Die Empfehlungen der Akademiengruppe Altern in Deutschland
(Kurzfassung)
Ausgangspunkt dieser Empfehlungen ist eine erfreuliche Tatsache: Die demographische Entwicklung des letzten Jahrhunderts hat das Leben der Menschen im Durchschnitt erheblich verlängert. Und nicht nur das: Man erreicht das höhere Alter auch bei besserer Gesundheit. Insofern bringt der demographische Wandel zwar Herausforderungen mit sich – er bietet aber auch große Chancen.
Polemiken wie sie in der Rede vom „Krieg der Generationen“ oder von der „vergreisenden Gesellschaft“ zum Ausdruck kommen, treffen ins Leere. Die Errungenschaften des Wohlfahrtsstaats lassen sich mit einer alternden und abnehmenden Bevölkerung grundsätzlich genauso erhalten wie das Wohlstandsniveau. Voraussetzung ist allerdings, die Anzahl der Beschäftigten zu vergrößern und ihre Produktivität zu erhöhen. Zweifellos gibt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt Reserven bei den über 55-Jährigen, bei Frauen und bei Migranten. Wir müssen aber auch die Volkswirtschaft und die einzelnen Betriebe, das System der Aus- und Weiterbildung und die Gesundheitsvorsorge anpassen. Gleiches gilt für Elemente der Zivilgesellschaft, etwa die Unterstützung von Familien.
Wie lassen sich die nötigen Reserven aktivieren? Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft mit einer älter werdenden Bevölkerung hängt von ihrem Veränderungswillen ab. Die vorliegenden Empfehlungen der interdisziplinären Akademiengruppe Altern in Deutschland bezeichnen wichtige Schritte zur Veränderung veralteter Ordnungen in der Welt der Bildung, des Arbeitsmarkts und in der Volkswirtschaft, in den Regionen und den Gemeinden, in Familie, Zivilgesellschaft und Politik, in den Köpfen der Menschen und in der Praxis des Alltags. Klar ist: Der demographische Wandel muss von einem institutionellen, sozialen und kulturellen Wandel begleitet werden, um zu einer demographischen Chance zu werden.
Um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden: Im Empfehlungstext bedeutet ein verlängertes Arbeitsleben nicht die schlichte Verlängerung von Arbeitsbiografien, wie sie heute in Deutschland üblich sind. Vielmehr geht es um die Veränderung der herkömmlichen Abfolge des Lebenslaufs in Bezug auf Bildung, Arbeit und Ruhestand. Es geht um den dafür nötigen Umbau von Strukturen in unterschiedlichen Lebensbereichen. Der demographische Wandel zwingt dazu, das Augenmerk von einer hochproduktiven mittleren Lebensphase auf die aktive Gestaltung des gesamten Erwachsenenlebens und des Alters zu lenken. Weiterbildung und Zeit für die Familie im mittleren Erwachsenenalter einerseits, dafür aktivere Teilnahme älterer Jahrgänge an Arbeitsmarkt und Zivilgesellschaft andererseits – das ist die große Herausforderung und zugleich die größte Chance des demographischen Wandels für den Einzelnen, den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft als Ganzes.
Bei der Ordnung und Bewertung der Befunde hat sich die Akademiengruppe von den besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen; aber auch von Zielen und Werten, die die Mitglieder der Akademiengruppe gemeinsam vertreten. Die Arbeitsgruppe ist der Auffassung, dass der Umgang mit Altern und Alter so gestaltet werden soll, dass die folgenden drei Ziele umgesetzt werden.
Erstens sollen die Chancen der einzelnen Personen, bis ins hohe Alter hinein ihr Leben selbständig und eigenverantwortlich zu gestalten, verbessert werden. Dazu ist es notwendig, dass die individuellen und kulturellen Bedingungen gegeben sind, die die Wahlfreiheit zwischen alternativen Tätigkeiten und Lebensformen entweder eröffnen oder offenhalten. Dabei muss die Unterstützung der Gestaltungsfreiräume jeder einzelnen Person dort ihre Grenzen finden, wo das Verhältnis zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Wohl des Ganzen aus dem Lot gerät.
Das Ziel besteht zweitens darin, das Verhältnis der Generationen produktiv, gerecht und solidarisch zu gestalten und der Trennung der Generationen entgegenzuwirken. Die Angehörigen unterschiedlicher Altersgruppen sollen befähigt werden, entsprechend der unterschiedlichen Stärken der Lebensphasen Beiträge zum gesellschaftlichen Leben zu leisten, vom Austausch mit den anderen Generationen zu profitieren und ihr längeres Leben für sich selbst besser gestalten zu können. In diesem Sinne wird eine Gesellschaft für alle Lebensalter angestrebt.
Drittens hat die Akademiengruppe ihre Arbeit an dem Ziel orientiert, aufbauend auf den Entwicklungsmöglichkeiten der Individuen und der Kooperation zwischen den Generationen die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft als Ganzes zu sichern und zu stärken. Die Potenziale des demographischen Wandels sollen so entwickelt und genutzt werden, dass dabei sowohl die individuellen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Gegenwart als auch ihre Zukunft mitbedacht werden.
Ob und in welchem Umfang diese Ziele erreicht werden, hängt von der Handlungsbereitschaft aller ab. Es liegt auf der Hand: Der demographische Wandel erhöht den ohnehin vorhandenen Veränderungsdruck auf den Einzelnen und die Kultur, auf Gesellschaft und Politik. Es kommt darauf an, ihn als Triebkraft für die nötigen Veränderungen zu nutzen. Dann trägt die demographische Alterung zur gesellschaftlichen Dynamik bei und wird zur demographischen Chance.
