Der demographische Wandel in Deutschland
Deutschland altert - und bleibt länger jung
Der Begriff des "Alten Europa", einst als politisches Schlagwort verwandt, bekommt seit einigen Jahren eine neue, ganz konkrete Bedeutung: Die Menschen in Europa werden immer älter. Zugleich sind in allen europäischen Industrienationen die Geburtenraten relativ niedrig. Die Bevölkerungszahl geht zurück und der Anteil alter Menschen steigt - auch und ganz besonders in Deutschland. International liegt Japan mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 82 Jahren vorn. Hierzulande lag die Lebenserwartung 2006 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 76,64 Jahren für einen neu geborenen Jungen und 82,08 Jahren für Mädchen. Die Menschen leben nicht nur länger, sie bleiben auch länger gesund. Und sportlich: Die 42 Kilometer des Berlin-Marathons zum Beispiel absolvierten 2007 95 über 70-jährige Teilnehmer. Der älteste von ihnen war 82.
Deutschland altert - aber nicht überall gleich schnell
Deutschland ist nicht überall gleich alt, und es altert auch nicht in allen Regionen gleich schnell. Im Zuge des demographischen Wandels werden sich Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands, die es jetzt schon gibt, weiter verstärken. In einigen Regionen wird die Bevölkerungsdichte stabil bleiben oder sogar wachsen, in anderen wird sich der Schrumpfungsprozess beschleunigen. Statistiken belegen diesen uneinheitlichen Trend. In den deutschen Landkreisen schwankt der Anteil der über 65-Jährigen zwischen 13 und 24 Prozent. Auch die Lebenserwartung der Menschen ist von Wohnort zu Wohnort unterschiedlich: In Baden-Württemberg liegt die Lebenserwartung in Deutschland mit 78,02 Jahren für Jungen und 83,02 Jahre für Mädchen am höchsten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren das 1,4 Jahre (Jungen) bzw. knapp ein Jahr (Mädchen) mehr als die durchschnittliche Lebenserwartung im gesamten Bundesgebiet. Am niedrigsten liegt die Lebenserwartung in Mecklenburg-Vorpommern mit 74,53 Jahren für Jungen und im Saarland mit 80,77 Jahren für Mädchen. Unmittelbar nach der Wende lag die Lebenserwartung im Osten Deutschlands unter der im Westen. Seitdem ist sie in den neuen Bundesländern deutlich gestiegen, so in Mecklenburg-Vorpommern um 5,7 Jahre für Jungen und 3,8 Jahre für Mädchen. Die höhere Lebenserwartung hat auch Auswirkungen auf das Miteinander der Generationen: Nur ein Fünftel der im Jahr 1900 Geborenen konnte im Alter von 30 Jahren noch mindestens ein Großelternteil erleben; von den im Jahr 2000 Geborenen werden dies bereits drei Viertel können.
Deutschland schrumpft
Ein Aspekt des demographischen Wandels, der Rückgang der Geburtenrate, hat Deutschland mit voller Wucht erreicht. 1972 gab es zum ersten Mal weniger Geburten als Todesfälle. Angebahnt hat sich diese Entwicklung schon viel früher. Seit Mitte der 1870er Jahre, kurz nach der Gründung des Deutschen Reichs und mit der fortschreitenden Industrialisierung, ging die Anzahl der Geburten pro Paar langsam zurück. Die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren markieren deutliche Einbrüche bei der Zahl der Geburten. Anfang der 1970er Jahre wird mit der Verbreitung der Anti-Baby-Pille dann der sogenannte "Pillenknick" in der Statistik sichtbar. 1972 sank die Geburtenrate schließlich unter die Sterblichkeitsrate, und auch der insgesamt leicht positive Saldo aus Zuzügen und Wegzügen konnte den Bevölkerungsschwund in den letzten Jahren nicht ausgleichen.
Die Auswirkung dieses Trends: Deutschland beginnt zu schrumpfen. 2007 hatte Deutschland nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts 82,21 Millionen Einwohner. 2050 werden es nach Modellrechnungen der Wiesbadener Behörde noch knapp 69 bis 74 Millionen sein. Damit wäre in etwa das Niveau des Jahres 1963 erreicht. Nach dieser Berechnung kämen 2050 auf ein Neugeborenes in Deutschland zwei 60-Jährige. Aus der Alterspyramide mit ihrer breiten Basis wird also zunehmend ein Pilz.
