Gewonnene Jahre
Neues angehen in Beruf, Ehrenamt und persönlicher Entwicklung
Arbeit und Lernen müssen zu einem selbstverständlichen, kontinuierlichen Bestandteil eines erfüllten längeren Lebens werden. Fort- und Weiterbildung, beruflich wie allgemein, erweitern Leistungsfähigkeit und Handlungsoptionen, die im Alter prinzipiell offen stehen. Gegenwärtig sind wir jedoch noch weit von einer Gesellschaft lebenslangen Lernens entfernt. Was muss getan werden, um die demographische Alterung aufzufangen und individuelle Entwicklungschancen zu fördern?
Veraltete Vorstellungen revidieren.
Es gelte, so Ursula M. Staudinger, Alternsforscherin und stellvertretende Sprecherin der Akademiengruppe, veraltete Vorstellungen über die Gliederung und Strukturierung des Lebensverlaufs über Bord zu werfen. »Eine Gesellschaft des längeren Lebens erfordert auch ein längeres Arbeits- und Bildungsleben. Arbeit und Lernen müssen zu einem selbstverständlichen, kontinuierlichen Bestandteil eines erfüllten längeren Lebens werden«, so die Psychologin zu einem wesentlichen Bereich der Empfehlungen.
Länger und erfüllt leben.
Nur wer die Ausbildungsphase vor dem Eintritt ins Berufsleben immer wieder durch Bildungsphasen während seines gesamten Berufslebens ergänzt, kann die eigene Entwicklung im Verlauf eines abwechslungsreichen Berufslebens befördern und sich auch in einer sich ständig verändernden Arbeitswelt behaupten. Statt »fünf Tage im Jahr« sollten »fünf Jahre im Leben« zum Richtwert bei der Gestaltung individueller Weiterbildungsbiografien werden. Denn ein Zusammenhang ist wissenschaftlich erwiesen: Wer lernt, lebt länger.
Mehr in Fortbildung investieren.
Die Unternehmen müssen mehr in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter investieren. »Weiterbildung muss zum normalen Bestandteil der Erwerbsarbeit werden«, sagt Staudinger, »und die Mitarbeiter müssen diese Weiterbildung etwa mit Hilfe einer Zertifizierung nachweisen können.« Dazu bedarf es eines Finanzierungsmodells, das den Einzelnen genauso in die Pflicht nimmt wie den Arbeitgeber und auch den Staat, etwa über »Bildungskredite« und bestehende »Rentenanwartschaften«. Hinzukommen müssen auch Möglichkeiten, rechtzeitig aus körperlich stark belastenden oder geistig erschöpfenden Tätigkeiten in andere umzusteigen, neue Karrieren nach Weiterbildung in anderen Berufsfeldern zu starten. Die Verbindung von Lernen und Tätigkeitswechsel eröffnet ein ganz neues Aufgabengebiet für Arbeitsschutz und Berufsgenossenschaften: Weiterbildung sollte auch so geplant werden, dass mit einem rechtzeitigen Wechsel Berufskrankheiten vermieden werden.
Einheit von Gesundheit und Bildung sichern.
Gesundheit ist eine unverzichtbare Bedingung, und neben Berufskrankheiten muss die allgemeine Prävention in den Betrieb integriert werden. Das betrifft Risikofaktoren chronischer Krankheiten, wie Rauchen, Alkohol, hoher Blutdruck, hohes Cholesterin, ungesunde Ernährung, Übergewicht, mangelnde körperliche Aktivität. Die Prävention sollte nicht nur in den Betriebsalltag integriert werden, sondern auch Bestandteil des Fortbildungswissens werden.
Lernfähigkeit ist eben keine Frage des Alters – und die Weiterbildung der Mitarbeiter eine zentrale Voraussetzung zur nachhaltigen Nutzung von Arbeitskraft. Bislang wird dieser Erkenntniszusammenhang noch zu selten in die Tat umgesetzt– gesetzgeberische Anreize für neue berufliche Chancen für ältere Arbeitnehmer könnten die Situation verbessern.
Neues außerhalb des Erwerbslebens vorbereiten.
Regelmäßige und gezielte geistige und körperliche Aktivität, neue Herausforderungen und soziale Kontakte beeinflussen das Altern und die Gesundheit positiv. Wer nicht mehr im Erwerbsleben steht, sollte eine neue Aufgabe frühzeitig vorbereiten – die Einengung auf die Anforderungen der beruflichen Tätigkeit vermeiden und sich zeitlebens als werdendes, lernendes Wesen verstehen.
Initiative Neue Qualität der Arbeit zum demographischen Wandel
Wuppertaler Kreis Tagung „Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit sichern - Chancen nachhaltiger Personalarbeit in Krisenzeiten“, 25. Juni 2009 Berlin
Deutsches Weiterbildungsforum 2009, 30. Juni 2009 Bonn
Ursula M. STAUDINGER und Heike HEIDEMEIER (Hg.):
Altern, Bildung und lebenslanges Lernen. Altern in Deutschland Band 2.
Nova Acta Leopoldina N. F. Bd. 100, Nr. 364 (2009)
