Die jungen Alten und die Zivilgesellschaft*
von Jürgen Kocka
Es gibt nicht nur Erwerbsarbeit und Ruhestand, nicht nur Markt und Staat, es gibt vielmehr etwas dazwischen, was seit anderthalb bis zwei Jahrzehnten vielerorts als Zivilgesellschaft (oder Bürgergesellschaft) diskutiert wird. Es handelt sich um die Welt der selbst organisierten Initiativen, Bewegungen, Netzwerke und Organisationen, der Vereine und Selbsthilfegruppen, der Nachbarschaftsinitiativen und der NGOs zwischen Staat und Markt. Es handelt sich um einen Tätigkeitstypus, der weder der Logik des Marktes noch den Gesetzmäßigkeiten staatlicher Verwaltung folgt, sondern eine eigene Logik besitzt, nämlich die Logik der Freiwilligkeit, der Selbstorganisation, der Anerkennung von Vielfalt und Differenz, der Ehrenamtlichkeit, des partikularen, aber gemeinsamen und verantwortlichen Einsatzes für allgemeinere Dinge, für das gemeine Wohl (so unterschiedlich dieses von den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren auch verstanden wird). Wenn man den Markt nicht für die Lösung aller Probleme, sondern auch für einen Ort der Entstehung neuer Probleme hält, und gleichzeitig zu erkennen meint, dass der Staat als nachsorgender oder vorsorgender Sozialstaat sich nicht nur übernehmen kann, sondern oft bereits an seine Grenzen gekommen ist, dann wird man das zivilgesellschaftliche Projekt in unserem Teil der Welt als die große Hoffnung des 21. Jahrhunderts ansehen (vgl. Kocka, 2004). Aber auch wer da anders urteilt und skeptischer ist, mag zivilgesellschaftliche Alternativen zu Markt und Staat – in unserem Fall: Alternativen zu marktbezogener Erwerbsarbeit und untätigem Ruhestand im Alter – für erwägenswert halten, um gesellschaftliche Probleme mit lösen zu helfen und zugleich dem „dritten Alter“ zusätzlichen Sinn und Einbindung zu geben. Das Spektrum der Betätigungsmöglichkeiten ist breit und erweiterbar. Es reicht von der Tätigkeit der „Leihomas“ und der Mithilfe bei vorschulischen Angeboten an Kinder mit Einwanderungshintergrund über das Engagement in einer politischen Partei und den Einsatz für Naturschutz oder Menschenrechte bis hin zur Betreuung von alten Alten durch junge Alte und zum Beistand beim Kampf gegen Einsamkeit.
Deutschland besitzt eine starke zivilgesellschaftliche Tradition. Die einschlägigen Untersuchungen zeigen, dass die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten in den letzten Jahren an Intensität und Verbreitung gewinnen. Gemessen an Häufigkeit von Ehrenämtern, Mitgliedschaften in entsprechenden Organisationen und Mitarbeitsengagement der Bürger gehört Deutschland – mit den skandinavischen Ländern, Großbritannien, den Benelux-Ländern und Osterreich – zur europäischen Spitzengruppe. Aber die Zivilgesellschaftsfähigkeit ist im Lande ungleich verteilt: Mittelschichtangehörige engagieren sich stärker als Angehörige der Unterschicht, Gebildete mehr als Ungebildete, Erwerbstätige mehr als Erwerbslose sowie mittlere Jahrgänge stärker als Alte und Junge. Nach Angaben von 2004 waren hierzulande 38% der 14–59-Jährigen in Vereinen, Bewegungen, Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftshilfen mehr als peripher engagiert, aber nur 30 Prozent aller über 60-Jährigen (vgl. Gensicke, Picot & Geiss, 2005).
Blickt man genauer hin, dann sieht man, dass das traditionelle Ehrenamt in Vereinen und Verbänden für Ältere die häufigste Form des zivilgesellschaftlichen Engagements darstellt, und zwar vor allem bei Sportvereinen, geselligen Vereinigungen, kirchlichen bzw. religiösen Gruppen und wohltätigen Organisationen. Dagegen ist das Engagement der Älteren in Nachbarschafts- und Bürgerschaftsinitiativen, politischen Gruppierungen und im Bildungsbereich, aber auch in Seniorengenossenschaften und -selbsthilfegruppen relativ gering. Aber auch für Bereitschaft zur Übernahme von Ehrenämtern gilt: Sie ist bei den 45–54-Jährigen am höchsten (auch höher als bei jungen Erwachsenen); sie nimmt dann von Lebensjahrzehnt zu Lebensjahrzehnt ab, und zwar nicht ausschließlich aus gesundheitlichen Gründen (vgl. Künemund, 2006).
