Raus aus der Pflicht – rein in die Kür
Senior-Experten weltweit im Einsatz
von Miriam Buchmann-Alisch
Immer mehr Menschen möchten nach einem erfolgreichen Arbeitsleben nicht komplett in den Ruhestand treten. Ihnen bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten, auch nach ihrem Eintritt in die Rente ihre Erfahrungen und Kompetenzen in Projekte im In- und Ausland einzubringen. Von ehrenamtlichen bis hin zu hochdotierten freiberuflichen Einsätzen reicht die Spanne der Möglichkeiten, als Senior-Experte aktiv zu sein. Einige Organisationen und Unternehmen haben sich komplett auf die Vermittlung von Experten „im Ruhestand“ spezialisiert.
Prognosen der Bundesregierung zufolge werden in Deutschland ab 2014 aufgrund von Geburtenrückgang und gestiegenen Anforderungen der Unternehmen zwischen 180.000 und 490.000 qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Allein bis 2011 verlassen über 330.000 Akademiker aus Altersgründen den Arbeitsmarkt.
Dass der zunehmende Fachkräftemangel auch neue Chancen insbesondere für qualifiziertere ältere Arbeitnehmer eröffnet, zeichnet sich schon jetzt ab. So besitzt der Bundesverband Personalvermittlung zwar keine exakten Zahlen über die Vermittlung Älterer, stellt jedoch fest, dass die Tendenz, eine Stelle zu finden, in der Regel umso größer ist, je spezieller die Fähigkeiten sind.
Karriere nach der Karriere
Der steigende Bedarf an Erfahrungswissen eröffnet einen Raum für neue und zeitgemäße Geschäftsmodelle. Schon in den ersten Jahren nach der Gründung ist die Internet-Plattform „Erfahrung Deutschland“ erfolgreich am Markt. Seit 2006 sammelt und bündelt das Netzwerk das Erfahrungswissen ehemaliger Fach- und Führungskräfte und stellt es Unternehmen für anspruchsvolle Projektarbeit zur Verfügung – zum Beispiel im Vertrieb, bei der Beschaffung, im Controlling oder im Marketing. Diese Idee brachte dem Netzwerk den „Zukunftsaward 2007“ für die beste Dienstleistungsinnovation in Deutschland ein.
„Hierbei geht es nicht um soziale Integration Älterer. Es handelt sich häufig um knallharte wirtschaftliche Überlegungen. Für viele Firmen wird der einzige Ausweg sein, sich die Qualifikationen der Älteren über den Ruhestand hinaus zu erhalten“, sagt der Geschäftsführer von „Erfahrung Deutschland“, Steffen Haas.
Das im öffentlichen Bewusstsein häufig negativ wahrgenommene „50plus“ wird bei „Erfahrung Deutschland“ ins Positive gewendet. „Voraussetzung ist, dass die Interessenten mindestens im Vorruhestand, also Mitte 50 und Experten auf einem bestimmten Gebiet sind“, erläutert Haas. 7.500 registrierte Senior-Experten aus über 100 Branchen hat das Netzwerk mittlerweile, mit über 50 Funktionen in fast allen Sprachen der Erde. Der derzeit Älteste ist 76 Jahre alt und leitet ein Gesamtprojekt in einem Konzern in der Energiebranche.
Da es sich um keine Arbeitsverhältnisse mit Festanstellung handelt, nehmen die Senior-Experten den Jüngeren keine Arbeitsplätze weg. „Die Hochkaräter wollen nicht mehr zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Sie haben ein langes und erfolgreiches Berufsleben hinter sich und sind in der Regel wirtschaftlich unabhängig“, erklärt Haas. „Unsere Senior-Experten verstehen sich vielmehr als willkommene Ergänzung zum ersten Arbeitsmarkt: Sie sind bereit, ihr spezifisches Fachwissen projektbezogen weiterzugeben. Die meisten sehen ihr Engagement frei nach dem Motto: Raus aus der Pflicht – rein in die Kür.“
Die Dauer der freiberuflichen Tätigkeit ist abhängig von Projektverträgen und kann Zeiträume von einem Monat bis zu drei Jahren umfassen. Weniger variabel ist in der Regel das Einsatzgebiet, wie Haas erläutert: „Wer sein Leben lang im Kernbereich Logistik gearbeitet hat, wird meist auch weiterhin in diesem Bereich tätig sein. Es kommt auch vor, dass er wieder für seine ehemalige Firma arbeitet.“ Das Gehalt ist dabei reine Verhandlungssache.
