Legenden über Gesundheit und Fitness im Alter
1. Steigende Lebenserwartung: Mehr Krankheit und Pflege?
2. Medizinische Versorgung: Können Prävention und Rehabilitation im Alter nichts mehr bewirken?
3. Altersgrenzen: Sind kalendarische Altersangaben aussagekräftig, was Leistungsfähigkeit und Gesundheit eines
älteren Menschen angeht?
4. Pflege und Unterstützung: Fallen alte Menschen ihren Angehörigen zwangsläufig zur Last?
5. Lernfähigkeit: Können alte Menschen noch Neues lernen?
6. Technische Hilfesysteme: Wollen alte Menschen mit moderner Technik nichts zu tun haben?
7. Gesundheitspolitik: Müssen wir uns an den demographischen Wandel durch Seniorenpolitik anpassen?
1. Steigende Lebenserwartung: mehr Krankheit und Pflege?
Nein. Gesundheitliche Einschränkungen und chronische Behinderungen im Alter haben sowohl bei Männern als auch bei Frauen im Vergleich zu früheren Jahren abgenommen. Die durchschnittliche gesunde Lebenszeit jenseits des 65. Lebensjahres ist allein in der Dekade der 1990er um zweieinhalb bzw. eineinhalb Jahre gestiegen (Männer/Frauen). Schlaganfall und Herzinfarkt werden dank des medizinischen Fortschritts heute öfter überlebt. Beeinträchtigungen durch diese Erkrankungen werden seltener, und sie können mit modernen technischen und medizinischen Hilfsmitteln heute besser ertragen werden. Die Lebensqualität ist trotz chronischer Krankheit und/oder Behinderung besser als früher. Insgesamt hat das Risiko, pflegebedürftig zu werden, in Deutschland in den letzten Jahren abgenommen.
2. Medizinische Versorgung: Können Prävention und Rehabilitation im Alter nichts mehr bewirken?
Falsch. Prävention und Rehabilitation sind in allen Lebensphasen, aber gerade auch im Alter unerlässlich und effektiv. Alte Menschen profitieren enorm von gezielter und früh einsetzender Rehabilitation, etwa nach einem Schlaganfall, Herzinfarkt oder Sturz. Behinderung und Pflegebedürftigkeit können dadurch oft verhindert werden. Gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, Nichtrauchen und Schutz vor Passivrauchen sind die Grundpfeiler von Gesundheitsförderung und Prävention. Deshalb sollte auf individueller und staatlicher Ebene alles getan werden, um besseres Ernährungsverhalten, mehr körperliche Aktivität und weniger Zigarettenkonsum in der Bevölkerung zu erreichen. Die individuelle Leistungsfähigkeit ist keine statische Eigenschaft, sie kann und muss durch Aktivität und Lebensweise erhalten oder immer wieder hergestellt werden.
3. Altersgrenzen: Sind kalendarische Altersangaben aussagekräftig, was Leistungsfähigkeit und Gesundheit eines älteren Menschen angeht?
Nein. Im Alter sind die Unterschiede zwischen Menschen gleichen Alters so groß, dass ein 70-Jähriger geistig ebenso leistungsfähig sein kann wie ein 50-Jähriger – aber ebenso ein 70-Jähriger aussehen und sich fühlen kann wie ein 90-Jähriger. Altersgrenzen werden heute mehr und mehr fragwürdig: Sie ignorieren, dass immer mehr Menschen in immer höherem Alter zu einem aktiven und selbstbestimmten Leben fähig sind.
4. Pflege und Unterstützung: Fallen alte Menschen ihren Angehörigen zwangsläufig zur Last?
Nein. Insgesamt unterstützen alte Menschen ihre Angehörigen in der Regel mehr, als sie von ihnen unterstützt werden. Das geschieht finanziell, aber auch durch praktische Hilfe, z.B. durch Mithilfe im Haushalt und durch Betreuung der Enkelkinder, wenn die Eltern abwesend sind. Wenn man die finanziellen Leistungen zwischen den Generationen in der Familie und den Geldwert solcher Arbeitsleistungen zusammenrechnet, so sind die Älteren bis zum 80. Lebensjahr die Gebenden, erst danach überwiegt das Nehmen. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass junge Erwachsene die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs und der Familiengründung besser meistern können. Darüber hinaus engagieren sich die Älteren auch in beträchtlichem Maße im ehrenamtlichen Bereich.
5. Lernfähigkeit: Können alte Menschen noch Neues lernen?
Solange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues lernen. Lernen und Veränderung hängen aber auch von den Ressourcen und den Anreizen ab, die einer Person zur Verfügung stehen. Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können.
6. Technische Hilfesysteme: Wollen alte Menschen mit moderner Technik nichts zu tun haben?
Falsch. Auch sehr alte Menschen nutzen Technik gerne, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele ältere Menschen können dank technischer Unterstützung ihren eigenen Haushalt führen und sich in ihrem außerhäuslichen Umfeld besser zurechtfinden. Technik kann die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen und Einschränkungen vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und abschwächen, indem sie Fähigkeiten trainiert, Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen überwacht. Sie kann die Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer erlernen und bei Bedarf unterstützen. Außerdem ist sie ein Tor zur Welt auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen – immer mehr ältere Erwachsene nutzen das Internet.
7. Gesundheitspolitik: Müssen wir uns an den demographischen Wandel durch Seniorenpolitik anpassen?
Nein. Politik für Alte muss sich auf den ganzen Lebenslauf richten. Denken wir vom Alter her, müssen wir das Gesamtsystem verändern – zum Wohle aller. Versuchen wir zum Beispiel nicht die frühen Bildungsprozesse zu optimieren, rächt sich das ein Leben lang, bis ins hohe Alter hinein. Kümmern wir uns nicht um die Optimierung des Humanvermögens und damit der Produktivität, so fehlen die Ressourcen zur Finanzierung von Gesundheitsleistungen und Renten im Alter. Verbessert man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, erhöht sich die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt und damit die Produktivität, die wiederum wichtige Ressourcen für das Alter zur Verfügung stellt.
