„Altern 2050 wird sein, was wir daraus machen“
Symposium „Arbeit und Alter“ in Berlin
Von Miriam Buchmann-Alisch
Am 16. Oktober 2009 fand in Berlin das Symposium „Arbeit und Alter“ statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ diskutierten mit hochrangigen Vertretern aus Politik und Wirtschaft über ihre Empfehlungen für ein auf den demographischen Wandel abgestimmtes Arbeitsleben. Veranstalter war die Stiftung Brandenburger Tor gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und der Jacobs Foundation.
Im ersten Teil des Symposiums berichteten Mitglieder der Akademiengruppe, welche gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Hürden einem positiven Umgang mit dem Thema Arbeit und Altern entgegenstehen und welche Schritte wirksam sein könnten, um die Produktivität älterer Arbeitnehmer länger zu erhalten.
Die Empfehlungen der Akademiengruppe stießen auf dem Podium und beim Publikum auf beinahe durchweg positive Resonanz. Einig war man sich darin, dass es nicht an Impulsen und nachweislich wirksamen Maßnahmen mangelt, dem demographischen Wandel zu begegnen. Allerdings sahen alle Beteiligten großen Bedarf, diese in der Praxis, insbesondere im Arbeitsleben zu etablieren. „Altern 2050 wird sein, was wir daraus machen“, betonte Ursula Staudinger, die Vizesprecherin der Akademiengruppe.
Volkswirtschaften können sich anpassen
Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheim Research Institute for the Economics of Ageing, forderte dazu auf, die Produktivität älterer Menschen im Arbeitsleben stärker zu analysieren. „Mythen halten uns davon ab, mutig die richtige Politik zu wählen“, sagte der Ökonom. „Alternde Volkswirtschaften sind nicht zum Verlust von Lebensstandard gezwungen, sondern können sich anpassen.“
Anhand einer Studie seines Instituts rückte er dem „Mythos“ zu Leibe, ältere Arbeitnehmer seien weniger produktiv. Über 120.000 Beobachtungen zeigen, dass bei Arbeitnehmern bis 60 Jahre insgesamt kein Rückgang der Arbeitsleistung zu verzeichnen ist. „Physische Kraft und kognitive Leistung gehen in der Tat im Alter zurück, sogar schon sehr früh“, erklärte Börsch-Supan. „Dafür aber steigt die Erfahrung mit dem Alter.“ Die Produktivität insgesamt hänge davon ab, wie die individuellen Fähigkeiten für die Tätigkeit gewichtet und auf den jeweiligen Arbeitsplatz abgestimmt sind.
Auch, dass Ältere häufiger krank seien, entlarvte er als Mythos. „Im Gegenteil. Sie sind sogar seltener krank als jüngere Arbeitnehmer, insbesondere am Montag und am Freitag“, schmunzelte er.
Laufen hilft dem Denken auf die Sprünge
Die individuellen Chancen des Einzelnen im Alter beleuchtete Ursula Staudinger, Professorin an der Jacobs University. „Altern heute ist eine Momentaufnahme“, sagte sie. „Es kann bald ganz anders aussehen, wenn wir die Potenziale nutzen.“ Gesundheitliche Prävention macht es schon seit den achtziger Jahren möglich, dass Menschen die heute durchschnittlich nahezu 20 Jahre im Ruhestand zunehmend gesund verbringen und so im Alter ihren Lebensstil erhalten können.
Auch dass kognitive Leistungen ab einem bestimmten Alter langsamer werden, sei kein Naturgesetz. „Geistige Leistungen lassen sich durch Training verbessern“, sagte Staudinger. Sie wies darauf hin, dass das intellektuelle Niveau von Generation zu Generation wachse. Auch biologisch seien die heute über 60-Jährigen nachweislich um etwa fünf Jahre jünger als die vorherige Generation. Verantwortlich dafür sei ein aktiveres Leben. „Das Laufen hilft dem Denken auf die Sprünge“, unterstrich sie.
Zudem wirken abwechslungsreiche Arbeitsbiografien wie ein kognitives Training. Im Laufe des Lebens entdeckt der Mensch neue Talente in sich. „Längsschnittstudien zeigen, dass wir uns auch in unserer Persönlichkeit ändern. Wie werden emotional stabiler, verlässlicher und verträglicher“, resümierte Staudinger. „Allerdings nimmt die Offenheit ab. Für neue Kontexte braucht man vorbereitendes Training.“ Je besser und früher dies greife, desto produktiver sei der ältere Mensch. Und schließlich sind die Altersbilder entscheidend für das gesamte Wohlbefinden. Ganze sieben Jahre lebt ein Mensch im Durchschnitt länger, dessen eigenes Altersbild positiv ist.