26.000 Jahre Know-how für Bosch im Einsatz
Ein lange Zeit in Deutschland einzigartiger Ansatz wurde in der Metallindustrie entwickelt. Was vor zehn Jahren mit 30 ehemaligen Bosch-Mitarbeitern begann, gilt heute mit 880 über den ganzen Globus verteilten Senior-Experten als ein Vorzeigemodell dafür, wie jahrzehntelang aufgebautes Know-how pensionierter Mitarbeiter profitabel genutzt werden kann. Die 1999 gegründete Bosch Management Support GmbH (BMS) bietet zeitlich befristete Beratungsleistungen durch Bosch-Pensionären. Im vergangenen Jahr absolvierten die Pensionäre im Alter zwischen 60 und 75 Jahren 580 Einsätze mit insgesamt mehr als 20 000 Beratertagen, davon die Hälfte außerhalb Deutschlands. Der BMS-Umsatz lag bei knapp 13 Millionen Euro.
Die Senior-Experten sind überall dort gefragt, wo es bei Engpässen kurzfristigen, aber sehr professionellen Bedarf gibt. Dies kann beispielsweise beim Anlauf einer Fertigungslinie in einer Auslandsgesellschaft, bei der Reorganisation des Rechnungswesens in einem Geschäftsbereich oder bei der Qualitätssicherung in einer Produktionsstätte der Fall sein. Spezifisches Fach- und Führungswissen, fundierte Kenntnisse des Unternehmens und der Kultur ermöglichen es den ehemaligen Bosch-Mitarbeitern, ohne lange Einarbeitungszeiten ins Projekt einzusteigen.
„Jeder verfügt über 30 bis 40 Jahre Bosch-Erfahrung. Insgesamt kommen so mehr als 26.000 Jahre an Know-how zusammen. Dies ist ein unschätzbarer Wert, den wir unbedingt so lange wie möglich an Bord halten wollen“, sagt Dr. Alfred Odendahl, der sich zusammen mit Thomas Heinz die Geschäftsführung teilt. Beide sind selbst pensionierte Bosch-Mitarbeiter und üben ihr Amt in Teilzeit aus.
Das Konzept bietet Vorteile für beide Seiten: Schlüsselqualifikationen und Erfahrung bleiben im Haus, aktive Senior-Experten erfahren Wertschätzung nach ihrer Pensionierung und verdienen noch nebenbei. Dabei sind die Honorarsätze der BMS-Experten im Vergleich zu externer Beratung geringer, was für das Unternehmen nicht nur effizienter ist, sondern auch Wettbewerbsvorteile bedeutet.
Das Expertenwissen der Berater dient dabei häufig der Unterstützung von jüngeren Kollegen. Daraus entsteht ein generationenübergreifender Austausch im Sinne gemeinsamen Lernens. Während die Jungmanager den Älteren beispielsweise neue Software besser vermitteln können, haben die Senior-Experten oft jahrelange Routine in Führungs-, Motivations- und Fachfragen. Odendahl: „Alter ist in unserem Unternehmen mit Erfahrung und damit positiv besetzt. Wo dies nicht der Fall ist, kann ein solcher Ansatz auch nicht funktionieren.“
Die ältere Generation steht der jüngeren beiseite
Senior-Experte Dr. H. Eichler in China
Bild: SES
Der SES wurde im August als „Ausgewählter Ort 2009“ im Land der Ideen ausgezeichnet. Die Geschäftsführerin Dr. Susanne Nonnen erläutert das Konzept: „Das Wissen und die Erfahrungen von Menschen im Ruhestand liegen nicht brach, sondern werden zur Lösung von wirtschaftlichen Problemen hauptsächlich in Entwicklungs- und Schwellenländern eingesetzt.“
Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika beispielsweise halfen Senior-Experten des SES mit, die Verkehrswege rund um Port Elisabeth zu verbessern. Einen langfristigen Plan dafür legte der Verkehrs- und Senior Experte Prof. Dr. Klaus Habermehl dem Ministerium der Provinz Ostkap vor. Unter anderem geht es um einen Verbund aus Taxis, Kleinbussen und Bussen, um den Besucherstrom zu bewältigen. Dieser Pplan soll über die Fußball-WM hinaus wirken und die Verkehrsverhältnisse nachhaltig positiv beeinflussen.
Senior-Expertin A. Stüber in Kambodsch
Bild: SES
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