Bewegtes Alter
Sport hält graue Zellen fit
Von Miriam Buchmann-Alisch
Wer sich im Alter regelmäßig sportlich betätigt, bleibt nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit. Das belegen jüngere Studien. Doch welche Sportarten haben besonders positive Auswirkungen auf die grauen Zellen? Auf das Training von Ausdauer und Koordination kommt es bei der Bewegung an, wie erstmals die Ergebnisse der Studie „Bewegtes Alter“ der Jacobs University Bremen belegen.
Dafür suchten die Bremer Wissenschaftler etwa 100 Männer und Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren als Testpersonen aus: Gesund mussten sie sein, sportlich bislang nicht oder sehr wenig aktiv, aber willens, ein Jahr lang dreimal wöchentlich unter professioneller Anleitung ein Trainingsprogramm zu absolvieren. 91 Probanden blieben standhaft – und profitierten in mehrfacher Hinsicht.
Die Teilnehmer der Studie wurden drei Trainingsgruppen mit unterschiedlichem Programm zugeteilt: Nordic Walking, Koordinations- und Gleichgewichtstraining, Stretching- und Entspannungstraining. Die Robert-Bosch-Stiftung und die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) unterstützten die Längsschnittstudie finanziell.
Die Wissenschaftler wiesen nach, dass ein dreimaliges Ausdauer- oder Koordinationstraining pro Woche die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen erheblich steigern kann. Das Entspannungs- und Stretching-Programm dagegen hatte keinerlei Auswirkungen aufs Gehirn. Doch die Teilnehmer dieser Gruppe fühlten sich, wie alle anderen, zumindest körperlich besser in Form und auch ihr Wohlbefinden war deutlich besser.
„Durch bildgebende Verfahren und weitere Messungen konnten wir zeigen, wie das Gehirn im Laufe des Jahres bei der Lösung kognitiver Aufgaben funktionierte“, sagt Claudia Voelcker-Rehage, Sportwissenschaftlerin und Leiterin der Studie. „Wir waren überrascht, wie interessant die Ergebnisse auf neuronaler Ebene sind.“
So gelang der Nachweis, dass Senioren, die das Koordinationstraining absolvierten oder mit Nordic Walking ihre Ausdauer trainierten, unter anderem Informationen schneller und genauer wahrnehmen und verarbeiten und wesentlich gezielter wichtige von unwichtigen Informationen unterscheiden können. „Die Aktivierungsmuster des Gehirns änderten sich zum Teil sehr eindrucksvoll“, erzählt die Wissenschaftlerin.
Älteren Menschen legt sie deshalb ans Herz, möglichst bis ins hohe Alter Sport zu treiben: „Dafür reicht es schon, dreimal die Woche 45 Minuten beispielsweise zügig spazieren zu gehen, so dass man leicht außer Atem kommt“, rät sie. „Insbesondere im Alter wird Bewegung dann immer wichtiger, da in der Regel ein stärkerer Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit zu beobachten ist.“
Dies ist oft im Alltag gar nicht erkennbar, da ältere Menschen den Leistungsverlust durch die Hinzunahme weiterer geistiger Ressourcen kompensieren. „Um gleich gute Leistung zu erzielen wie jüngere Menschen, müssen sie bestimmte Regionen des Gehirns mehr aktivieren. Auf Verhaltensebene ist das kaum messbar“, erklärt die Wissenschaftlerin. Doch innerhalb der Studie zeigte sich in den Messungen mit der Magnetresonanztomografie, dass die Aktivität in den frontalen Hirnareale während der Lösung einer kognitiven Aufgabe bei den Teilnehmern der Walking-Gruppe in der Regel linear abnahm. „Dies deutet darauf hin, dass sie mit der Zeit weniger Ressourcen brauchten, um bestimmte Aufgaben effizient zu lösen.“
Diese Gruppe trainierte über das gesamte Jahr hinweg bei optimaler Herzfrequenz ihre Ausdauer. Von anfänglich 20 bis 25 Minuten Training steigerten sie sich bis zum Schluss auf etwa 40 Minuten. Voelcker-Rehage: „Ein Ende der körperlichen und geistigen Verbesserung war auch nach Ablauf der Studie nicht erreicht. Man kann also davon ausgehen, dass eine weitere Steigerung möglich wäre.“
Auch in der Gruppe für Koordinations- und Gleichgewichtstraining brachten die Messungen eine Veränderung der Hirnaktivität zutage. Insbesondere die visuell-räumliche Aufmerksamkeitsleistung verbesserte sich durch das Training. In den seitlichen (parietalen) Hirnarealen beobachteten die Wissenschaftler eine höhere Aktivierung als vor Beginn des Trainings. „Dies ist als eine Verbesserung des visuell-räumlichen Netzwerks zu werten“, erklärt Voelcker-Rehage. Dadurch können die Teilnehmer bei der Lösung von kognitiven Aufgaben visuelle Informationen besser oder schneller wahrnehmen und verarbeiten.
Auch wenn die Wirkungen nicht bei allen Menschen gleich sind. Fest scheint zu stehen, dass Bewegung selbst bei völlig Untrainierten in höherem Alter positive Effekte hat. „Man kann in jedem Alter mit Sport beginnen“, betont Voelcker-Rehage. „Natürlich ist das für das gesamte Befinden förderlich. Kraft, Ausdauer und Gleichgewicht sind in jedem Alter sehr gut trainierbar. Die Kraft kann sich sogar teilweise um über 100 Prozent verbessern.“ Dabei sollten die Bewegungsangebote individuell angepasst werden. „Der Begriff Sport ist dabei weit auszulegen. Das können Sitzgymnastikübungen sein oder ein zügiger Spaziergang im passenden Tempo.“
Mehr zur Studie:
Jacobs University Bremen: Die Studie "Bewegtes Alter"
Im Alter schneller und genauer denken. Fitness fürs Gehirn. C. Voelcker-Rehage u.a.. In: Ü-MAGAZIN, 6/2009
