Alters - Arbeit: wie viel und wo?
von Gert G. Wagner
Trotz des verbreiteten Wunsches nach einem frühen Rentenbeginn überrascht es nicht, dass viele der jüngeren Ruheständler (nicht nur die 60- bis 65-Jährigen, auch ältere) gerne noch etwas erwerbstätig wären. Eine im Auftrag der “Akademiengruppe Altern“ durchgeführte Erhebung zeigt, dass rund 40 Prozent der durch Frühruhestandsregelungen freigesetzten 60- bis 65-Jährigen gerne noch arbeiten würden. Immerhin wären aber auch noch fast ein Fünftel der 70- bis 74-Jährigen und etwa zehn Prozent der 75- bis 80-Jährigen gern erwerbstätig. Es sind gerade die Qualifizierten, die gerne weiter aktiv werden. Ihnen werden aber nur einfache 400- Euro-Jobs oder Ehrenämter angeboten. Und es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem. Nur ein grundlegender Diskussionsprozess in allen Bereichen der Gesellschaft – also außerhalb einer reinen Alten-Politik – kann weiterhelfen.
Vielen macht der Ruhestand Spaß - aber manch einem fehlt das „gewisse Etwas“. Besonders deutlich kommt dies bei den Menschen zum Ausdruck, die gerne noch arbeiten würden. Zwar ist die Mehrheit der Befragten mit ihrem Ruhestand nicht unzufrieden - nur etwa jeder Fünfte antwortet, dass er sich unglücklicher fühlt als in der Lebensphase zwischen 50 und 60. Doch neben fehlender Arbeit gibt es bei den Senioren auch Kritik an den Lebensumständen. Ein knappes Drittel der Befragten findet, dass ihr Lebensumfeld eher nicht auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingerichtet ist. Aktiv ist die ältere Generation zwar in der freiwilligen Bürgerarbeit. Etwa die Hälfte der 60- bis 80-Jährigen gibt an, Mitglied in einer Gruppe, einem Verein, einer Nachbarschaftshilfe, einer Bürgerinitiative oder Ähnlichem zu sein. Und von den bisher nicht Engagierten kann sich immerhin jeder Vierte vorstellen, aktiv zu werden. Aber eigentlich will etwa ein Viertel der 60- bis 80-Jährigen noch etwas arbeiten.
Alterserwerbstätigkeit bringt mindestens zwei Probleme mit sich. Die meisten Älteren wollen nicht einfach ihren alten Job länger ausüben, sondern sie würden gerne etwas anders machen. Mehr Kreatives und keinesfalls in Vollzeit. Aber genau diese Jobs werden nicht angeboten. Es sind eher einfache Jobs, in denen es auf Zuverlässigkeit ankommt, etwa als Fahrer oder im Sicherheitsbereich. Diese Tätigkeiten sind aber für bildungsmäßig und berufliche qualifizierte Ältere unattraktiv. Ihnen bleibt nur das Ehrenamt. Das kann zwar Kreativität bieten, aber kein Zusatzeinkommen - und vor allem bietet es für die meisten bei weitem nicht so viel Anerkennung wie das vorher im Beruf der Fall war.
Eine einfache Lösung gibt es offenkundig nicht. Vielmehr zeigt das Problem, dass Alten-Politik – worauf die Akademiengruppe Altern grundsätzlich hinweist – nicht ausreicht, um es zu lösen. Was nötig wäre, ist ein breiter gesellschaftlicher Dialog über die begrenzte Bedeutung von ehrenamtlicher Bürgerarbeit. Sie wird in Sonntagsreden gerne als Lösung vieler sozialer Probleme gepriesen. Sie ist es aber nicht, da sie zum Beispiel im Pflegebereich nicht zuverlässig genug sein kann. Faktisch werden ehrenamtliche Tätigkeiten auch überwiegend von denjenigen Ruheständlern ausgeübt, die auch im mittleren Alter schon ehrenamtlich tätig waren.
Will man den Wunsch vieler älterer Menschen nach anerkannter Aktivität, der aufgrund der Entwicklung der Renten wahrscheinlich auch mehr und mehr durch einen Wunsch nach einem substantiellen Zusatzeinkommen ergänzt werden wird, erfüllen, dann muss ein spezieller Arbeitsmarkt für Ältere entwickelt werden. Es wird aber nicht ausreichen, dass Senioren-Firmen geschaffen werden, die zum Beispiel ältere Menschen bei ihren speziellen Problemen mit der Technik und der Bürokratie beraten. Solche Firmen wird es zwar zunehmend geben, aber wenn eine nennenswerte Zahl von „guten“ Arbeitsplätzen geschaffen werden soll, dann muss das auch in bestehenden Betrieben und Firmen geschehen. Hier ist zuallererst ein vernünftiger Dialog zwischen Unternehmensleitungen, Betriebsräten und Gewerkschaften gefordert. An diesem Dialog hat es aber in den letzten Jahren grundsätzlich gemangelt. Ohne ein Umdenken der Unternehmensleitungen und Unternehmerverbänden, die wieder stärker auf ihre Belegschaften und die Belegschaftsvertreter zugehen müssen, wird es auch bei der Alten-Erwerbstätigkeit keine Fortschritte geben.
Der Berliner Professor für Volkswirtschaftslehre Gert G. Wagner leitet die Langzeitstudie „Leben in Deutschland“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und er ist Max Planck Fellow am MPI für Bildungsforschung in Berlin.
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