Jedoch haben das bürgerschaftliche Engagement und erst recht die Engagementbereitschaft der Ältern und Alten im letzten Jahrzehnt erheblich zugenommen, und zwar in stärkerem Maß als dies bei den jüngeren Jahrgängen der Fall war. Das gilt besonders für die Altersgruppe der 60–70-Jährigen. Ältere über 60 bekunden überdies unter allen Altersgruppen das stärkste politisch-öffentliche Interesse. Parteien, die bekanntlich am Mangel jüngerer Mitglieder leiden, finden am ehesten 65–75-Jährige zur Übernahme von Ehrenämtern bereit. In Organisationen, die sich für humanitäre Hilfe, Menschenrechte und Minderheiten einsetzen, sind die über 75-Jährigen unter den Ehrenamtlichen stärker vertreten als jedes andere Altersjahrzehnt! (vgl. Gensicke, 2006). Vieles scheint in Bewegung in diesem vielgestaltigen, ausbaufähigen Bereich der zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, in diesem sozialen Raum zwischen Staat, Markt und Privatsphäre.
Gerade weil sich die Erwerbsarbeitswelt aus angebbaren Gründen gegen ihre Auflockerung sträubt, und gerade für die Lebensphase nach der vollen Erwerbsarbeit, bietet das Engagement in Vereinen, Initiativen und selbstorganisierten Einrichtungen Chancen zur sinnvollen Betätigung, zur Kompetenzerhaltung und -entwicklung, zur Selbstbestätigung, sozialen Anerkennung und Inklusion für die Älteren und Alten, beliebig dosierbar und abschichtbar, je nach Grad und Art des Alterns, das ja viele Gesichter hat. Bisweilen ergeben sich so Kontakte mit den Angehörigen anderer Altersgruppen.
Umgekehrt scheint mir eine moderne Gesellschaft wie die deutsche auf Energiezufuhr in diesem Bereich zwischen Markt und Staat absolut angewiesen zu sein. Nie zuvor waren die 60–80-Jährigen so zahlreich, gesund, im Durchschnitt auch wohlhabend und relativ gebildet wie heute. Das ist ein – bei weitem nicht ausgeschöpftes – Potenzial, das der aus vielen Gründen wünschenswerten Stärkung und Dynamisierung der Zivilgesellschaft einen entscheidenden Impuls geben könnte.
Wie man dazu motivieren, wie man dies erleichtern kann, bliebe zu überlegen. Von großer Bedeutung ist, dass der Übergang von der Erwerbsarbeit in verschiedene Formen zivilgesellschaftlichen Engagements erleichtert wird. Dabei kann Altersteilzeit hilfreich sein. Eine wichtige Rolle spielen auch die Unternehmen, die das Engagement ihrer Mitarbeiter bereits vor dem Eintritt in den Ruhestand fördern können.
Unter den Schlagworten „secondment“ und „corporate volunteering“ gibt es zahlreiche gute Beispiele, in denen Unternehmen in diesem Sinn gesellschaftliche Verantwortung übernehmen (vgl. Barkholdt, 2006). Überhaupt ist wichtig, die Übergänge zu erleichtern. Man sollte es – auch gegen etablierte Interessen – erleichtern, im Ruhestand Nebenverdienste zu haben und auch Ehrenamtlichkeit mit kleinen Zusatzverdiensten verbinden. Neue Arten von Selbständigkeit müssten leichter entstehen können. Erwerbsarbeit und zivilgesellschaftliches Engagement treten häufig in ein und derselben Person auf, man sollte die qualitative Differenz zwischen beiden durch Tarife, Verordnungen und Verbote nicht allzu strikt ziehen. Im Grunde geht es um eine Erweiterung des Arbeitsbegriffs über die Erwerbsarbeit hinaus, auf die sich die einstmals umfassendere Vorstellung von Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert tendenziell eingeengt hat. Es geht um die Transformation der (Erwerbs-)Arbeitsgesellschaft in die Tätigkeitsgesellschaft.
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jürgen Kocka
Sprecher der Akademiengruppe Altern in Deutschland, Historiker am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und ehem. Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin gGmbH.
Jürgen Kocka's Webseite am WZB
Literatur
Barkholdt, C. (2006). Umgestaltung der Altersteilzeit: von einem Ausgliederungs- zu einem Eingliederungsinstrument. In Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hg.), Förderung der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer – Voraussetzungen und Möglichkeiten. Expertisen zum Fünften Altenbericht der Bundesregierung (Band 2). Münster.
Gensicke, T., Picot, S. & Geiss, S. (2005). Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. München.
Gensicke, T. (2006). Freiwilliges Engagement ¨alterer Menschen im Zeitvergleich 1999–2004. In T. Gensicke et al., Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004, 265–301. Wiesbaden.
Künemund, H. (2006). Tätigkeiten und Engagement im Ruhestand. In C. Tesch-Römer, H. Engstler & S. Wurm (Hg.), Altwerden in Deutschland. Sozialer Wandel und individuelle Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte, 289–323. Wiesbaden.
*aus: Jürgen Kocka (2008). Chancen und Herausforderungen einer alternden Gesellschaft. In: Ursula M. Staudinger und Heinz Häfner (Hrsg.), Was ist Alter(n)? Neue Antworten auf eine scheinbar einfache Frage Reihe: Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Nummer 18, (S. 217-236), Springer: Heidelberg.