Der zweite Aspekt des demographischen Wandels: Die Zahl der Menschen, die 100 Jahre oder älter werden, liegt bereits heute fünf Mal so hoch wie 1980. Mindestens jedes zweite Kind, das heute geboren wird, erlebt voraussichtlich seinen 100. Geburtstag. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1953 und 2003 von 10,4 auf etwa 18 Prozent erhöht; bis 2050 könnte er Schätzungen der Bundesregierung zufolge auf rund 30 Prozent steigen. Anders ausgedrückt: Der Altersquotient, der das Verhältnis der 60-Jährigen und Älteren zur Altersgruppe der 20 bis 59-Jährigen zum Ausdruck bringt, lag im Jahr 2004 laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes (2006) bei 46. Im Jahr 1955 lag dieser Quotient noch bei 29, im Jahr 2050 könnte er schon bei 78 liegen. Auf 100 Menschen zwischen 20 und 59 Jahren werden dann 78 über 60-Jährige kommen - aber nur noch 34 unter 20-Jährige.
Obwohl der Anteil älterer Menschen wächst und diese länger gesund bleiben, ist ihre Beteiligung am Erwerbsleben nach wie vor gering. Lange lag der Anteil der 55-64Jährigen, die erwerbstätig sind, unter 40 Prozent. Erst seit 2000 gibt es einen Anstieg. Arbeitsmarktkonjunktur und Reformpolitik wirken dabei zusammen: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes stieg der Erwerbstätigenanteil in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren auf 48,0 Prozent im Jahr 2006. Allerdings ist dies vor allem auf einen Zuwachs bei den Frauen zurückzuführen. Bei den Männern hat sich nur wenig geändert. In einer Dienstleistungsgesellschaft, in der sich Wissen und Technologien immer schneller erneuern, scheint für ältere Arbeitnehmer wenig Platz zu sein. Die entwicklungspsychologische Kognitionsforschung zeigt zwar, dass sich Denkprozesse im Alter verlangsamen. Entsprechende Trainingsprogramme können diese Veränderungen aber ausgleichen. Menschen können ihre Flexibilität und Aufnahmefähigkeit im Umgang mit neuen Kontexten und Inhalten bis ins hohe Alter behalten, wenn sie solches Lernen regelmäßig üben.
Deutschland altert - und fühlt sich jung
Dass viele der negativ gefärbten Klischees, die das Bild des Alterns in Deutschland bestimmen, unzutreffend sind, belegt die interdisziplinäre Studie einer Wissenschaftlergruppe um den jüngst verstorbenen Berliner Altersforscher Paul Baltes, für die von 1996 an über 500 70- bis über 100-Jährige aus allen Bevölkerungsschichten befragt wurden. Als richtig erwies sich der Studie zufolge zwar die Annahme, dass die meisten alten Menschen eine Krankheit haben. Dennoch beurteilen 29 Prozent der über 70-Jährigen, die für die Studie befragt wurden, ihre körperliche Gesundheit als gut bis sehr gut; weitere 38 Prozent bewerten ihre Gesundheit als befriedigend. Richtig ist zwar, dass das Gedächtnis mit zunehmendem Alter immer schlechter wird, doch alte Menschen sind bis ins hohe Alter lernfähig - und zwar trotz schlechterer Gedächtnisleistungen. Falsch ist hingegen, dass Depressionen im hohen Alter häufiger auftreten. Ebenso wenig trifft die Annahme zu, alte Menschen verbrächten ihre Zeit vorwiegend mit Ausruhen oder seien inaktiv. Alte Menschen bestimmen ihr Leben in erster Linie selbst - so äußerten sich 70 Prozent der Befragten in der Berliner Altersstudie.
Umfragen belegen darüber hinaus, dass sich die meisten Menschen deutlich jünger fühlen, als sie sind - ein Indiz dafür, dass Zeit nicht der einzige Maßstab für das empfundene Alter sein kann. Es ist aber auch ein Anzeichen dafür, dass die Menschen die "Revolution der Lebensläufe", wie es der Publizist Claudius Seidl formuliert, noch nicht vollständig realisiert haben. Stattdessen begreifen sie die eigene geistige und körperliche Fitness immer noch als Ausnahme. "Wir werden," schreibt Seidl, "als Gesellschaft immer jünger, und als Einzelne werden wir nicht mehr älter, wir werden zumindest anders älter." Ein Mensch, der heute 60 Jahre alt ist, ist im Durchschnitt körperlich und geistig deutlich gesünder und aktiver und damit auch jünger, als das ein 60-Jähriger in der Generation seiner Eltern gewesen wäre. Unsere Gesellschaft, unsere Institutionen und unser Selbstverständnis orientieren sich aber noch an einer Zeit, als die Lebenserwartung kürzer war und der Anteil jüngerer Menschen deutlich größer. Eben dies gilt es zu ändern.