Am produktivsten arbeiten altersgemischte Teams
Konkrete Vorschläge, wie ältere Arbeitnehmer aus betriebswirtschaftlicher Sicht länger in Unternehmen arbeiten können, stellte Thomas Zwick von der Ludwig-Maximilians-Universität München vor. Einerseits seien mit zunehmendem Alter einhergehende höhere Löhne für viele Unternehmen ein Grund, bei Neueinstellungen Jüngere zu bevorzugen. Andererseits bindet eben dieser Anreiz Senioren auch an den Arbeitsplatz. Eine Lösung sieht er in individuellen Leistungsanreizen und -anforderungen. „Am produktivsten arbeiten altersgemischte Teams“, erklärte er.
Weiterbildung sei auch bei älteren Arbeitnehmern effektiv, wenn sie den Einsatz in zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen zum Ziel habe. Als weitere Kriterien, die ältere Arbeitnehmer länger im Berufsleben halten, nannte er ein flexibles Auspendeln mit Teilrentenbezug und mehr Übergänge zu eher prestigeträchtigen Tätigkeiten in so genannten „zweiten Karrieren“.
Kontakte auch mit der jüngeren Generation
Mit zivilgesellschaftlichem Engagement Älterer befasste sich der Sprecher der Akademiengruppe Jürgen Kocka vom Wissenschaftszentrum Berlin. Diese Welt der mehr oder weniger unentgeltlichen freiwilligen Arbeit außerhalb der Familie hat in den letzten Jahren neue und flexiblere Formen gefunden. Zahlenmäßig liegt Deutschland dabei europaweit mit an der Spitze. „Allerdings ist das Engagement ungleich verteilt“, erläuterte Kocka. „Eindeutig engagieren sich mehr Erwerbstätige als Erwerbslose.“
Er plädierte dafür, die Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit weiter auszubauen. „Dies kommt sowohl der Gesellschaft als auch dem Einzelnen zugute“, schlussfolgerte Kocka. „Es bietet bis ins hohe Alter hinein die Möglichkeit, Kompetenzen zu
erhalten, soziale Anerkennung zu finden und Kontakte zu erhalten, auch mit jüngeren Generationen.“
Anreize, freiwillige Dienste auch bei Älteren noch stärker zu fördern, könnten darin bestehen, Fertigkeiten und Leistungen höher zu gewichten, die Ältere anbieten können, sowie besser zu informieren, offensiver zu werben und mehr Unkosten zu erstatten. Ganz entscheidend sei aber, schon in jungen Jahren die Bereitschaft dafür anzulegen. „Wer schon früh im Leben Erfahrungen mit Ehrenamt hat, ist auch im Alter eher geneigt und in der Lage, sich selbst zu engagieren“, erklärte Kocka.
Die Arbeitsorganisation muss stimmen
Auch in der anschließenden Diskussion lag der Fokus auf Altersbildern und Arbeitsorganisation. Axel Börsch-Supan wies dabei auf die große Diskrepanz zwischen Willensbekundungen und konkretem Handeln hin.
Klaus Brandner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, sagte, dass politisch ein Mentalitätswandel durchaus schon angestoßen wurde: „Doch jetzt fehlen die Handlungsempfehlungen. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe.“
Elke Hannack von der Gewerkschaft Verdi lehnte eine allgemeine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ab, sagte aber auch: „Die Arbeitsorganisation muss stimmen. Wir brauchen eine andere Unternehmenskultur, in der die Verantwortlichen einen vorurteilsfreien Umgang mit Älteren vorleben.“
Ein Umdenken in der Unternehmens- und Personalpolitik hielt auch Jürgen Niemann, Geschäftsführer der Personal DB Dienstleistungen, für nötig. „Wenn sich die Altersstereotype nicht ändern, nutzt jede andere Maßnahme nichts“, sagte er. Aus seiner Praxis wisse er: „Wenn ältere Arbeitnehmer sich nicht darauf freuen, länger bei der Bahn zu arbeiten, werden sie es auch nicht produktiv tun.“
Joachim Breuer, Geschäftsführer der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung, legte ein besonderes Augenmerk auf die Jugend. „Wer längere Arbeitsspannen erwartet, darf nicht den Fehler machen, Programme 50-plus aufzustellen, sondern sollte Programme 15-plus einführen“, sagte er. „Sie halten Menschen nur länger in Arbeit, wenn Sie früh anfangen.“
Tobias Kemnitzer, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen BAGFA, warb für mehr Partizipationsmöglichkeiten der Bürger. Gleichzeitig warnte er vor Vereinnahmung der freiwilligen Helfer: „Man tut häufig so, als könne bürgerschaftliches Engagement alle gesellschaftlichen Probleme lösen.“
Referentenliste des Symposiums
Weitere Informationen:
Senioren und Arbeit, Interview mit Prof. Dr Ursula Staudinger. In: DIE ZEIT Online vom 29.10.2009
Alternde Gesellschaft. Experten fordern den Senioren-Arbeitsmarkt. In: Spiegel Online vom 25.10.2009
Arbeiten im Alter. Opa darf's nicht lassen. In: DIE ZEIT Online vom 22.10.2009
