Legenden über Lern- und Leistungsfähigkeit im Alter
„Alte Menschen können nichts Neues mehr lernen.“
Falsch. So lange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues lernen. Lernen und Veränderung hängen aber auch von den Ressourcen und den Anreizen ab, die einer Person zur Verfügung stehen. Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können. Die Bereitschaft im Erwachsenenalter zu lernen ist vor allem auch abhängig von der Vorbildung.
„Alte Menschen wollen mit moderner Technik nichts zu tun haben.“
Falsch. Auch sehr alte Menschen nutzen Technik gerne, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele ältere Menschen können dank technischer Unterstützung ihren eigenen Haushalt führen und sich in ihrem außerhäuslichen Umfeld besser zurechtfinden. Technik kann die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen und Einschränkungen vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und abschwächen, indem sie Fähigkeiten trainiert, Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen überwacht. Sie kann die Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer erlernen und bei Bedarf unterstützen. Außerdem ist sie ein Tor zur Welt auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen – immer mehr ältere Erwachsene nutzen das Internet.
„Ältere Beschäftigte sind weniger produktiv.“
Falsch (in dieser allgemeinen Formulierung). Ältere und jüngere Beschäftigte unterscheiden sich in ihren Stärken und Schwächen. Ältere Beschäftigte mögen körperlich weniger kräftig und weniger reaktionsschnell sein, dafür haben sie im Allgemeinen mehr Erfahrung, soziale Fertigkeiten und Alltagskompetenz. Produktivität hängt davon ab, wie diese Fähigkeiten für die jeweilige Tätigkeit gewichtet sind und wie sie zum jeweiligen Arbeitsplatz passen. In Betrieben, in denen die Wertschöpfung präzise gemessen werden kann, zeigt sich, dass Arbeitsteilung und -organisation altersspezifische Vor- und Nachteile bis zur gegenwärtigen Altersgrenze in etwa ausgleichen. Im Übrigen nehmen auch die Krankheitstage nicht zu, wie ein weiteres gängiges Vorurteil lautet. Ältere Arbeitnehmer fehlen zwar länger, wenn sie einmal krank sind, werden aber seltener krank als Jüngere. Jüngere und Ältere unterscheiden sich auch nicht darin, wie häufig sie Verbesserungen und Innovationen im Betrieb vorschlagen.
„An den demographischen Wandel muss sich unsere Gesellschaft durch Seniorenpolitik anpassen.“
Falsch. Politik für Alte muss sich auf den ganzen Lebenslauf richten. Denken wir vom Alter her, müssen wir das Gesamtsystem verändern – zum Wohle aller. Versuchen wir zum Beispiel nicht die frühen Bildungsprozesse zu optimieren, rächt sich das ein Leben lang, bis ins hohe Alter hinein. Kümmern wir uns nicht um die Optimierung des Humanvermögens und damit der Produktivität, so fehlen die Ressourcen zur Finanzierung von Gesundheitsleistungen und Renten im Alter. Verbessert man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, erhöht sich die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt und damit die Produktivität, die wiederum wichtige Ressourcen für das Alter zur Verfügung stellt.
