Fußgänger seien hier als Beispiele genannt.

Im zweiten Kapitel „Prävention und Rehabilitation von Krankheit im Alter“ werden weitere Technologien vorgestellt, die Menschen in ihrem Alltagsleben und Gesundheitsfragen unterstützen. Zum Beispiel, indem sie die Rehabilitation nach einer Erkrankung über Internet und Telekommunikation begleiten. Oder auch, indem spezielle Geräte zum Alltagsbegleiter werden, die Klienten beispielsweise akustisch daran erinnern, Medikamente einzunehmen oder, falls die Person auf die Ansprache nicht reagiert, automatisch Angehörige oder den Notarzt benachrichtigen.

Das dritte Kapitel „Altern in 20 Jahren“ wagt einen Blick in die Zukunft der technologischen Möglichkeiten.

Im vierten und letzten Kapitel „Beispiele aus der Wirtschaft und Industrie“ werden zwei aktuelle Innovationen aus Forschungsprojekten vorgestellt, die bereits zeigen, welche technischen Neuheiten zur Unterstützung älterer Menschen konkret denkbar sind: Mithilfe einer neuen Biosensortechnologie könnten beispielsweise körperliche Befindlichkeiten objektiviert gemessen werden – und der Klient entsprechend gewarnt bzw. informiert werden. Intelligente Geräte im Bereich Mobilität, zum Beispiel in Form eines Rollstuhls oder Rollators, die derzeit entwickelt werden, könnten Defizite im Bereich der körperlichen und kognitiven Fähigkeiten ihrer Nutzer ausgleichen – individuell und unauffällig.

Technik wird für jede neue Generation der Älteren eine größere Rolle spielen. Darin sind sich die Wissenschaftler einig. Und es wird vermutlich mehr und mehr normal werden, kleine und größere Geräte zu nutzen, um seinen Alltag angenehmer oder sicherer zu machen. Gut denkbar, dass gerade die kleinen, lernenden Computer sogar zum Statussymbol avancieren. Wär hätte nicht gerne ein intelligentes Mobiltelefon, das sich selbstlernend immer mehr Fähigkeiten und Informationen aneignet, die seinem Nutzer nützlich sein könnten.